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Elisabeth von Österreich Sisi: Die Kaiserin, die lieber Elfenkönigin sein wollte

Sie raucht, hungert, treibt exzessiv Sport, lässt sich tätowieren, flüchtet sich immer wieder auf lange Reisen: Elisabeth, genannt Sisi, verachtet die Etikette und unterstützt Ungarns Nationalisten in ihrem Kampf um Unabhängigkeit
Elisabeth von Österreich-Ungarn, 1867

Sisi – wie Elisabeth von ihren Eltern genannt wird – spielt als kleines Mädchen am liebsten mit Bauernkindern. Als sie 16-jährig Kaiser Franz Joseph heiratet, sind die Wiener Höflinge entsetzt über ihre angeblich schlechten Manieren. Dieses Foto von 1867 zeigt sie in ihrem Krönungskleid

An einem Mittag im Mai des Jahres 1886 begleitet die Kaiserin ihren Mann ins Atelier des Hofmalers Heinrich von Angeli, der an einem Porträt der Schauspielerin Katharina Schratt arbeitet. Und da sitzt, welch ein Zufall, die ahnungslose Schöne gerade fest geschnürt und mit Spitzen am Dekolleté dem Meister Modell.

Der 55-jährige Kaiser ist überwältigt. Er ist doch verliebt in die junge Aktrice. Das weiß die Kaiserin, die alles arrangiert hat. Sie lässt das Bild ja für ihn malen, sucht eine Gefährtin für ihn, eine Mätresse. Denn ihre Ehe ist längst zerrüttet.

Es gibt sie schon lange nicht mehr, die bezaubernde Sisi, die ihren Franz Joseph liebte und anhimmelte, die brave Sisi, die sich dem Regiment der Schwiegermutter demütig unterwarf, die märchenhafte Sisi, die ihre Untertanen verzauberte. Die Kaiserin will an die glücklichen Zeiten nicht mehr erinnert werden. „O sprich mir nicht von jenen Stunden, / Wo wir einander angehört; / Mit ihrem Glück sind sie entschwunden, /Und unser Eden ist zerstört.“

So hat der Kaiser eben Verhältnisse, „Dienstmädeleien“, die nicht vorzeigbar sind. Katharina Schratt ist vorzeigbar, weil die Kaiserin ihre Hand über sie hält. Sie möchte, dass ihr Mann zufrieden ist. Und das ist er. Schon zwei Tage nach dem Atelierbesuch schickt er seiner künftigen Herzdame einen Smaragdring und legt damit für sie den Grundstock zu einer der größten Juwelensammlungen der k. u. k. Monarchie. Dafür hat er bis zum Lebensende eine vergnügte Plauderin, die ihn mit Theaterklatsch aufheitert und manchmal sogar „kreuzfidel“ macht.

Selbst die Kaiserin hat etwas von der geglückten Kuppelei: Sie kann nun unbeschwert umherreisen, und der Gatte schreibt ihr fröhliche Briefe, berichtet, welche Kuren und Diäten die gemeinsame Freundin gerade mit Heublumen und heißem Sand, Milch und Schilddrüsenpillen ausprobiert.

Das vor allem interessiert die Kaiserin, die ihren Körper seit Jahren schon bis zur Magersucht strapaziert. Und so gehen denn Rezepte und Fragen hin und her: Wie viel hat die Gletschertour gebracht? Ach, nur ein Kilo? In ihren Gedichten allerdings ist Elisabeth voller Spott: „Liebe leiht dem Alter Schwingen, / Ist das Haupt auch glatt und kahl“, und die 16 Jahre jüngere Schratt „schnürt den Bauch sich ins Korsett, / Dass alle Fugen krachen.“

Wie hat der Wiener Hof die Sisi doch verhärtet. Von Anfang an hat sie sich dort, wo nur Klatsch, Protokoll und Walzer blühen, herzlich unwohl gefühlt. Ein kluger Kopf gilt im arroganten „Cercle“ gar nichts. Bücher und Bildung sind unbekannt. Man spricht ja doch nur über drei Themen: Oper, Prater, Burgtheater. Als die Kaiserin mit ihrem Mann den „Sommernachtstraum“ von Shakespeare besucht, ihr Lieblingsstück, das sie im Original fast auswendig kennt, schreibt Franz Joseph an seine Mutter Sophie, das Stück sei „ziemlich langweilig und ungeheuer dumm“ gewesen.

