Logo GEO Epoche
Das Magazin für Geschichte

BYZANTINISCHES REICH Glanz und Verfall

Um fast 1000 Jahre überlebt der Ostteil des Imperium Romanum den 476 n. Chr. untergegangenen Westen. Byzanz trotzt Naturkatastrophen und Seuchen, und immer wieder bedrohen es Feinde in seiner Existenz. Doch nach jeder Attacke erstrahlt es abermals in neuem Glanz

Den Aufstieg zur größten

Metropole des christlichen

Mittelalters verdankt Kon­stantinopel seiner strategisch

günstigen Lage: Vom Bosporus aus lassen sich sowohl Balkan als auch Kleinasien leicht erreichen und damit regieren.

Zudem verlaufen hier die wichtigsten

Handelswege zwischen Orient und

Okzident. Und nicht zuletzt beherrscht,

wer die Meerenge zwischen Europa und

Asien kontrolliert, die Schifffahrt vom

Schwarzen Meer ins Mittelmeer.

Doch zugleich erwächst der Stadt

aus ihrer Lage eine existenzielle Bedrohung. Denn nur 20 Kilometer vom Zentrum entfernt bewegt sich der Boden:

Ein Stück der Erdkruste schiebt sich

dort an der eurasischen Platte entlang.

Hier bauen sich gewaltige Spannungen

auf, die sich immer wieder in Beben entladen. Forscher sind überzeugt: Die

nächste Katastrophe kommt bestimmt.

Ihre Einschätzung klingt wie das

Leitmotiv von 1000 Jahren byzantinischer Geschichte*: nicht nur, weil die

Stadt tatsächlich mehrmals von Beben

heimgesucht wird. Sondern auch deshalb,

weil Konstantinopel immer wieder Krisen ertragen muss, die so dramatisch sind,

dass es einen wundern lässt, wieso das

Reich überhaupt derart lange überlebt.

Gleich viermal wird Byzanz von

Desastern getroffen, die in ihrer Wirkung zerstörerischen Erdstößen ähneln.

Es beginnt im 4. Jahrhundert mit

der Völkerwanderung, dem Ansturm

von germanischen Goten und asiatischen

Hunnen, die mehrmals vor den Mauern

der Stadt auftauchen und sie nur deshalb

nicht überwinden können, weil ihnen

dafür Waffen und Wissen fehlen.

Rund 200 Jahre später marschieren

von der Donau die Awaren und aus

dem Osten erst die Perser und dann die

Araber bis vor die Kapitale und versuchen sie zu erobern. Auch sie kämpfen

vergebens. Im 11. Jahrhundert vernichten türkische Seldschuken ein Heer aus Byzanz

und besetzen weite Teile Anatoliens. Und

1204 stürmen katholische Kreuzfahrer

die Metropole am Bosporus, die sie für

57 Jahre beherrschen werden.

Jede dieser Krisen ist dramatisch

genug, um das Reich zu Fall zu bringen.

Doch Byzanz überlebt sie alle.

Mehr noch: Nach jedem Rückschlag sammeln die Kaiser ihre Truppen, und auf die Katastrophe folgt der

Aufschwung – das Imperium, das schon

am Ende schien, erblüht von Neuem.

Könnte man auf einer Karte das

Hin und Her der byzantinischen Grenzen im Laufe der Jahrhunderte wie in

einem Trickfilm per Zeitraffer ablaufen

lassen, würde es wirken, als pulsierte das

Reich: Es schrumpft plötzlich, nur um

sich danach wieder aufzublähen.

So ist das wahrlich Staunenswerte

an Byzanz nicht die Macht seiner Kaiser

oder die Anmut seiner Ikonen – sondern

seine Langlebigkeit.

Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 bewahren

die Herrscher von Konstantinopel das

Erbe der Cäsaren noch rund 1000 Jahre.

Doch woher nehmen sie die Kraft dazu?

Der Schlüssel zu der bemerkenswerten Stabilität des Imperiums ist seine

Hauptstadt: Wieder und wieder wird

Konstantinopel belagert, aber 900 Jahre

lang halten seine Mauern stand. Zu

mächtig sind die Befestigungsanlagen, zu schwierig ist für Belagerer die Abriegelung der Metropole am Bosporus, die an

drei Seiten von Wasser umgeben ist.

Wäre die Kapitale des Reiches bei

einem dieser Angriffe gefallen, hätte die

byzantinische Geschichte möglicher­weise ein frühes Ende gefunden: ähnlich

wie es im von den Germanen eroberten

Westen geschah, nachdem die Barbaren

Rom geplündert hatten. So aber behalten

die Kaiser von Byzanz die Kontrolle über

ihre Kapitale – und damit über den effektivsten Herrschaftsapparat jener Zeit.

