Auf Seille und Saone

Reisebericht

Auf Seille und Saone

Reisebericht: Auf Seille und Saone

Nachdem wir vor Jahren bereits den Oberlauf der Saône per Hausboot erkundet hatten, wollten wir diesmal im Gegensatz zur gemütlich durch Auenlandschaft meandernden Saône, den Fluss ab Châlons-sur-Saône befahren, dort wo er sich zum veritablen Strom ausweitet.

Auf der Saone

Informationen zum Bild anzeigen Bildinformationen anzeigen

Oberhalb von Tournus, in Gigny-sur-Saône übernehmen wir unser Boot von Saône Bateaux, einem der kleineren Vermieter hier am Fluss. Gefunden haben wie ihn übers Internet. Die Bootsübergabe und -einweisung durch den gemütlichen, deutsch sprechenden Chef ist schon Teil der Erholung. Seine nicht zu verheimlichende schwäbische Herkunft, sein Redetempo, das sich der gemähchlich dahinfließenden Saône anpasst, wirken sich wohltuend dämpfend auf die Hektik eines ankommenden Urlaubers aus.
Nach einer kleinen Runde vor dem ehemaligen Schleusenwärterhäuschen und einem Anlegemanöver, bei dem er uns erklärt, wie unser Boot reagiert, geht es auch schon los. Und wir bekommen noch eine goldene Schifferregel mit auf den Weg: „Langsam isch immer schneller“. Wieviel Wahrheit in diesem einfachen Worten liegt, werden wir am Abend noch erfahren...



Keine Bildinformationen verfügbar


Apropos Boot: Es handelt sich um die Amity, ein 25 Jahre altes Boot made in Sweden, mit durchaus erweiterbarem Komfort, dafür aber mit viel Scharm und vergoldeten Bullaugen. Das hat weniger seinen Grund im Hang zu Prunk und Protz als in der Korrosionsbeständigkeit des edlen Überzugs. Schnell noch das Gepäck eingeräumt und die Lebensmittel verstaut und dann geht es auch schon los in Richtung Macon. Hier in Gigny ist die Saône über 100 m breit und schon ein richtiger Strom. Dementsprechend Verkehr ist hier auch in der Fahrrinne. Wir Freizeitkapitäne sind nur Dekoration und müssen Platz machen, wenn Lastkähne oder Flusskreuzfahrtschiff kommen. Und während man auf dem Oberlauf der Saône einfach überall festmachen kann, wo es einem ein- bzw. gefällt, muss man sich ab Châlons flussabwärts genau an die ausgewiesenen Bootsliegeplätze halten. Der Fluss wälzt sich träge dahin und das Leben an Bord nimmt diesen angenehmen Rhythmus dankbar auf. Und während für die Seele vor lauter Nichtstun und kontemplativer Langsamkeit Entschlackung angesagt ist, bereiten wir unsere Mägen auf Schwerstarbeit vor. Denn wir haben nichts anderes zu tun, als ans Essen zu denken. Wo machen wir mittags fest? Und was für Gaumenfreunden gönnen wir uns? Der Fluss macht uns zu Schlemmern. Dieser magische Zauber wirkt übrigens nicht nur auf unseren Planken. Denn von vorbeifahrenden Booten grüßen andere Kapitäne mit dem Aperitif-Glas in der Hand zu uns herüber. Wer möchte nicht von diesem seltsamen Virus befallen werden? Doch noch haben wir diesen Grad der Lässigkeit nicht erreicht. Die erste Schleuse steht an: Obwohl wir vor ein paar Jahren schon mal ein Hausboot steuerten, haben wir einigen Respekt vor der ersten Kammer. Immerhin ist es eine 120m lange Schleuse, ein Monster aus Beton, über dem so etwas wie ein Flughafen-Tower thront. Aber alles geht nicht nur vollautomatisch sondern auch glatt. Und mit dem Pegel in der Schleusenkammer fällt auch die leichte Anspannung ab. Ab jetzt gibt’s nämliche keine Schleusen mehr bzw. auf der Seille nur noch handbetriebene, d.h. wir sind unsere eigenen Schleuser. Ein Abenteuer, auf das wir uns schon sehr freuen. Der einzige Nachteil dieser Art von Schleusen besteht darin, dass es auch keine Schleusenwärter gibt, die einen mit frischen Eiern, Honig oder Wein und Schnaps aus der Gegend versorgen, wie wir es am Oberlauf der Saône gewohnt waren.



