Sehvermögen Verdirbt Lesen im Dunkeln wirklich die Augen?

Es gibt wohl kaum jemanden, der diesen Mythos nicht kennt. Wir gehen der Sache auf den Grund - und klären zudem, was der Konsum von digitalen Medien bei Dämmerlicht mit unseren Augen macht
Lesen bei Taschenlampenlicht

Auf ein heimliches Kapitel unter der Bettdecke müssen Kinder den Augen zuliebe nicht verzichten, sagen Mediziner

Kollidierte in der Kindheit die Zubettgehenszeit mit einem spannenden Buchkapitel, dann las man eben still und heimlich im Lichtkegel der Taschenlampe unter der Decke weiter, bis sich die Tür öffnete und die elterliche Mahnung: „Mensch Kind, du verdirbst dir noch die Augen“ im Raum stand. Doch was ist wirklich dran an diesem weitverbreiteten Mythos, und wie verhält es sich mit dem abendlichen Lesen auf Smartphone oder Tablet?

Fakt ist: Kleine Buchstaben im Dämmerlicht zu erkennen, strengt das Auge deutlich mehr an als das Lesen bei guten Lichtverhältnissen. Kopfschmerzen und gerötete Augen können die Folge sein. Warum suboptimale Lichtverhältnisse mehr Anstrengung bedeuten, erklärt die Arbeitsweise der Augen. Bei schwacher Beleuchtung sind zwei Bereiche des Auges besonders gefordert. Zum einen der Ziliarmuskel, der die Linse ständig straffen muss, um Buchstaben lesen zu können, und zum anderen die lichtempfindlichen Stäbchen auf der Netzhaut. Sie benötigen für ihre Arbeit einen besonderen Farbstoff, das Rhodopsin. Bei reduzierten Lichtverhältnissen ändert sich dessen Molekülstruktur und das Auge muss sich mehr anstrengen, um zu funktionieren. Einen langfristigen Schaden tragen die Augen aber nicht davon, das konnten inzwischen Studien beweisen, wie das British Medical Journal bereits 2007 berichtete.

Solange die Augen über Nacht im geschlossenen Zustand genügend Zeit finden, sich zu regenerieren, bestünden keine Bedenken. Ähnlich verhält es sich bei Smartphones, Tablets oder E-Readern. Aufgrund der schnelleren Ermüdung des Auges fällt die Lesezeit fast automatisch kürzer aus, sodass keine Fehlsichtigkeit auftritt.

Schlechte Lichtverhältnisse bergen ein Risiko

Allerdings könnten schlechte Lichtverhältnisse ein anderes Risiko fördern − das der Kurzsichtigkeit. Diese Vermutung bestätige zuletzt eine Studie der Queensland University of Technology. Hierfür wurden über 100 Schulkinder untersucht. Jene, die sich mindestens zwei Stunden am Tag im Tageslicht aufhielten, hatten deutlich bessere Augen als jene, die sich maximal anderthalb Stunden draußen aufhielten. Bei Letzteren dominierte die Kurzsichtigkeit. Es scheint also einen Zusammenhang zwischen Art der Lichtquelle und der Sehstärke der Augen zu geben. Verantwortlich für den Effekt machen Forscher den Botenstoff Dopamin, der bei Helligkeit in der Netzhaut des Auges gebildet wird. Dieser ist zum Beispiel dafür verantwortlich, dass sich das Auge von Tag- auf Nachtsehen umstellt. Gleichzeitig scheint der auch als Glückshormon bekannte Botenstoff bei genügend Tageslicht das Längenwachstum des Augapfels zu stoppen, welchen für eine Kurzsichtigkeit verantwortlich sein kann.

Bildschirmarbeit potenziert das Problem

Da ein Großteil der Menschen inzwischen immer weniger Zeit im Tageslicht, sondern vielmehr in künstlich beleuchteten Räumen vor Bildschirmen verbringt, besteht die Sorge unter Medizinern, dass sich das Sehvermögen der menschlichen Augen grundlegend verschlechtern wird. Die Augenlinse muss sich für das Arbeiten und Lesen an Bildschirmen deutlich mehr anstrengen als beim Lesen eines gedruckten Dokuments bei gutem Licht. Das kann bereits nach zwei bis drei Stunden täglich zu ähnlichen Symptomen führen wie das Lesen unter der Decke: Kopfschmerzen, gerötete und müde Augen. Wer dann am Abend unter schlechten Lichtverhältnissen auf Smartphone oder Tablet weiterliest, kann am Ende doch langfristige Schäden wie eine Kurzsichtigkeit davontragen, berichtet das amerikanische Vision Council.

Für alle, deren Alltag von Bildschirmarbeit geprägt ist, haben Augenmediziner ein paar Tipps, wie sie die Augen zwischendurch entspannen können. So neigen Bildschirmarbeiter beispielsweise zum Starren - und Blinzeln, statt wie gewöhnlich rund 20 Mal pro Minute, nur rund fünf Mal. Die fehlende Befeuchtung der Netzhaut führt dann schnell zur Ermüdung der Augen. Also öfter mal blinzeln am Computer! Zudem hilft es, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen und etwa alle 30 Minuten einen Gegenstand mit den Augen zu fokussieren, der mindestens 40 Meter entfernt liegt. Das entspannt den Ziliarmuskel und beugt einem Tunnelblick vor. Wer seinen Augen ein bisschen Wellness bieten möchte, legt die warmen Handinnenflächen wie Deckel für mindestens 15 Sekunden auf die Augen und schließt diese dabei.

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