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Byzantinisches Reich Glanz und Verfall eines Imperiums

Mosaik aus byzantinischer Zeit
Antikes Mosaik aus byzantinischer Zeit im Mosaikmuseum des Großen Palastes in Istanbul
© Lestertair - Shutterstock.com
Um fast 1000 Jahre überlebt der Ostteil des Imperium Romanum den 476 n. Chr. untergegangenen Westen. Das Byzantinische Reich trotzt Naturkatastrophen und Seuchen, und immer wieder bedrohen es Feinde in seiner Existenz. Doch nach jeder Attacke erstrahlt Byzanz abermals in neuem Glanz

Den Aufstieg zur größten Metropole des christlichen Mittelalters verdankt Konstantinopel seiner strategisch günstigen Lage: Vom Bosporus aus lassen sich sowohl Balkan als auch Kleinasien leicht erreichen und damit regieren. Zudem verlaufen hier die wichtigsten Handelswege zwischen Orient und Okzident. Und nicht zuletzt beherrscht, wer die Meerenge zwischen Europa und Asien kontrolliert, die Schifffahrt vom Schwarzen Meer ins Mittelmeer.

Doch zugleich erwächst der Stadt aus ihrer Lage eine existenzielle Bedrohung. Denn nur 20 Kilometer vom Zentrum entfernt bewegt sich der Boden: Ein Stück der Erdkruste schiebt sich dort an der eurasischen Platte entlang. Hier bauen sich gewaltige Spannungen auf, die sich immer wieder in Beben entladen. Forscher sind überzeugt: Die nächste Katastrophe kommt bestimmt.

Das Byzantinische Reich ist im 6. Jahrhundert so groß wie nie zuvor

Ihre Einschätzung klingt wie das Leitmotiv von 1000 Jahren byzantinischer Geschichte*: nicht nur, weil die Stadt tatsächlich mehrmals von Beben heimgesucht wird. Sondern auch deshalb, weil Konstantinopel immer wieder Krisen ertragen muss, die so dramatisch sind, dass es einen wundern lässt, wieso das Reich überhaupt derart lange überlebt.

Gleich viermal wird Byzanz von Desastern getroffen, die in ihrer Wirkung zerstörerischen Erdstößen ähneln.

Byzantinisches Reich: Im Jahr 565, beim Tode Kaiser Justinians, ist Byzanz so groß wie nie zuvor - und nie mehr danach. Denn schon bald schrumpft das Byzantinische Reich: Erst geht Italien verloren, dann auch die Levante und Nordafrika
Im Jahr 565, beim Tode Kaiser Justinians, ist Byzanz so groß wie nie zuvor - und nie mehr danach. Denn schon bald schrumpft das Byzantinische Reich: Erst geht Italien verloren, dann auch die Levante und Nordafrika
© Stefanie Peters für GEO EPOCHE

Es beginnt im 4. Jahrhundert mit der Völkerwanderung, dem Ansturm von germanischen Goten und asiatischen Hunnen, die mehrmals vor den Mauern der Stadt auftauchen und sie nur deshalb nicht überwinden können, weil ihnen dafür Waffen und Wissen fehlen.

Rund 200 Jahre später marschieren von der Donau die Awaren und aus dem Osten erst die Perser und dann die Araber bis vor die Kapitale und versuchen sie zu erobern. Auch sie kämpfen vergebens.

Im 11. Jahrhundert vernichten türkische Seldschuken ein Heer aus Byzanz und besetzen weite Teile Anatoliens. Und 1204 stürmen katholische Kreuzfahrer die Metropole am Bosporus, die sie für 57 Jahre beherrschen werden.

Jede dieser Krisen ist dramatisch genug, um das Reich zu Fall zu bringen. Doch Byzanz überlebt sie alle. Mehr noch: Nach jedem Rückschlag sammeln die Kaiser ihre Truppen, und auf die Katastrophe folgt der Aufschwung – das Imperium, das schon am Ende schien, erblüht von Neuem.

Könnte man auf einer Karte das Hin und Her der byzantinischen Grenzen im Laufe der Jahrhunderte wie in einem Trickfilm per Zeitraffer ablaufen lassen, würde es wirken, als pulsierte das Reich: Es schrumpft plötzlich, nur um sich danach wieder aufzublähen.

So ist das wahrlich Staunenswerte an Byzanz nicht die Macht seiner Kaiser oder die Anmut seiner Ikonen – sondern seine Langlebigkeit. Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 bewahren die Herrscher von Konstantinopel das Erbe der Cäsaren noch rund 1000 Jahre. Doch woher nehmen sie die Kraft dazu?

