Belgrad - quirlige Schnittstelle zwischen Orient und Okzident

Belgrad, die Balkanmetropole wird oft mit Berlin verglichen: Serbiens Hauptstadt hat eine junge, wilde Kunstszene, einen Mix der Kulturen und gibt sich offen für alles und jeden. Wir geben Tipps für die Stadt an der Donau
Belgrad

Die alte Festung von Belgrad bildet den historischen Kern der serbischen Hauptstadt und stammt aus dem 15. Jahrhundert

Belgrad im Überblick

Allgemeine Landesinformationen:
Belgrad (serbisch "Beograd") ist die Hauptstadt der Republik Serbien, einem bergigen Land im Herzen Balkans, das Karl May "das Land der Balkanschluchten" genannt hat. Mit seinen fast 80.000 Quadratkilometern ist Serbien in etwa so groß wie Tschechien oder Österreich.

Beste Reisezeit für Belgrad:
Die serbische Hauptstadt zeigt sich im Frühling und Herbst von ihrer schönsten Seite. Heiß wird es in der Stadt vom Juni bis September, Temperaturen über 30 Grad laden dann ein, am "Belgrader See", auf der Insel Ada Ciganlija ins Wasser der Save zu springen. Vom November bis März ist Belgrad meistens grau, die marode Schönheit der barocken Fassaden geht im Grauschleier unter. Wintertemperaturen, je nach Winter, von minus 20 bis plus 15 Grad.

Geschichte der Stadt:
Fast 500 Jahre herrschten in Zentralserbien die Osmanen, im fruchtbaren Norden, in der Vojvodina, die Habsburger. Bis zu Balkankriegen in den 1990er Jahren gehörte Serbien zu Titos Jugoslawien, nach dem Sturz von Milosevic begann im Jahr 2000 die Demokratisierung des Landes. Seit 2012 ist Serbien der Beitrittskandidat der EU, ob und wann es so weit sein wird, ist fraglich.

Auf zwanzig Belgrader Hügeln leben zwei Millionen Menschen, die, so scheint es, immer unterwegs sind. Ganz Belgrad ist wuselig und bunt und lebendig. Pita, Bourek und Pizza gibt es an jeder Ecke, Bars, Bistros und Restaurants genauso. Bei Ethnosound und Brassorchestra kennt das legendäre Nachtleben keine Sperrstunde: An den Flüssen Save und Donau wird bis zum Sonnenaufgang gefeiert, getanzt, getrunken.

Belgrads Geschichte: Kelten, Goten, Osmanen und andere Herren der Festung Kalemegdan

Die ehemalige Festung Kalemegdan, der Urkern Belgrads, hat in den letzten 2000 Jahren viele Herrscher gesehen: Kelten nannten Belgrad "Singidunum", und das war vor 2000 Jahren. Nach Römern folgten Hunnen und Goten, Slawen und Griechen kamen im 7. Jahrhundert und nannten ihre Siedlung "Weiße Stadt", "beo–grad". Die Osmanen blieben fast 500 Jahre.

Dank ihrer liberalen Religionspolitik blieb Belgrad eine offene Stadt. Sephardische Juden kamen im 14. Jahrhundert, als sie von der iberischen Halbinsel durch die Inquisition vertrieben wurden. Schwaben und Franken, die Kaiserin Maria-Theresia in der Pannonischen Ebene angesiedelt hatte, mussten nur die Donau überqueren, und schon wurden sie zu Bürgern Belgrads.

Durch Jahrhunderte war Belgrad eine begehrte Handelsstadt, aber auch eine Stadt, in der Krieg und Frieden oft schnell wechselten. Hitlers Bomben kamen 1941, zuletzt fielen NATO-Bomben auf Belgrad 1999, als Antwort auf den Kosovo-Krieg. Die beklemmenden Jahre der Milošević-Zeit sind seit 2000 vorbei und Belgrad mausert sich zu einer selbstbewussten europäischen Metropole, ist vibrierend, lustvoll und bejahend.

Belgrad

Auch bei Nacht sehenswert: Die Kathedrale des Heiligen Sava ist die größte orthodoxe Kirche Serbiens

Knez Mihajlova – die begehrteste Straße Belgrads

Die Prachtstraße der Altstadt ist die Knez-Mihajlova. Sie befindet sich im Herzen von Belgrad, in dem Geschichte und Gegenwart verwoben sind. Wiener Melancholie und Triestes Grandezza an prunkvoll verzierten Jugendstilbauten grüßen. In der unmittelbaren Nähe orientalische Spuren am Minarett der Bajrakli-Moschee aus dem 16. Jahrhundert. Davidsterne an Häusern der Judengasse erinnern an Belgrads lange jüdische Tradition, goldenen Türme der orthodoxen Domkirche sind Zeugen der Staatsreligion.

