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Interview Die gesamte Wikipedia lesen - warum tun Sie sich das an, Herr Grünlich?

Peter Grünlich
Jeden Tag des vergangenen Jahres las sich der Buchautor Peter Grünlich durch die Online-Plattform Wikipedia und hat dabei einiges gelernt
© privat
Buchautor Peter Grünlich wollte alle deutschen Wikipedia-Einträge lesen. Ganz hat er es nicht geschafft, obwohl die Online-Enzyklopädie ein Jahr lang sein Leben bestimmte. Doch was hat er gelernt?

GEO.de: Herr Grünlich, Sie haben versucht, Wikipedia durchzulesen. Warum haben Sie sich das angetan?

Peter Grünlich: Ich hatte meinen Job gekündigt und ging auf eine mehrjährige Weltreise. Plötzlich hatte ich viel Zeit und wenn mir langweilig war, surfte ich auf meinem iPad in Wikipedia. Dabei bin ich auf erstaunlich spannende und überraschende Artikel gestoßen vom Kunstfurzer bis zu erstaunlichen Todesarten.

Wie lange würde es dauern, die gesamte deutsche Wikipedia zu lesen? Und wie viel davon haben Sie wirklich gelesen?

Nach meinen Berechnungen würde es bei sehr hoher Lesegeschwindigkeit rund 11 Jahre dauern, wenn man solange auf jeglichen Schlaf verzichtet. Aber bis dahin kommen wieder weitere Artikel hinzu. Ich konnte natürlich nur einen kleinen Teil lesen. Aber ich habe das letzte Jahr jeden Tag mit Wikipedia verbracht. Das Buch ist die Essenz meiner Entdeckungen.

Der "Alleswisser" Peter Grünlich

Peter Grünlich ist Journalist, unter anderem schreibt er für die Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und den Spiegel. Peter Grünlich ist allerdings ein Pseudonym, unter welchem der Autor bereits mehrere Bücher veröffentlicht, unter anderem mit Katja Berlin, der Autorin der "Torten der Wahrheit" in der Wochenzeitung Die Zeit. Sein neuestes Werk, "Der Alleswisser - wie ich versucht habe, Wikipedia durchzulesen, und was ich dabei gelernt habe", ist im Münchner YES Verlag erschienen und kostet 15 Euro.

Warum Wikipedia? Warum nicht alle Brockhaus-Bände?

Die Brockhaus-Enzyklopädie hat mich auch immer faszinierend. Ich habe es geliebt, darin zu blättern. Für eine Weltreise bietet sich die monumentale Ausgabe mit 25.0000 Seiten und 100 Kilogramm leider nicht an. Und online ist Wikipedia einfach mittlerweile das beste Pferd im Stall.

Wo haben Sie angefangen? Bei A wie Aal? Oder bei einem bestimmten Thema, der Römischen Geschichte zum Beispiel?

Ich wollte alphabetisch anfangen. Der erste Artikel hatte es gleich in sich. Er widmet sich einem Zeichen: der lateinischen Minuskel I mit aus dem Zentrum hervortretendem, linksdrehendem Haken. Es steht für den stimmlosen lateralen alveolaren Frikativ - ein stimmloser, mit der Zunge am oberen Zahndamm gebildeter Reibelaut. Er wird leider nur in Walisisch, Kalaallisut, also Grönländisch, Batsisch und Navajo gebraucht. Ich hab mir vorgenommen, den nächsten Waliser, den ich treffe, bei einem gepflegten Glas Bier um einen stimmlosen lateralen alveolaren Frikativ zu bitten. Ich habs dann lieber mit zufälligen Artikeln weitergemacht, das war wie eine Lotterie.

Wurde das nicht irgendwann schrecklich langweilig? Wikipedia besteht aus Fakten, Fakten und Fakten…

Manchmal ist es stinklangweilig. Die aserbaidschanische Sportschützin Irada Asumova gewann 2004 eine olympische Bronzemedaille mit der Sportpistole. Dann kommt wieder ein Knaller. Literatur zählte von 1912 bis 1948 zu den olympischen Disziplinen. Bei den Clownfischen leben mehrere Männchen in einem von einem Weibchen dominierten Harem zusammen. Stirbt das Weibchen, wechselt einer der männlichen Clownfische sein Geschlecht und wird zur Chefin der Schar. Die besten Artikel habe ich fürs Buch heuausgepflückt.