Dabei war Sisi als junges Mädchen scheu, schüchtern und melancholisch. Aber immer draußen, immer in der Natur. Im Sommerschlösschen Possenhofen am Starnberger See wanderte sie, ritt, schwamm und angelte. Ihre Eltern, Herzog Maximilian aus einer Nebenlinie der Wittelsbacher und Prinzessin Ludovika, hatten ihre acht Kinder liberal erzogen. Ohne Druck, ohne Protokoll.

Vater Max war ein fröhlicher Mensch, der Novellen schrieb, eine gewaltige Bibliothek besaß, weit gereist war, viel trank und sang und von Etikette gar nichts hielt. Auch Ludovika war stolz auf ihre liberale Einstellung, doch sie hatte ziemlichen Respekt vor ihrer älteren Schwester, der Erzherzogin Sophie, die immerhin den begehrtesten Junggesellen der Zeit zu vergeben hatte: Franz Joseph, den Kaiser von Österreich. Und der hatte sich am 16. August 1853 in Bad Ischl Hals über Kopf in seine 15-jährige Cousine Sisi verliebt und sich mit ihr schon am 19. August verlobt, einen Tag nach seinem 23. Geburtstag.

Sisi kennt die Schwächen ihres Gemahls genau – und nutzt sie für sich

Als die blutjunge Elisabeth, dieses Naturkind, ein paar Monate später, eingezwängt ins höfische Korsett, unter vielen Tausend Blicken in Wien einzog, war sie keine strahlende, sondern eine absolut überforderte und vor Erschöpfung weinende Braut. Nach der Hochzeitsnacht wurde auch gleich angefragt, ob sie denn... Nein, sie hatten ihre Ehepflichten noch nicht erfüllt. Das geschah erst zwei Nächte später, worüber der ganze Hof informiert wurde. Und bald regierte Franz Joseph wieder sein Land, und seine Mutter ihre Schwiegertochter.

20 Jahre später wird Elisabeth über Erzherzogin Sophie schreiben, dass sie eine wirklich bösartige Frau war, die mit ihr schimpfte wie mit einem Schulkind, die jeden bespitzeln ließ, ihren Sohn dominierte und ihr anfangs auch noch die zwei Töchter nahm, um sie in der kaiserlichen Kinderkammer selbst zu erziehen.

Schon zwei Wochen nach ihrer Hochzeit dichtet die so frei in Bayern aufgewachsene Sisi: „Ich bin erwacht in einem Kerker, / Und Fesseln sind an meiner Hand...“ Als ihre älteste Tochter mit zwei Jahren stirbt, verweigert Elisabeth sich, sagt öffentliche Auftritte ab, zieht sich in ihre Gemächer zurück oder reitet stundenlang aus, galoppiert oft 20 Kilometer weit und wandert bis zur Erschöpfung.

14 Monate später, im August 1858, bekommt die Kaiserin einen Sohn, leidet danach unter hohem Fieber, will nicht mehr essen, hungert, hustet, weint. Die Hofärzte finden nichts, doch der Lungenspezialist rät im Oktober 1860 zu einer Kur. Sie ist ja auch so dünn, die Kaiserin, ist blutarm und hat Untergewicht, ist auch viel zu fest geschnürt, kriegt oft kaum noch Luft, wiegt bei 1,72 Meter Größe gerade mal 50 Kilogramm und hat eine Taille von 50 Zentimetern. Und, schockierend, die Kaiserin raucht auch noch!