Die Einkaufsstraße und Schlendermeile ist zu jeder Tageszeit voller Menschen. An ihrem Ende beginnt Kalemegdan, Belgrads größte Parkanlage. Die alte türkische Festung wacht über die Flüsse, die Belgrad umarmen. Hier, unter der Burg, wälzt sich die dicke Save in die mächtige, träge Donau, der Blick ist grandios.

Kulinarisch unterwegs: Restaurant-Tipps für Serbiens Hauptstadt

Die baulichen Widersprüche, die nahtlos in einander übergehen, machen aus der Balkanmetropole einen gelungenen Mix: Belgrad ist zugleich europäisch, orientalisch und mediterran. Und wenn auch Belgrad gleichzeitig prachtvoll und schmuddelig ist, die Tochter der Save und Donau hat eine berauschend positive Energie und die spiegelt sich auch im Essen wider. Am Straßenrand weht der Duft der gerösteten Maronen, ein paar Schritte weiter werden Maiskolben gar.

Flanieren, schlendern, schaufensterbummeln, ganz Belgrad lebt auf der Straße, mampft und schmatzt Pitas, Bourek und Pizza, die es alle paar Meter zu kaufen gibt. Wer exquisit essen will, der geht zum Klub kniževnika (Literatenclub), in der Nähe der Knez Mihajlova, oder läuft vom Kalemegdan runter zur Hafenpromenade. Hier, in Beton hala (Betonhalle), direkt am Saveufer ist in den ehemaligen Speichern eine Fressmeile erster Güte untergebracht. Tapas, Sushi, Pasta, aber auch serbische Nationalgerichte können bei Sonnenuntergang genossen werden.

Belgrad

Belgrad präsentiert sich jung und weltoffen: zahlreiche Restaurants, Cafes, Bars und Clubs laden zum Verweilen ein

Kein Markt ohne "kafana"

"Kalenić pijaca", ist nur einer von 30 Belgrader Märkten, die täglich stattfinden. Alles was das Herz begehrt gibt es hier: Ziegenkäse jung und alt, eingelegte grüne Tomaten, halbe Schweine und frische Fische. Das schwerflüssige, grüngelbe Olivenöl lagert in alten Holzfässern, aber es gibt noch mehr: Glühbirnen, Nägel, Antikes und Nachgemachtes – ein täglicher Flohmarkt gehört dazu. Bauernmärkte sind nicht nur der Bauch der Hauptstadt, sondern auch die Seele Belgrads. Und: Ein Bauernmarkt ohne eine "Kafana" gleich um die Ecke ist kein richtiger Markt.

Kafana? Eine Kneipe? Ein Bistro? Ein Restaurant? Kafana ist alldas - ein Ort, an dem man wählen darf: Zeitunglesen und Kaffeetrinken, oder den Balkan-blues mit Bohnensuppe, Ćevapčići und Sliwowitz genießen. Ursprünglich ein türkisches Kaffeehaus, in dem nur Kaffee serviert wurde, wandelte sich Kafana zu einer balkanischen Institution, einem Ort, an dem nicht nur gegessen, getanzt und gesungen wird. Kafana ist bis heute ein Ort der Begegnung, hier wurden Verschwörungen geschmiedet, Hochzeiten gefeiert und Tote betrauert. Diese traditionsträchtigen Orte verschwinden leider, Orašac oder Stara Hercegovina sind noch da, wer weiß wie lange noch.

Das kreative Herz Serbiens

Kürzlich hat die BBC Belgrad zu fünf kreativsten Städten der Welt erklärt. Es sei vor allem die junge Kunstszene, so die BBC, die Belgrad so spannend macht. Events wie Oktobersalon, (Oktobarski salon) würdigen jedes Jahr junge Künstler, Galerien und Show rooms gibt es an jeder Ecke.

Das Museum der zeitgenössischen Kunst (Muzej savremene umetnosti) zählt zu den wichtigsten Kulturbauten des Landes und zeigt jugoslawische sowie serbische Kunst von 1990 bis heute, darunter auch Exponate von Marina Abramović der weltbekannten Künstlerin aus Belgrad.

Das Zepter-Museum, untergebracht in einem der schönsten Jugendstil-Häuser in der Knez-Mihajlova, hütet die bedeutendsten Werke der modernen serbischen Kunst. Und überhaupt: Täglich gibt es Vernissagen, Konzerte und Rockkonzerte, Buchvorstellungen, Theater und Kabarett, was Kunstszene angeht, kann sich Belgrad ruhig mit Berlin messen.