Keine Bildinformationen verfügbar


Keine Bildinformationen verfügbar

Unser erster Tag an Bord geht zu Ende. Er war so aufregend, alles war neu und die banale Routine wollte erst gemeistert sein, dass wir beschlossen, an einem gesicherten Anlegeplatz in Tournus die Nacht zu verbringen. Doch soweit war es dann noch lange nicht. Vor dem Dämmerschoppen hat der Herr das Anlegemanöver gesetzt. Und das hat uns all unsere nicht vorhandenen Steuerkenntnisse abverlangt. Dass vier halbwegs intelligente Menschen auf einem relativ kleinen Schiffchen so viel Verwirrung anrichten können bei dem peinlich gescheiterten Versuch rechts und links – pardon: backbord und steuerbord –auseinander zu halten, das hätten wir alle nicht für möglich gehalten. Nun, nachdem wir das Wasser unter Einsatz von Vorwärts- und Rückwärtsschub sowie des Bugstrahlruders an der Anlegestelle ordentlich umgerührt hatten, gelang es uns doch noch das Boot für die Nacht zu vertäuen. Eine Mannschaft, die das ohne Meuterei übersteht, kann nichts mehr auseinander bringen. Jetzt gab’s erst mal „Rum“ für die ganze Besatzung.



Der morgendliche Weckruf gehört irgendeinem Vogel, den wir nicht näher bestimmen können, die Uhrzeit schon: 7.28. Das Leben an Bord beginnt: Landgang zum Baguette kaufen. Nach dem Frühstück heißt es: „Klar Schiff zum Ablegen“. Heute sind die Handgriffe, die gestern noch ungewohnt warten, fast schon Routine – im normalen Leben ein Garant für bittere Langeweile, frischgebackene Freizeitskipper schmecken die süße Souveränität, die darin enthalten ist.



Keine Bildinformationen verfügbar

Lesen, kucken, nichts tun, alle Formen des Müßiggangs sind an Bord zu finden. Das „dolce far niente“ macht sich sogar so breit, dass man kaum noch einen freiwilligen Steuermann findet; und gestern musste man sich am Steuerrad noch fast festketten, um wenigsten fünf Minuten dranbleiben zu können. So verrinnt Stunde um Stunde ohne größere Sensationen und jedermann genießt den Gleichklang und die Ruhe. Solange jedenfalls, bis Unheil dräuendes Gewölk den Himmel über dem Fluss verdunkelt. Zuerst verschwindet die Sonne und dann vereinigen sich die Wasser über uns mit den Wassern unter uns. Zum Glück sind wir nicht mehr auf der Sâone, sondern inzwischen auf der wesentlich kleineren Seille unterwegs Richtung Louhans en Bresse. Ein Gewitterschauer mitten auf dem Strom wäre uns doch eine zu elementare Erfahrung gewesen. Kaum haben sich die bleiernen Wolken verzogen, wartet schon der nächste Nervenkitzel: unsere erste Schleuse mit Handbedienung in La Truchère. Kein Vergleich zu der kommerziellen Betonschlucht gestern auf der Sâone. Hier ist alles ländlich rustikal. Neben der Schleuse grasen Esel, vor dem Fachwerkhaus des Schleusenwärters wachsen Geranien und Hortensien und vor den Toren der Schleuse sitzt einer der unzähligen Angler.