Also eine Kur. In Wahrheit ist es eine Flucht auf die Insel Madeira. Vielleicht für ein halbes Jahr, wer weiß. Und die Zeitungen melden bereits das nahe Ende der Kaiserin. Doch die ist von allen Passagieren die einzige, die bei den wilden Stürmen in der Biskaya nicht seekrank wird.

Auf der Insel lebt sie mit ihrer Entourage in einer gemieteten Villa am Meer, liest Bücher, spielt Mandoline und „Schwarzer Peter“ mit den Hofdamen, lernt Ungarisch von einem ihrer Ehrenkavaliere, dem Grafen Imre Hunyády, und die Wiener wundern sich schon sehr, dass die Kaiserin ihren Mann, ihre Kinder und ihr Land einfach monatelang im Stich lässt. Doch je länger sie vom Hof und ihrem Mann getrennt ist, umso besser geht es ihr.

Elisabeth verliebt sich in einen charmanten ungarischen Grafen

Kaum ist sie wieder in Wien, kommen Husten und Fieber zurück, und Tränen fließen, sie will nur noch allein sein, und die Tür zu ihrem Schlafzimmer bleibt für den Kaiser verschlossen. Abscheu vor Sexualität? Oder tatsächlich galoppierende Schwindsucht? Sie will eine neue Kur. Auf Korfu.

Fast ein Vierteljahr wird sie dort bleiben, auf der Insel ihrer künftigen Träume: "O könnt' ich wieder sinnend schreiten / Im duftenden Orangenhain." Aber bloß noch nicht wieder nach Wien! Sie reist weiter nach Venedig. Dort dürfen die Kinder sie besuchen. Und dann? Noch eine Kur in Bad Kissingen. Und als sie schließlich im August 1862 nach Wien zurückkehrt, ist sie eine energische, zielstrebige, selbstbewusste Frau geworden.

Und sie geht in volle Opposition zum Hof. Hört ein Konzert dieses verpönten Richard Wagner an und applaudiert auch noch. Liest den lange Zeit verbotenen Dichter Heinrich Heine, dessen Verse in ihrer Umgebung als schlüpfrig und vulgär verachtet werden.

Vor allem aber holt sie ihren inzwischen siebenjährigen Sohn Rudolf aus der Erziehungshölle, in der ihn sein Vater schon ein ganzes Jahr lang mit härtestem Drill zum Kriegshelden trimmen lässt.

Sie stellt dem Kaiser ein Ultimatum. Fordert in scharfem Ton, dass der verschreckte Kronprinz von nun an eine liberale Erziehung bekommt, vor allem von bürgerlichen Intellektuellen statt von sadistischen Höflingen. Und die Lehrer, die sie wählt, stehen politisch zu den Idealen der Revolution von 1848.

Das ist eine offene Kampfansage. Doch sie verlangt "unumschränkte Vollmacht" von ihrem Mann - oder sie werde gehen. Da gibt Franz Joseph nach.

Ja, sie nutzt die Schwächen ihres Mannes skrupellos aus. Und der glückliche Kronprinz lernt zum Entsetzen seines Vaters, dass die Basis eines modernen Staates das Bürgertum ist.

Elisabeth lebt ihr abgeschottetes Leben weiter. Sie liest Goethe und Shakespeare, Lord Byron und Shelley.

"Wolkenkraxeleien" sind das für den Kaiser. Vor allem ihre Verehrung für Heinrich Heine.

