Mercator-Projektion Wie Weltkarten unser Bild der Erde verzerren

Unsere typische Weltkarte verzerrt die Größenverhältnisse der Erde: Afrika ist zu klein dargestellt, Europa und die USA sind zu groß. Woran liegt das? Und was hat ein Duisburger Kartograf aus dem 16. Jahrhundert damit zu tun?
Gerardus Mercator Natus und Jodocus Hondius Natus

Der Kartograf - und Universalgelehrte - Gerhard Mercato erfand im 16. Jahrhundert die Weltkarte neu

Die Seefahrt im 16. Jahrhundert war das reine Wagnis. Nicht nur, weil die Holzplanken der großen Segelschiffe den brachialen Wellen des Atlantiks oder Pazifiks standhalten mussten. Sondern auch, weil die Seeleute sich mit wenigen Mitteln auf dem Ozean - also dort, wo jeder Punkt am Horizont gleich aussieht - orientieren mussten.

Als Chripstoph Kolumbus 1492 in Amerika anlandete, herrschte die Lehrmeinung, die Erde sei eine Scheibe. Als Ferdinand Magellan und Francis Drake Anfang des 16. Jahrhunderts die Erde umsegelten, wurde die Globusgestalt der Erde kaum noch angefochten. Die Erde war eine Kugel geworden.

Die Probleme für Seefahrer wurden damit allerdings nicht weniger: Denn legt man auf der Erde eine Strecke zurück, folgt man immer der Krümmung ihrer Kugel. Für die Navigation - besonders auf hoher See - müssen Entdecker aber gerade Linien ziehen. Um diese zeichnen zu können, braucht es zweidimensionale Karten.

Die Mission der Kartografen: die Quadratur des Kreises

Doch wie kriegt man die gekrümmten Linien eines Globus auf eine Karte aus Papier - und bildet dabei trotzdem exakt die Verhältnisse der Erde ab?

Karten, die das versuchten, waren im 16. Jahrhundert besonders beliebt und nachgefragt beim europäischen Großbürgertum: Die Welt sollte nicht nur verstanden, sondern erkundet und vermessen werden - was vielerorts auch die Unterdrückung und Ausbeutung der Natur und der Menschen bedeutete.

Die waghalsigen Entdecker mussten sich bei ihren Fahrten ins Ungewisse auf kartografische Methoden verlassen, die bereits 1400 Jahre vor ihrer Geburt erfunden worden waren. Die meisten Karten beruhten auf einem Modell des griechischen Mathematikers und Astronomen Ptolemäus, mit welchem man einen Kurs in konstanter Richtung nur als gekrümmte Linie zeichnen konnte - für weite Strecken denkbar unpraktisch.

Mercator Weltkarte

Mercators Weltkarte ermöglichte Seefahrern, in weiten Gewässern zielgenau zu navigieren - trotz der immensen Verzerrungen an den Polen der Erde

Gerhard Mercator erfindet die Welt neu

Gerhard Mercator, der am 5. März 1512 in Rupelmonde in Flandern geboren wurde, sollte das ändern. Er prägt bis in die Gegenwart das Bild, das sich die Menschen von der Erde machen, auf der sie stehen. Mercator veröffentlichte 1569 in Duisburg die Nova et Aucta Orbis Terrae Descriptio ad Usum Navigantium Emendate Accommodata - die Neue und vollständigere Darstellung des Erdglobus für den Einsatz in der Navigation.

Seine Methode war so einfach wie genial: Er bildete die Erdkugel auf einem Zylinder ab. Dafür imaginierte er den Erdmittelpunkt als Projektionszentrum, von dem aus alle Punkte des Globus auf den Zylinder übertragen werden. Das Prinzip kann man sich mit einem einfachen Gedanken vor Augen führen: Rollt man ein großes Blatt Papier zu einem Zylinder und stülpt diesen über den einen Globus, liegt das Blatt an genau einer Linie - einem Breitengrad -  an der Kugel an. In Mercators Modell ist das der Äquator.

Überträgt man nun alle Punkte der Kugel auf die Karte und möchte damit ein lückenloses Abbild erschaffen, entstehen unweigerlich Verzerrungen. Je weiter der Abstand vom Äquator, desto größer erscheinen die Abstände zwischen zwei Punkten. An den Polen führt das zu fast surrealen Abbildungen: Grönland erscheint ebenso groß wie ganz Afrika - und ist dabei kleiner als Algerien:

Dennoch: Mercator hatte seine Karte für einen bestimmten Zweck geschaffen: „für den Einsatz in der Navigation“. Diesen erfüllte sie und wurde so zum Handwerkszeug für die großen Entdecker, die vor allem aus Spanien, Portugal und England in die Welt segelten, um diese zu erkunden, zu unterwerfen und auszubeuten - aber auch, um zu erforschen, wie weit die Erde von der Sonne entfernt ist. Weil sie eine winkeltreue Abbildung des Globus darstellte, konnten Seefahrer ihre Kurse als gerade Linien auf Mercators Karte eintragen.

Ihre Gültigkeit hat die sogenannte Mercator-Projektion bis heute nicht verloren: Sie ist eine wesentliche Grundlage für digitale, auf Satelliten basierende GPS-Karten. Gleichzeitig prägte sie aber auch die Vorstellung, die sich Menschen von der Erde machen.

Denn allein dank ihrer schieren Größe ist die Erdkugel ein Ort, der für das einzelne Individuum nicht real erfahrbar ist, sie muss zwangsläufig imaginiert werden. In der Vorstellung der Europäer im 16. Jahrhundert war Europa das Zentrum der Welt. In Weltkarten, die heute Wohnzimmerwände schmücken, in Diercke-Weltatlanten, in denen Generationen von Schulklassen Koordinaten abtragen mussten, in Karten der Tagesschau - Europa ist das Zentrum der Welt geblieben.

Weltkarte
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Das hat Folgen: Wer auf Papua-Neuguinea lebt, wohnt scheinbar abgeschieden am Rand der Welt, in London dagegen residiert man in deren Zentrum. Australien scheint unfassbar groß zu sein, obwohl der Kontinent mit Ozeanien nur rund 8 Millionen der 510 Millionen Quadratkilometer der gesamten Erdoberfläche einnimmt. Afrika, mit 30 Millionen Quadratkilometern der zweitgrößte Kontinent der Erde, sieht ähnlich groß aus wie Europa - das sich nur über rund ein Drittel dieser Fläche erstreckt.

Diese Unzulänglichkeiten, die Mercators Projektion beinhalten, schmälern den Verdienst seiner Erfindung nicht. Trotzdem weisen sie darauf hin, dass auch etwas scheinbar so Objektives wie eine Karte der Welt eben doch immer nur eine ganz bestimmte Sicht auf die Wirklichkeit ist - von einem festen Standpunkt aus ermöglicht, aber durch diesen auch begrenzt.

Diesen Standpunkt zu hinterfragen und anders aufzuarbeiten, kann erhellend sein. So zeigt zum Beispiel eine Animation von Neil Kaye, Klimadatenwissenschaftler beim nationalen meteorologischen Dienst des Vereinigten Königreichs, wie die Länder dieser Erde auf einer Karte aussehen würde, die sich nicht um weiße Flecken zwischen ihnen schert, aber ihre exakte Größe darstellt.