Keine Bildinformationen verfügbar


Keine Bildinformationen verfügbar

Angler gehören zu Frankreich wie das Baguette und der Pastis. Angeln ist Volksvergnügen und nicht so reglementiert wie in Deutschland. Statt dem Angelschein mit Vereinszugehörigkeit und Prüfung kauft man sich einfach im „bureau de tabac“ einen „permis de pêche“ – fertig. Entlang der fast 40 Kilometer bis Louhans begegnen wir vielen Anglern oder sehen zumindest deren bevorzugten Plätze am Ufer. Manchmal ist nur das Gras zertreten oder gemäht, manchmal stecken dort noch die Stützen für mehrere Ruten und manchmal stehen noch ausrangierte Sitzgelegenheiten – vom Gartenstuhl bis zur Doppelsitzbank aus dem Linienbus. Entgegen der Erwartung handelt es sich bei den Petrijüngern nicht nur um Ruheständler, im Gegenteil es sind auch viele junge Leute, ja sogar komplette Familien anzutreffen, die ausnahmslos die Angel ins Wasser halten. Wir grüßen per Handzeichen und werden freundlich zurückgegrüßt – wir gehören jetzt dazu, wir sind auch Leute vom Fluss.



Keine Bildinformationen verfügbar

Wir haben Glück, denn heute wird die Schleuse von einer Studentin betreut. Zwar haben wir in unserem Begleitbuch nachgelesen, in welcher Reihenfolge welche Hebel zu bedienen sind. Aber wenn man klare Anweisungen bekommt, ist es doch einfacher.
Nach so vielen Erlebnissen halten wir Ausschau nach einem Ankerplatz für die Nacht. Auf der Seille herrscht wieder völlige Freiheit, wo man festmacht. Ein Platz mit Aussicht auf Morgensonne ist schnell gefunden, das Boot fachgerecht vertäut. Für den Abend sammeln wir noch Holz für ein Lagerfeuer... Diniert wird an Deck, die untergehende Sonne schüttet mit ihren letzten Strahlen noch ein magisches Funkeln in unsere Weingläser. Stille legt sich über den Fluss, nur hier und da ein leises Glucksen und von dem Bauernhof am Hügel trägt der sanfte Wind die Fetzen eines Hundegebells herüber – Gute Nacht.



Keine Bildinformationen verfügbar


Keine Bildinformationen verfügbar

Nach dem Frühstück auf dem Sonnendeck nehmen wir Kurs auf Cuisery, eines von vier Bücherdörfern Frankreichs. Antiquare, Buchbinder, Illustratoren und Trödelhändler bestimmen das Straßenbild der kleinen Stadt. Es geht beschaulich zu. Denn hier sind Buchliebhaber zuhause nicht Bestsellerkonsumenten. Was war 1960 im Jet-Set los? Hier finden Sie die Ausgabe von Paris Match, die Ihnen die Antworten gibt. Zwei Schaufenster weiter schauen wir zu, wie ein altes Buch neue Deckel bekommt. In Cuisery schein in einigen Gassen die gute alte Zeit wieder lebendig zu sein – ein schöner Ausflug in eine andere Welt.
Zurück an Bord Blättern wir im Paris Match: Aga Khan, Audrey Hepburn, dazwischen Reklame für Marken, die es längst nicht mehr oder immer noch gibt. 2 Euro hat diese kleine Zeitreise gekostet, ein günstiges Vergnügen.



Espace Gutenberg

Keine Bildinformationen verfügbar


Keine Bildinformationen verfügbar

Weiter geht’s flussaufwärts Richtung Louhans. Biegung für Biegung kommt die Hauptstadt der burgundischen Bresse näher. Die Bresse kennt bei uns fast niemand, die Bresse-Hühner schon eher. Anläßlich des wöchentlichen Geflügelmarktes verwandelt sich das ansonsten beschauliche Städtchen in einen Menschenmagnet. Wer die 157 Arkaden der Grande Rue bestaunen will, sollte den Markttag meiden. Dank entdeckt man noch echte Kaufmannstradition. Arkaden statt Aldi, Fachwerk-Bau statt Franchise-Look, Läden statt Shops – ein Biotop für Artenschutz im Einzelhandel.