Sie umgibt sich mit Bildern und Heine-Büsten, ist wie Heine für die Republik und wie er gegen die Monarchie, die sie dennoch für ihren Sohn erhalten will. Schreibt: "Und unsere ‚Sippe'! Die verachte ich mit allem Firlefanz um uns herum." Attackiert wie Heine die Kulturlosigkeit der Aristokraten, und manchmal glaubt sie sogar, mit dem toten Dichter in spiritistischen Kontakt zu treten, was überaus erotische Züge hat: "Es schluchzt meine Seele, sie jauchzt und sie weint, / Sie war heute Nacht mit der Deinen vereint." Und Tag für Tag treibt sie einen ausufernden Schönheitskult. Steht um fünf Uhr auf, nimmt ein kaltes Bad, turnt in ihren Sportgemächern der Hofburg an Reck und Barren und einer Sprossenwand, was am Hof mit Entsetzen registriert wird. Eine Kaiserin, an Ringen im Türrahmen schwingend! Skandalös!

Nach dem Frühstück mit Eiern, Gebäck, kaltem Fleisch, Kaffee und einem Glas Wein werden dann die Flutwellen ihrer Haarpracht gepflegt, geflochten, gebändigt und hochgesteckt, was Stunden dauert. Dabei lernt sie Griechisch.

Und wenn sie vom Gewicht der Pracht Kopfschmerzen bekommt, werden die Haare für Stunden mit Bändern in die Höhe gehängt. Das Einschnüren und Ankleiden dauert ebenfalls Stunden.

Und in jedes Abendkleid, jedes Reitkostüm lässt sie sich einnähen, damit es perfekt sitzt.

Abends badet sie in warmem Olivenöl oder heißem Wasser mit acht Pfund Meersalz, wickelt sich für die Nacht in feuchte Tücher ein, um schlank zu bleiben, schläft auch mit Gesichtsmasken aus rohem Kalbfleisch oder zerquetschten Erdbeeren, und jede Creme und jedes Abführmittel lässt sie sich in der Hofapotheke oder frisch in ihren Gemächern anfertigen.

Einziger Makel sind ihre Zähne. Und weil sie die nicht zeigen will, macht sie den Mund beim Sprechen kaum auf.

Empfänge und öffentliche Auftritte langweilen sie zu Tode: "Ich lass sie wütig kläffen / Und giftig nach mir spei'n: / Ich wieg' mich oben hoch im Blau, / Kaum, dass ich noch die Erde schau." Nur wenn ein Ungar unter den geladenen Gästen ist, erscheint die Kaiserin mit Charme und Schönheit und parliert vertraulich in der fremden Sprache, was ein Affront ist, denn die rebellischen Ungarn wollen größtmögliche Unabhängigkeit vom Wiener Hofe erzwingen.

Vor allem deshalb wohl mischt Elisabeth sich nun in die Politik ein. Sie will versuchen, zwischen Österreich und Ungarn zu vermitteln. Ida Ferenczy, ihre engste Vertraute am Wiener Hof, stellt den Kontakt zu Ungarns Liberalen und führenden Nationalisten her. Sie fährt mit den Kindern nach Budapest. Für Monate. Wieder ein Affront. Doch sie sagt, die Luft in Wien sei zu ungesund.

Sie kümmert sich auch nicht um die desolate politische Situation, mit der Franz Joseph, ihr "einsames Männeken", in Wien zurückbleibt. Nach der verheerenden Schlacht bei Königgrätz, als Österreichs Glorie gegen die Preußen den Glanz verliert, kämpft die Kaiserin an der Seite des künftigen Ministerpräsidenten von Ungarn, Graf Gyula Andrássy, für den "Ausgleich".

Und der Charmeur gibt Elisabeth das Gefühl, nicht nur Ungarns, sondern auch Österreichs Retterin zu sein. Die beiden verlieben sich ineinander.

Doch der Graf steht unter ständiger Beobachtung. Und Briefe schreiben sie sich vorsichtshalber nur über Ida Ferenczy. Ein Seitensprung ist ganz unmöglich.

Umso mehr drängt und nervt sie ihren Mann und erreicht tatsächlich, dass er verhandelt - bis zur Geburt des Doppelstaates Österreich-Ungarn, der neuen k.u.k. Monarchie, bis zur Königskrönung des Kaiserpaars.