Denn anders als die christlichen

Könige im Abendland, die sich im Mittelalter bisweilen auf eigenwillige adelige

Gefolgsleute stützen müssen, regieren die

byzantinischen Monarchen ihr Reich

mittels einer zentralen Verwaltung. Von

Konstantinopel aus können die Kaiser

ihren Willen daher auch in entfernten

Provinzen durchsetzen und dort selbst

nach Rückschlägen ihre Herrschaft

schnell wiedererrichten.

Dabei profitieren sie von dem legendären Reichtum, der sich im Laufe

der Jahrhunderte in Konstantinopel

durch Handel angesammelt hat. Bis zum

Angriff der Kreuzfahrer im Jahr 1204 ist

Byzanz eine wirtschaftliche Supermacht,

sind seine Goldmünzen die Leitwährung

des gesamten Mittelmeerraums.

Die Steuern, die Kaufleute sowie

Bauern zahlen, legen die Kaiser oft in

Kirchenschätzen an – denn dies sind Reserven, die sie bei Bedarf versetzen können, um Truppen auszuheben oder sich

durch Tribute Zeit zu erkaufen.

Glanz und Verfall

Im Jahr 565, beim Tode Kaiser

Justinians, ist Byzanz so groß wie

nie zuvor - und nie mehr danach.

Denn schon bald schrumpft

das Reich: Erst geht Italien verloren, dann auch die Levante

und Nordafrika

Aber es sind nicht nur die Mauern, die Beamten und das Geld,

die Byzanz stützen, es ist auch

ein weniger greifbarer Faktor: Als christliche Vormacht des Ostens wird das Kaiserreich selbst von seinen Feinden bewundert. Erbitterte Gegner, wie etwa der

Großfürst von Kiew, geraten nach und

nach unter den Einfluss der orthodoxen

Kirche und nehmen schließlich den

Glauben der Byzantiner an. So sichern

auch die vom Bosporus ausgesandten

Missionare dem Reich neue Verbündete

unter fremden Völkern.

Und dennoch fällt auch dieses

Reich schließlich. Der Weg in den Untergang beginnt mit dem Triumph der

Kreuzfahrer im Jahr 1204: Die katholischen Ritter wenden sich gegen die vermeintlichen Häretiker im orthodoxen

Konstantinopel, plündern die Stadt aus

und zerschlagen zugleich die Verwaltung.

Zwar gelingt es den Byzantinern

später, ihre Kapitale zurückzugewinnen

und das Imperium zu erneuern – aber das

Reich ist nun stark geschwächt.

Die türkischen Osmanen werden

diese Krise für sich nutzen: Im Verlauf

des 14. Jahrhunderts erobern sie systematisch fast alle Besitzungen des griechischen Kaisers. Und anders als die Gegner

früherer Zeiten verschwenden sie ihre

Kräfte nicht mit blindem Anstürmen,

sondern bereiten ihre Attacken auf die

byzantinische Hauptstadt lange und geduldig vor. Nach und nach schneiden sie

die Kapitale von ihrem Hinterland ab

und umzingeln sie schließlich – bis der

Moment zum entscheidenden Angriff

gekommen ist.

Und so ähnelt der Untergang von

Byzanz, so dramatisch der Endkampf um

die Stadt im Mai 1453 auch ist, keinem

plötzlichen Erdstoß. Sondern eher einem

allmählichen Erlöschen.

Langsam und unausweichlich.

* Die „Byzantiner“ haben sich selbst nie so bezeichnet.

Sie nannten sich

Rhomaioi

(griechisch für „Römer“). Denn in ihren Augen lebten sie noch immer im Imperium Romanum. Den Begriff „Byzanz“ haben erst

spätere Historiker geprägt, um das Reich von Konstantinopel vom lateinischen Kaisertum abzugrenzen. Was

exakt der Anfang dieses Reiches gewesen ist, bleibt

unter den Forschern umstritten. Einig sind sie sich indessen, dass die Keimzelle das im Jahr 330 n. Chr. eingeweihte Konstantinopel war. Deshalb lassen wir die

vorliegende Ausgabe über die Geschichte des Byzantinischen Reiches mit diesem Datum beginnen.

Glanz und Verfall

Der Artikel stammt aus

GEOEPOCHE Nr. 78 "Byzanz".

Zur Übersicht

GEO EPOCHE Nr. 78 - 04/16 - GEO EPOCHE Byzanz
GEO EPOCHE Nr. 78
GEO EPOCHE Byzanz
330–1453 n. Chr.