Als Autor sind Sie ständig auf der Suche nach Geschichten, nach dem Besonderen, das aufhorchen lässt. Welche skurrilen Geschichten stecken in der Wikipedia? Und wie findet man Sie?

Jede Menge unglaublicher Geschichten. Der Deutsche, der unerklärlicherweise in Bulgarien verschwunden ist. Ein Hahn, der monatelang ohne Kopf lebte. Der Schimpansenkrieg in Tansania. Eine Lachepidemie. Wikipedia steckt voller faszinierender Geschichten.

Welcher ist Ihr liebster Eintrag?

Da gibt es viele. Mir haben die Schmuckeremiten gut gefallen. Das waren bärtige, gebildete Gesellen, die meist kaum bekleidet und nur mit einer Bibel in abgelegenen Hütten herrschaftlichen Gärten während des 18. und 19. Jahrhunderts hausten und vom Hausherren für ihren Anblick und die Inspiration bezahlt wurden. Das wäre ein Job, der mich interessieren würde.

Wie hat sich die Funktionsweise unseres Wissens verändert? Hat die Schwarmintelligenz von Millionen Wikipedia-Autorinnen das Wissen der großen Denker, der Hegels, Humboldts, Darwins und Newtons endgültig abgelöst?

Das denke ich nicht. Wikipedia versammelt viel Wissen, aber eben nur in Häppchen. Die großen Denker haben die Zusammenhänge verständen und erforscht. Das macht Wikipedia nicht. Aber es ist trotzdem großartig, so viel Wissen kostenlos und für jeden zugänglich zu bekommen.

Und trotzdem wollen sie Universalgelehrter werden, schreiben Sie in ihrem Buch - wenn auch nicht ganz ohne Ironie. Geht das heute überhaupt noch? Oder ist unsere Welt bereits viel zu komplex, um von einem einzelnen Menschen erfasst zu werden?

Heutzutage kann man es nur noch mit Spezialisierung versuchen. Es fällt schon schwer, sämtliche Mottenarten und ihre Fortpflanzungstechniken zu durchdringen. Die sind übrigens sehr interessant, das Männchen rammt dem Weibchen seinen Penis regelrecht in den Bauch wie ein Messer. Ein Menschenleben reicht kaum mehr aus, um sich mit einem Thema umfassend zu beschäftigen.

Schafft es denn die Wikipedia, ein solch vollständiges Bild der Welt zu zeichnen, selbst wenn kein Mensch es wirklich erfassen kann?

Leider nicht. Die Welt wird nicht einfacher, wenn man mehr weiß, sondern wundersamer und komplizierter. All die Pflanzen und anderen Lebewesen, die sich ihrer Umwelt optimal angepasst haben, all die unglaublichen Biografien, die die Menschheit hervorgebracht hat, all die Stoffe und Farben, Orte und Phänomene machen das Leben auf unserem Planeten unendlich vielfältig und interessant.

Schülern wird meist nur eine Sache über die Wikipedia beigebracht: Man kann ihr nicht trauen. Woher wissen Sie, welcher Eintrag korrekt ist und welcher fehlerhaft?

Wikipedia ist erstaunlich zuverlässig. Es hat bei mehreren Studien besser abgeschnitten als renommierte Enzyklopädien. Aber auch Wikipedia ist fehlerhaft. Ich würde mich im Zweifel nie auf eine Quelle verlassen.

Was können unsere Schulen von der Wikipedia lernen? Was sollten Sie sich auf keinen Fall abschauen?

Wissen muss nicht langweilig sein. Leider gibt es kein Netz des Wissens, das einen allumfassenden Bogen des Verständnisses zwischen all den vielen Fakten spannen würde. Ich habe stattdessen gelernt, dass es sich lohnt, genauer hinzusehen, da jedem Geschöpf und jedem Aspekt des Weltgeschehens eine Überraschung innewohnt.


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