Mutterliebe im Tierreich Orca-Mutter trennt sich erst nach 17 Tagen von ihrem totem Baby

Ein Schwertwal-Weibchen und ihr totes Baby sorgen seit Wochen für Schlagzeilen. Ein außergewöhnlicher Fall von Mutterliebe im Tierreich? Wir sprachen mit dem Wal-Experten David Pfender
Orca-Mutter stößt totes Jungtier an Wasseroberfläche

Tahlequah - oder wissenschaftlich J35 - ist der Name der Orca-Dame, die 17 Tage lang ihr Baby bei sich behielt

Dass trauernde Orca- und Delfin-Mütter ihre toten Babys bei sich behalten, ist schon länger bekannt. Einzelne Tiere wurden schon dabei beobachtet, wie sie sich eine Woche lang um den toten Nachwuchs kümmerten. Diesen traurigen Rekord hat nun eine Orca-Dame gebrochen. 17 Tage lange konnte sie sich von ihrem toten Baby nicht trennen – und nahm es auf ihrer Schnauze auf eine 1600 Kilometer lange Reise mit. Erst vor wenigen Tagen konnte sie sich von ihrem Kind trennen und ließ es zu Boden sinken. "Ihre Trauerreise ist nun vorbei, und sie zeigt ein bemerkenswert ausgelassenes Verhalten", heißt es in einer Pressemitteilung des Center for Whale Research.

GEO.de: Herr Pfender, wie ist das Verhalten des Orca-Weibchens zu erklären?

David Pfender: Es gibt immer wieder Beobachtungen, dass Delfine, Tümmler, aber auch Orcas ihre toten Babys über einen längeren Zeitraum transportieren, dass sie immer wieder versuchen, es an die Wasseroberfläche zu bringen. Wissenschaftlich ist es nur schwer zu beweisen, aber man kann das als Trauerverhalten interpretieren.

Könnte es nicht auch sein, dass die Mutter einfach nicht verstanden hat, dass ihr Baby tot ist?

Nein, das würde ich ausschließen. Dass Mütter trauern, sehen wir übrigens auch bei Delfinen in der Gefangenschaft. Tote Jungtiere werden meist schnell aus dem Becken geholt. Und es kommt häufig vor, dass sich die Mutter dagegen heftig wehrt.

Warum ist so ein Verhalten nur von Orcas und Delfinen bekannt?

Orcas haben eine starke Familienbindung, sie verbringen ihr ganzes Leben in einem festen Familienverbund. Das könnte ein Grund sein. Aber es gibt noch einen anderen: Es sind Arten, die sich gut beobachten lassen und die bislang am besten untersucht sind. Finn- und Blauwale zum Beispiel leben meist nicht so nah an den Küsten. Es gibt immer wieder Hinweise, dass es auch bei anderen Walarten sehr viel mehr gibt an Kultur und Sozialverhalten, das wir einfach noch nicht kennen.

Die Orca-Population im Nordostpazifik ist akut vom Aussterben bedroht. Warum?

Das Problem sind die Lachsbestände. In dem fraglichen Gebiet wurden viele Staudämme gebaut, die die Lachse daran hindern, zum Laichen die Flüsse hinaufziehen. Dadurch ist die Lachspopulation schon stark dezimiert. Und davon sind natürlich auch die Orcas betroffen. Hinzu kommt, dass Orcas als Jäger weit hinten im Nahrungsgeflecht stehen. In ihnen reichern sich verschiedene Schadstoffe an, die sie mit ihrer Beute aufnehmen. Die Giftstoffe sind überall im Meer und lagern sich beispielsweise auch an Mikroplastik-Partikeln an.

Könnte das auch ein Grund sein für den Tod des Babys?

Das kann man natürlich nur schwer nachweisen, zumal eine Obduktion jetzt nicht mehr möglich ist. Es gibt Publikationen, denen zufolge im Fettgewebe von Orcas vermehrt Schadstoffe nachgewiesen wurden - die auch für eine gestörte Reporduktion verantwortlich sein können. Es ist wie mit dem Rauchen beim Menschen: Man kann davon Krebs bekommen, muss es aber nicht.

Der Biologe David Pfender ist Kampagnen- und Projektreferent bei der Organisation Whale and Dolphin Conservation.

Zur Startseite