Keine Bildinformationen verfügbar

Nach einigen Tagen halten wir uns alle für die größten Seebären und können uns kaum noch erinnern, einmal nicht auf dem Fluss gelebt zu haben. An- und Ablegen beherrschen wir im Schlaf. Das Schleusenmanöver erledigt der Rudergänger nahezu im Alleingang. Nichts bringt uns mehr aus der Ruhe. Doch der Fluss hält noch eine Überraschung für uns bereit. Der morgendliche Weckruf fällt heute aus. Stattdessen reißt uns ein langezogenes, sonores „Muhuuuh“ aus den Träumen. Neugierig glotzt uns das schwarzbunte Milchvieh in die Kajüte. Als es bemerkte, dass man unser Schiffstau nicht fressen kann, hinterläßt es darauf einen dampfenden Gruß. Wer ist eigentlich heute dran mit Ablegen?



Keine Bildinformationen verfügbar


Keine Bildinformationen verfügbar

Auf dem Markt in Macon gibt es alles, was wir für unser Captain’s-Dinner brauchen. Die beleuchtete Saône-Brücke ist das passende Dekor für unsern Abschlussabend. Den Schlusspunkt setzt in der Nacht ein Gewitter mit Donner und Blitz – „Son et lumière“ wie der Franzose sagt. Ein ganz besonderes Spektakel auf dem Fluss. Das Gewitter war Gott sei Dank schnell vorbei, die Ferien auf dem Hausboot leider auch.



Macon


Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

  • alba

    Schöner Bericht, die Art der Reise würde mir auch gefallen.

  • RdF54

    Es ist wohl eine der schönsten Arten zu Reisen und zu Genießen!
    Wunderbar beschrieben - den Rhythmus in unsere hektische Welt rüberbringend, bin ich gerne mit Euch mitgereist und beneide, dass ich nicht real dabei war ...
    Die tollen Fotos lassen uns das Erlebte noch deutlicher spüren!

    LG Robert

  • joern

    Vielen Dank für Deinen Tipp. Wir werden sicherlich nochmal eine Hausboot -Tour machen. Diese Gegend scheint ebenfalls sehr reizvoll zu sein.
    Gruß
    Joern

  • emhaeu

    Schöne Fotos! Gut geschrieben!
    Grüße aus dem Rheinland,
    emhaeu

  • BuWe

    Auch mir hat der Bericht gut gefallen. Ich habe ihn an Freunde weitergeleitet, die im Sommer ebenfalls eine Bootstour durch Burgund machen werden. VG BuWe

  • Irmaladouce

    Mir gefällt Dein Stil zu schreiben. In diesem Fall hat er aus einem entschleunigten Urlaub etwas gemacht, nach dem man glaubt ebenfalls Sehnsucht zu haben - hinzu kommen die schönen Perspektiven - wunderbar !

  • lesmotsjustes

    @Irmaladouce
    Dann fahr doch einfach hin, es lohnt sich wirklich!!!
    Gruß
    Reinhold

  • nach oben nach oben scrollen
  • Raudi

    Schön das du uns an deiner Reise auf diese weise Teilhaben läßt , Dein Bericht macht Lust selber einmal eine Reise mit dem Hausboot zu machen !
    LG Hans

  • Wilfried_S.

    Ich habe zwar noch nie auf dem Hausboot Urlaub gemacht, aber als doch etwas frankophiler Tiroler hat mir der inormative, kurzweilige Bericht sehr gut gefallen.
    Â bientot.
    Wilfried

  • saone (RP)

    Hervorragend! Wir haben vor 8 Jahren auf genau dem selben Boot, der Amity, unsere Bootstouren begonnen. Seitdem reisen wir jedes Jahr ins Burgund zu www.saone-bateaux.com. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: entweder man macht es nie wieder oder man hat sich infiziert. Letzteres war bei uns der Fall.

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Auf Seille und Saone 4.43 14

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps