Wald im Klimastress "Schon wenige Grad können darüber entscheiden, ob ein Wald lebt oder stirbt"

Wegen der anhaltenden Hitze und Trockenheit sterben Bäume in deutschen Wäldern zu Millionen. Im Interview spricht der Forstexperte László Maráz vom Forum Umwelt und Entwicklung über Maßnahmen und Konsequenzen
WaldEN Magazin 03/2019

Trockenheit und Hitze lassen in Deutschland millionenfach Bäume sterben

GEO.de: Förster sprechen schon von einem Waldsterben 2.0, der Bund deutscher Forstleute (BDF) hat den Klimanotstand ausgerufen. Ist die Klimakrise jetzt im Wald angekommen?

László Maráz: Ganz sicher. Schon im letzten Jahr gab es massive Hitze- und Dürreperioden, das hat viele Waldbestände an den Rand ihrer Existenz gebracht, vor allem Fichten-, aber auch Kiefernplantagen. In diesem Jahr erwischt es auch naturnähere Wälder mit großem Laubbaumanteil. Auch die halten so viel Trockenheit und Hitze einfach nicht mehr aus. Selbst Naturwald kommt irgendwann an seine Grenzen.

Was muss jetzt passieren? Brauchen wir neue Baumarten?

Es werden zwar immer wieder schnell wachsende und hitzeresistente Wunderbaumarten ins Spiel gebracht. Aber man weiß auch von ihnen nicht, wie sie auf die massiv veränderten Bedingungen reagieren. Was man jetzt nur tun kann, ist, die Wälder zu schonen, vor allem auch die Laubwälder nicht weiter aufzureißen. Möglichst wenig, möglichst schonend einschlagen, damit das Kronendach weitgehend geschlossen bleibt. Denn sonst kommen Wind und Sonne rein und sorgen für zusätzlichen Stress. Wichtig ist auch, dass möglichst viel Totholz im Wald bleibt. Denn das kann, falls es dann doch mal regnet, Wasser speichern und so für ein mehrere Grad kühleres Wald-Innenklima sorgen. Schon wenige Grad mehr oder weniger über einige Wochen können darüber entscheiden, ob ein Wald lebt oder stirbt.

Ministerpräsident Markus Söder hat angekündigt, die bayerischen Wälder in "Klimawälder" verwandeln zu wollen. Ein guter Anfang?

Die wirtschaftlichen Interessen hintanzustellen, ist auf jeden Fall richtig. Denn all die Funktionen des Waldes – zum Beispiel Kühlung, Wasserspeicher und Kohlenstoff-Senke – sind mehr Wert als der reine Holzwert. Bisher kalkulierten die Bayerischen Staatforsten mit rund 70 Millionen Euro pro Jahr, die sie an den Finanzminister abführen. Die schwarze Null ist ein erster Schritt. Vielleicht brauchen wir aber auch noch mehr Geld, etwa für mehr Forstpersonal, aber auch, um länger abwarten zu können, was die Natur von sich aus an jungen Bäumen hervorbringt. Wir wissen schon länger, dass der Wald zum Patienten geworden ist, der unsere Unterstützung braucht. Wenn bei einer naturnahen, schonenden Waldnutzung ein bisschen vermarktbares Holz rausspringt: gerne. Aber Vorrang muss der Walderhalt haben.

Was wünschen Sie sich von Waldbesitzern und Förstern?

Die Forstverantwortlichen müssen gegenüber der Politik deutlicher fordern, dass die endlich ernst macht mit dem Klimaschutz. Und sie sollten das Demonstrieren nicht allein den Schülerinnen und Schülern überlassen, sondern mitmachen. Denn wir können Schutzgebiete schaffen, Ökowälder fördern wie wir wollen – wenn wir das mit dem Klima nicht packen, hat das alles keinen Zweck. Wenn es in Deutschland vier oder fünf Grad wärmer wird, bekommen wir eine komplett andere Vegetation. An den Wald, wie wir ihn kennen, wäre dann nicht mehr zu denken.

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