Welttierschutztag Kastrieren ohne Betäubung - Wie Bauern und Politik mit der Tierquälerei weitermachen wollen

Ab dem 1. Januar 2019 sollte Schluss sein mit der betäubungslosen Kastration von Ferkeln. Fünf Jahre hatte die Branche Zeit zur Umstellung. Jetzt geht die Schweinerei wohl in die Verlängerung. Ein Kommentar von GEO.de-Redakteur Peter Carstens zum Welttierschutztag am 4. Oktober
Ferkel

Nach geltendem Recht dürfen männliche Ferkel bis zum siebten Lebenstag einschließlich ohne Betäubung kastriert werden

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

„Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“, heißt es zu Beginn des Tierschutzgesetzes. Das muss man sich, besonders am Welttierschutztag, mal auf der Zunge zergehen lassen. Sogar ins Grundgesetz der Bundesrepublik hat es der Tierschutz geschafft: Der Staat, heißt es in Artikel 22a, schütze auch die Tiere.

In der Realität sieht das so aus: Alle zwei Sekunden klemmt ein Arbeiter ein wenige Tage altes, männliches Ferkel in ein Edelstahlgestell oder packt es an den Hinterläufen, ein anderer schneidet dem Tier bei vollem Bewusstsein und ohne Betäubung die Hoden heraus. Rund 20 Millionen Ferkel jährlich müssen diese grausame Prozedur in deutschen Zuchtbetrieben erdulden – weil Eber beim Erwachsenwerden teilweise einen strengen Geruch entwickeln.

Das Tierschutzgesetz: ein Gruselkabinett

Möglich macht das der Abschnitt 4 des Tierschutzgesetzes („Eingriffe an Tieren“): ein wahres Gruselkabinett der Zurichtung von Lebewesen auf die Erfordernisse der industriellen Tierproduktion. Inklusive Kastenstand, Eckzahnabschleifen und Schwänzekürzen. Auch das: ohne Schmerzausschaltung.

Immerhin: Weil die systematische, aber gesetzeskonforme Tierquälerei schon vor Jahren zu „Akzeptanzproblemen“ beim Verbraucher führte, reagierte die Politik 2013 mit dem geplanten Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration ab 2019. Gut so. Und schlimm genug. Denn das bedeutete immer noch: fünf weitere Jahre millionenfaches, unvermindertes, unnötiges Leiden.

Niemand, der bei Sinnen ist, spricht den Tieren Schmerzempfinden und Leidensfähigkeit ab. Und Alternativen stehen seit Jahren zur Verfügung: Die kostengünstige lokale Betäubung (die Sauenhalter favorisieren, Tierschützer und Tierärzte aber als unzureichend ablehnen), die Impfung gegen den Ebergeruch (die sogenannte Immunokastration), die Eberzucht und die chirurgische Entfernung der Hoden unter Vollnarkose.

Peter Carstens

In seiner Kolumne "Alles im grünen Bereich" schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

Unvorbereitet trotz fünf Jahren Zeit

Obwohl es also längst praktikable Alternativen gibt, spielte die Branche auf Zeit. Und tut jetzt überrascht. Von Wettbewerbsnachteilen ist die Rede und der Abwanderung der Schweineproduktion ins Ausland. Ihre Untätigkeit wirkt, wie sich jetzt zeigt. Mit einem Gesetzentwurf wollen die ohnehin nicht zu Großtaten aufgelegten Regierungsparteien das Leiden nun um weitere zwei Jahre verlängern.

Tierschutz, das ist die fatale Botschaft, ist nicht so wichtig wie ein paar Euro vermeintlich unzumutbarer Mehrkosten.

Das Beispiel Ferkelkastration zeigt, wie die Branche tickt: Tierschutz ist ein Kostenfaktor, jeder zusätzliche Quadratzentimeter, jede Extra-Spritze schmälert die ohnehin schmale Rendite. Und die Politik fügt sich.

Dabei stimmt nicht mal das Kostenargument: Ein Bericht der Bundesregierung von 2016 belegt, dass die Aufwände im Jahr 2013, als der Ausstieg beschlossen wurde, eher zu hoch als zu niedrig angesetzt worden waren. Die Immunokastration etwa kostet zwar bis zu vier Euro pro Schwein extra. Doch den einmaligen Aufwand kompensieren Vorteile in der Mast. Sie ist, mit anderen Worten: kostenneutral.

Verstößt Schweinzucht gegen geltendes Recht?

„Im Grunde verstößt das gesamte Schweinehaltungssystem gegen geltendes Recht. Das Leiden der Schweine muss endlich ein Ende haben – die Politik darf die wirtschaftlichen Interessen der Tiernutzer nicht länger höher stellen als den Schutz der Tiere“, meint Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Doch genau das ist das Problem: Dass es eben nicht gegen geltendes Recht verstößt. Ausnahmen, Sonderregelungen und Übergangsfristen sind auch Gesetz. Oder können es werden.

Die bittere Wahrheit ist: Weder das Grund- noch das Tierschutzgesetz kann der Tendenz zur Effizienzsteigerung und Prozessoptimierung, in der das „Tier als Mitgeschöpf“ ausgelöscht ist, etwas entgegensetzen. Sie flankieren sie nur. Und sichern die Produzenten rechtlich und wirtschaftlich ab.

Immer mehr Menschen finden das ungerecht. Aber was bleibt, außer Hilflosigkeit? Kein Fleisch essen. Weniger und besseres Fleisch essen. Fragen, wie es erzeugt wurde. Sich für Tierrechte einsetzen. Petitionen unterschreiben. Wählen gehen.

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
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