Hauptspalte:
Sabbatical: Auszeit vom Bürojob
Der 46-jährige Andreas Sedlmair reiste mit seiner Frau 28.000 Kilometer durch die USA
Von einem, der auszog, die Freiheit zu kosten
Wie wäre das: monatelang durch die USA reisen, das Büro in Deutschland hinter sich lassen? Der 46-jährige Andreas Sedlmair hat sich diesen Traum vom Sabbatical erfüllt – und seine Frau, die texanische Sängerin Tish Hinojosa, auf ihrer Tournee begleitet. Tagebuch eines 28.000 Kilometer langen Roadmovies.

November 2011
Endlich habe ich sie: die Erlaubnis für mein Sabbatical. Seit Jahren spiele ich mit dem Gedanken, mir für einen längeren Zeitraum freizunehmen – und nach einigen Verhandlungen hat mein Chef nun einer viermonatigen Auszeit zugestimmt. Nicht, dass ich mit meinem Beruf unzufrieden wäre, im Gegenteil, und ausgebrannt fühle ich mich mit 46 Jahren auch nicht. Mir geht es um einen Plan, den ich schon seit Langem hege: Ich möchte mit meiner Frau, einer texanischen Sängerin, eine ausgedehnte Konzertreise durch die USA unternehmen. Seit 2007 leben wir zusammen in Hamburg, doch in den letzten Jahren ist ihr Heimweh immer größer geworden.
30. März 2012
Mein letzter Arbeitstag. Ich räume mein Büro auf und verabschiede mich von den Kollegen. Werde ich sie vermissen? Wie werden sie ohne mich auskommen, was wird sich bei meiner Rückkehr verändert haben? Gedanken, die mir für kurze Zeit durch den Kopf gehen – und dann von der Vorfreude auf die Auszeit verdrängt werden. Unsere Hamburger Wohnung habe ich untervermietet.
3. April
Meine Frau holt mich in Austin, Texas, vom Flughafen ab. Sie hat dort immer noch eine kleine Wohnung und war schon vorgereist. Für 35 Konzerte in drei Monaten in so ziemlich allen Teilen der USA ist sie gebucht. Ihr Name, Tish Hinojosa, ist vor allem Kennern der Americana-Musik ein Begriff, einer Mischung aus Folk, Country und in ihrem Fall auch noch einem Schuss mexikanischer Musik. Weil sie als Solokünstlerin auftritt, müsste sich die Tournee schon rechnen, wenn wir im Schnitt 100 Zuschauer pro Konzert haben. Mein Job wird vor allem darin bestehen, CDs zu verkaufen.

25. April
Bei dem Konzert in Columbus, Mississippi, trauen wir uns erstmals, gemeinsam einen deutschen Song aufzuführen: "Das Herz von St. Pauli", ein Lied, in dem Hans Albers einst die Hafenromantik unseres Hamburger Wohnviertels besungen hat. Ich bin nervös, bin schließlich kein Sänger, und ein besonderes musikalisches Talent hat mir noch keiner nachgesagt. Aber für den einen Song scheint es zu reichen: Das Publikum in Columbus ist begeistert, und so wird unser Duett zum festen Bestandteil der Auftritte.
2. Mai
Wir lassen es uns auf einer kleinen Insel an der Küste von North Carolina gut gehen, wo eine Freundin uns für einige Tage ihr Ferienhaus überlassen hat. Ich habe viel Zeit, über mein Leben, meine Zukunft nachzudenken. Meine Frau würde eines Tages gern ganz mit mir in die USA übersiedeln. Das kann ich mir nach den ersten Wochen unserer Tour allerdings noch genauso wenig vorstellen wie vorher, allein schon, weil ich dafür meine Arbeit in Hamburg aufgeben müsste.
11. Mai
Beim Konzert in Ashland, Virginia, finden sich nur etwa 40 Besucher ein. Am Abend zuvor war der Zuspruch auch nicht überragend, und so ist die Stimmung nicht die beste. Obwohl wir vermeiden, über die Situation zu reden, wissen wir beide, dass den anderen die gleiche Sorge plagt: Können wir uns diese Reise und meine Auszeit überhaupt leisten, wenn es so weitergeht? Schließlich ist ein Sabbatical nichts anderes als unbezahlter Urlaub. Am Abend ist dann alles wieder gut: Das Konzert in Lemont, Pennsylvania, ist ausverkauft, das Publikum jubelt begeistert und kauft jede Menge CDs.
25. Mai
Familienfeier in Hillsborough, New Jersey. Meine Frau hat zwölf Geschwister und 37 Nichten und Neffen – kein Wunder, dass wir unterwegs immer mal wieder auf Familienmitglieder stoßen. Ich komme aus einer sehr überschaubaren Familie und genieße es, in die Geschichte eines großen Clans einzutauchen. Aber ich beneide Tish nicht. Ihren Erzählungen zufolge hatten mein Bruder und ich im Vergleich zu ihr die deutlich weniger komplizierte Kindheit.