Die kaiserliche Familie, Franz Joseph, Sissi, Österreich

Das Foto zeigt die kaiserliche Familie, in der sich Elisabeth nie wirklich wohl fühlte: Schon zwei Wochen nach ihrer Hochzeit dichtet Sisi: „Ich bin erwacht in einem Kerker, / Und Fesseln sind an meiner Hand . . .“

Elisabeth macht nun ihrem so sehr vernachlässigten Franz Joseph ein Geschenk: Sie ist bereit, noch ein Kind zu bekommen. In einem Poem an ihr geliebtes Ungarnland, das der Kaiser nie gelesen hat, steht allerdings schon im Titel der wahre Grund ihrer Großmütigkeit:

"O könnt ich euch den König geben!" Zehn Monate nach der Krönung, im April 1868, kommt kein König, aber Marie Valerie auf die Welt. Natürlich in Budapest. Wo denn sonst. Und am Wiener Hof verbreitet sich sofort das Gerücht, dass der Vater ja wohl nur dieser Graf Andrássy sein könne. Die Klatschweiber werden sich wundern, wie ähnlich gerade dieses Mädchen Kaiser Franz Joseph werden wird.

Das herrliche Landschloss Gödöllö, ein Geschenk der ungarischen Nation an ihr Königspaar, wird nun Elisabeths bevorzugter Wohnsitz. Was natürlich wieder eine Provokation ist. Zwischendurch reist sie nach Rom zur Papstaudienz, reist nach Irland und England, wo sie die großen Jagdrennen mitmacht.

Von den etwa hundert Reitern, die dann mit ihren Pferden über Hecken, Gräben und Mauern fegen, kommt oft nur eine Handvoll unbeschadet ans Ziel, doch Elisabeth ist immer dabei - im Damensattel! Und wo sie auch ist, macht sie mit ihren Hofdamen Gewaltmärsche durch die Botanik. Manchmal vier Stunden im Renntempo. Mit geschnürten Kleidern.

Einmal kommen ihnen Polizisten zu Hilfe, weil sie glauben, die rasenden Mänaden flüchteten vor Verbrechern. Und wenn es wieder nach Wien geht, klagt die Kaiserin: "Warum muss ich in den Käfig zurückkehren?" Am 30. Januar 1889 dann die Tragödie. Die Kaiserin sitzt gerade über ihrer Griechischlektion und liest Homer, als ein Jagd gefährte ihres Sohnes die Nachricht bringt: Erzherzog Rudolf sei in Schloss Mayerling tot aufgefunden worden, vergiftet von seiner Geliebten Mary Vet sera, die sich anschließend ebenfalls das Leben genommen habe.

Die Falschmeldung wird am nächsten Tag vom Leibarzt korrigiert: Das Mädchen, von Rudolf erschossen, habe ausgestreckt im Bett gelegen mit offenen Haaren und einer Rose in den gefalteten Händen. Dem Kronprinzen, halb sitzend, sei der Schädel geborsten, die Waffe entfallen, und im Glas neben ihm sei Cognac gewesen. Im Abschiedsbrief an die Mutter hat er keine Gründe angegeben.

Warum auch.

Alles schwarz, nur Sisis Gesicht ist marmorweiß und unendlich traurig

Elisabeth hatte ihren Sohn doch längst aus den Augen verloren. Hatte nicht bemerkt, dass der Unglückliche Affären hatte und an einer unheilbaren Geschlechtskrankheit litt. Und doch schreibt Elisabeths Tochter Marie Valerie in ihr Tagebuch: "Mama neidet Rudolf den Tod und ersehnt ihn Tag und Nacht." Aber sie lebt noch zehn Jahre. Und die sind eine einzige Irrfahrt. "Durch die ganze Welt will ich ziehen", verkündet sie. "Ahasver soll ein Stubenhocker gegen mich sein" - der ewige, flüchtige Jude.

Und sie reist. Von Dover nach Portugal, nach Tanger und Algier, nach Florenz, Pompeji, Capri und auf ihre Sehnsuchtsinsel Korfu.

Als der österreichische Konsul sie dort besucht, findet er sie hässlich, alt und spindeldürr und glaubt, eine Wahnsinnige vor sich zu haben. Sie lässt sich aus Liebe zum Meer einen Anker auf die Schulter tätowieren, was für den Kaiser "eine furchtbare Überraschung" ist.

Auf Korfu wird nach ihren Ideen ein pompöser Palast mit 128 Räumen voller Statuen und Büsten von Shakespeare und Homer und Byron und Heine gebaut.

Auf einem Hügel über dem Meer.

Und Franz Joseph zahlt alles fast klaglos, denn er vergöttert seine Elisabeth noch immer.

Den Palast, ihre Zukunftsheimat, nennt sie "Achilleion" nach ihrem Lieblingshelden Achill. "Ich liebe ihn auch, weil er so schnellfüßig war", schreibt sie. "Er war stark und trotzig und hat alle Könige und Traditionen verachtet." Und wenn jemand fragt, woher sie stamme - sie spricht ja Griechisch -, dann sagt sie, sie sei Griechin. Und sie dichtet: "Da steht sie nun verlassen und allein / In diesem weltentrückten kleinen Eden . . ." Doch dann wird sie auch schon wieder unruhig und muss weiterziehen nach Málaga, Granada, Korsika, Triest, Cap Martin. Und immer wieder macht sie Abmagerungskuren, bekommt Hungerödeme, liest, läuft, dichtet, leidet.

Als sie 1896 ihren letzten öffentlichen Auftritt bei den Millenniumsfeiern in Budapest hat, erscheint eine Statue in Schwarz. Schwarzes Kleid, schwarzer Schleier, schwarze Haarnadeln, schwarze Perlen, alles schwarz, nur ihr Gesicht ist marmorweiß und unendlich traurig.

Franz Joseph I.

Am 16. August 1853 verliebt sich Franz Joseph in seine acht Jahre jüngere bayerische Cousine und vergöttert sie bis zu ihrem Tod

Am 9. September 1898 steigt die Kaiserin mit ihrer Hofdame Irma Gräfin Sztáray im Genfer Hotel Beau Rivage ab. Sie gehen spazieren, essen Eis, und der Anarchist Luigi Lucheni liest tags darauf in der Zeitung von ihrer Ankunft.

Eigentlich wollte er ja den Prinzen von Orléans ermorden, doch der ist nicht wie geplant nach Genf gekommen. Nun hat er ein neues Opfer aus der herrschenden Klasse, die beseitigt werden muss.

Am 10. September wollen die beiden Damen um 13.40 Uhr mit dem Schiff nach Caux fahren. Auf dem Weg zur Anlegestelle stürzt Lucheni auf die Kaiserin zu und stößt ihr eine spitz zugeschliffene Dreikantfeile ins Herz. Elisabeth fällt rücklings auf den Boden, und die Wucht des Sturzes wird durch ihre schwere Haarpracht gemindert. Verblüfft steht sie wieder auf und bedankt sich bei helfenden Passanten. Kurz darauf wird der Angreifer festgenommen.

Sie geht mit der Gräfin zum Schiff und fragt: "Was wollte dieser Mann denn eigentlich?" Aber da verblutet sie schon innerlich. Und als das Schiff ablegt, bricht sie zusammen. Der Kapitän lässt umdrehen, die Kaiserin wird ins Hotel geschafft, in ihr Zimmer Nr. 34.

Doch die Ärzte bemühen sich vergeblich.

Sie stirbt um 14.40 Uhr.

Elisabeth von Österreich, die nicht Kaiserin sein wollte, sondern Elfenkönigin, Shakespeares Titania, die sie einst besang: "Nicht soll Titania unter Menschen gehen / In diese Welt, wo niemand sie versteht, / Wo hunderttausend Gaffer sie umstehen, / Neugierig flüsternd. ‚Seht, die Närrin, seht!'"

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