Der Schlüssel zu der bemerkenswerten Stabilität des Imperiums ist seine Hauptstadt: Wieder und wieder wird Konstantinopel belagert, aber 900 Jahre lang halten seine Mauern stand. Zu mächtig sind die Befestigungsanlagen, zu schwierig ist für Belagerer die Abriegelung der Metropole am Bosporus, die an drei Seiten von Wasser umgeben ist.

Wäre die Kapitale des Reiches bei einem dieser Angriffe gefallen, hätte die byzantinische Geschichte möglicherweise ein frühes Ende gefunden: ähnlich wie es im von den Germanen eroberten Westen geschah, nachdem die Barbaren Rom geplündert hatten. So aber behalten die Kaiser von Byzanz die Kontrolle über ihre Kapitale – und damit über den effektivsten Herrschaftsapparat jener Zeit.

Denn anders als die christlichen Könige im Abendland, die sich im Mittelalter bisweilen auf eigenwillige adelige Gefolgsleute stützen müssen, regieren die byzantinischen Monarchen ihr Reich mittels einer zentralen Verwaltung. Von Konstantinopel aus können die Kaiser ihren Willen daher auch in entfernten Provinzen durchsetzen und dort selbst nach Rückschlägen ihre Herrschaft schnell wiedererrichten.

Dabei profitieren sie von dem legendären Reichtum, der sich im Laufe der Jahrhunderte in Konstantinopel durch Handel angesammelt hat. Bis zum Angriff der Kreuzfahrer im Jahr 1204 ist Byzanz eine wirtschaftliche Supermacht, sind seine Goldmünzen die Leitwährung des gesamten Mittelmeerraums.

Die Steuern, die Kaufleute sowie Bauern zahlen, legen die Kaiser oft in Kirchenschätzen an – denn dies sind Reserven, die sie bei Bedarf versetzen können, um Truppen auszuheben oder sich durch Tribute Zeit zu erkaufen.

Sturm auf Konstantinopel, Byzantinisches Reich 1453
Kampf um Konstantinopel 1453 - Gemälde im Askeri Museum, Istanbul
© Lestertair - Shutterstock.com

Aber es sind nicht nur die Mauern, die Beamten und das Geld, die Byzanz stützen, es ist auch ein weniger greifbarer Faktor: Als christliche Vormacht des Ostens wird das Kaiserreich selbst von seinen Feinden bewundert. Erbitterte Gegner, wie etwa der Großfürst von Kiew, geraten nach und nach unter den Einfluss der orthodoxen Kirche und nehmen schließlich den Glauben der Byzantiner an. So sichern auch die vom Bosporus ausgesandten Missionare dem Reich neue Verbündete unter fremden Völkern.

Und dennoch fällt auch dieses Reich schließlich. Der Weg in den Untergang beginnt mit dem Triumph der Kreuzfahrer im Jahr 1204: Die katholischen Ritter wenden sich gegen die vermeintlichen Häretiker im orthodoxen Konstantinopel, plündern die Stadt aus und zerschlagen zugleich die Verwaltung.

Zwar gelingt es den Byzantinern später, ihre Kapitale zurückzugewinnen und das Imperium zu erneuern – aber das Reich ist nun stark geschwächt.

Die letzten Tage des Byzantinisches Reichs

Die türkischen Osmanen werden diese Krise für sich nutzen: Im Verlauf des 14. Jahrhunderts erobern sie systematisch fast alle Besitzungen des griechischen Kaisers. Und anders als die Gegner früherer Zeiten verschwenden sie ihre Kräfte nicht mit blindem Anstürmen, sondern bereiten ihre Attacken auf die byzantinische Hauptstadt lange und geduldig vor. Nach und nach schneiden sie die Kapitale von ihrem Hinterland ab und umzingeln sie schließlich – bis der Moment zum entscheidenden Angriff gekommen ist.

Und so ähnelt der Untergang von Byzanz, so dramatisch der Endkampf um die Stadt im Mai 1453 auch ist, keinem plötzlichen Erdstoß. Sondern eher einem allmählichen Erlöschen.

Langsam und unausweichlich.

* Die „Byzantiner“ haben sich selbst nie so bezeichnet.

Sie nannten sich Rhomaioi (griechisch für „Römer“). Denn in ihren Augen lebten sie noch immer im Imperium Romanum. Den Begriff „Byzanz“ haben erst spätere Historiker geprägt, um das Reich von Konstantinopel vom lateinischen Kaisertum abzugrenzen. Was exakt der Anfang dieses Reiches gewesen ist, bleibt unter den Forschern umstritten. Einig sind sie sich indessen, dass die Keimzelle das im Jahr 330 n. Chr. eingeweihte Konstantinopel war. Deshalb lassen wir die vorliegende Ausgabe über die Geschichte des Byzantinischen Reiches mit diesem Datum beginnen.

GEO EPOCHE Nr. 78 - 04/16 - GEO EPOCHE Byzanz

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