Unsere Magersucht
Am schlimmsten Tag liegt das, was noch von ihr übrig ist, in meinen Armen und hört nicht mehr auf zu weinen. Sie fühlt sich fremd an. Als wäre sie zerbrochen. Sie riecht nach Hunger, Verzweiflung – und diesem abartigen Fruchtkaugummi. Würde ich es wagen, ihr ins Gesicht zu sehen, ich würde kaum mehr die Frau erkennen, in die ich mich vor sieben Jahren Hals über Kopf verliebt habe. Ihre Stimme ist mir noch vertraut. Sie sagt: Ich kann nicht mehr.
Ich weiß nicht mehr, wann die Krankheit da war. Vielleicht fing es an, als sie sich nicht mehr in Kleidergröße 38 gefiel. Vielleicht, als sie begann, Kalorientabellen auswendig zu lernen. Oder als sie jeden Tag joggte und sich zu Pilates-Videos auf dem Teppich dunkelrote Fransenabdrücke in die Unterarme turnte.
Wir kochten vegan. Sie züchtete Kresse, pürierte Macadamianüsse zu Sahnesoße, knetete Seitanmatsch zu Steaks. Was hätte ich an einem bewussten Lebensstil aussetzen sollen? Kurz darauf war ihr Wunsch nach einem gesunden Leben dem Wunsch nach Selbstzerstörung gewichen. Plötzlich waren nicht nur alle tierischen Produkte, sondern auch alle Fette und Kohlenhydrate tabu und nur noch ein paar Gemüsesorten erlaubt, die sie mit Litern von heißem Malzkaffee hinunterschüttete.
Jetzt sitzt Carli auf meiner Couch, das verrotzte Taschentuch in der einen, die leere Halbliterflasche Cola Zero in der anderen Hand. Studiert die Nährwerttabelle auf dem Etikett, null, null, noch mal null. Zwei Bubblemint zwischen den Kiefern mahlend, schlägt sie ihre knochigen Knie im Viervierteltakt gegeneinander, Tränen im Gesicht, Wut im Bauch und nicht ein einziges Wort im Raum.
Sie hat die Kontrolle verloren, und ich habe keinen Schimmer, wie das geschehen konnte. Wer sich verlaufen hat, merkt es erst, wenn es zu spät ist.
Die ganze Geschichte lesen Sie im GEO Magazin "Der andere Jesus".