Architektur: Brutalismus-Traum in Belgrad

Das Straßenbild Belgrads besticht nicht mit seiner Schönheit. Während Gründerzeithäuser die Altstadt zieren, manche verfallen, manche "verhübscht", glänzt Neu Belgrad mit "Brutalismus", einer Bewegung in Kunst und Architektur. Brutalistische Architektur bedeutet vor allem: Viel roher Beton. Unverputzter Sichtbeton gab dem klotzigen Architektur-Stil seinen Namen. Vordenker war der berühmte Architekt Le Corbusier.

Zwischen den 1960ern und 1980ern wurden öffentliche Gebäude, aber auch Wohnkomplexe und Denkmäler im brutalistischen Stil quer durchs Land, und so auch in Belgrad, errichtet. Sava centar, ein Kulturtempel und Genex-Turm, ein Bürogebäude, muss man unbedingt in Neu Belgrad besuchen. Das New Yorker Museum MOMA widmete 2018 gar eine große Ausstellung dem jugoslawischen "Brutalismus".

Nachtleben: Angesagte Bars und Clubs in Belgrad

Auch Belgrader Nächte sind lang, keine Sperrstunde, der Morgen kann kommen. "Splavovi" heißen die Party-Hausboote, die an Ufern der Save und Donau liegen und auf denen die Nächte durchgetanzt werden.

  • Splav Freestyler liegt gegenüber der Betonhalle, in Neu Belgrad, und ist für seine Cocktails berühmt. Die Party steigt erst ab halb zwölf nachts und dauert, naja, solange die Füße und der Kopf tragen.
     
  • Das Viertel Savamala in der Altstadt ist gespickt von Clubs, besonders in der Karadjordjeva Straße. Mladost (Jugend), Ludost (Verrücktheit), Radost (Freude) sind die angesagtesten.

So vielfältig wie Balkanrhythmen

Belgrad ist so vielfältig, so skurril, so widersprüchlich. Da ist Zemun, früher Grenzstadt zwischen Habsburgern und Osmanen, heute Belgrader Stadtteil, eine verschlafene Prinzessin an Donauufern. Da ist der riesige Chinesenmarkt in Neu-Belgrad, auf dem chinesisches Gemüse und glitzernde Stoffe verkauft werden.

Belgrads Friedhof kann sich mit Pere lachaise in Paris messen, was Statuen und Mausoleen betrifft. Am Wochenende wird in Belgrad an allen Ecken und Kirchen geheiratet, die ganze Stadt klingt nach Balkanrhythmen, die von unzähligen Roma-Trompetern lautstark die Hochzeitsgäste begleiten.

Anreise: So kommen Sie nach Belgrad

  • Mit dem Flugzeug
    Den Belgrader Flughafen Nikola Tesla Airport fliegen 250 Fluggesellschaften an. Von Deutschland dauert der Flug zwischen anderthalb und zwei Stunden. Vom Flughafen aus fahren Busse und Taxis in die Stadt. Eine Busfahrt kostet etwa 3 Euro, der Bus fährt alle 30 Minuten in die Stadt. Eine Taxifahrt kostet zwischen 20 – 25 Euro. Achtung: Unbedingt am "Taxistand" in der Gepäckausgabehalle einen Voucher für die Taxifahrt in die Stadt mitnehmen.
     
  • Mit dem Auto
    Von Norden aus gibt es zwei Möglichkeiten nach Belgrad zu kommen: entweder von Zagreb oder von Budapest aus. Für die alte "Autoput" und für die 400 Kilometer zwischen Zagreb und Belgrad braucht man etwa drei Stunden, für die zweite Variante und 380 Kilometer braucht man länger. Doch, die Pannonische Ebene, durch die man fährt, ist eine Pause wert.
     
  • Mit dem Fahrrad
    Den Radfahrern steht die "EuroVelo 6" zur Verfügung, sie folgt der Donau von der ungarischen Grenze bis Belgrad und weiter zum Schwarzen Meer.
Belgrad

Der Hafen von Belgrad: Entlang der Kaimauer sind einige Restaurants und Cafes in den restaurierten Lagerhäusern entstanden

Weitere Infos: Einreise, Krankenkasse, Bankautomaten

Für EU-Bürger gestaltet sich die Einreise einfach: Pass vorzeigen und Zollkontrolle passieren. Für einen Aufenthalt bis drei Monaten braucht man kein Visum. Ausführliche Infos auf der Website des Auswärtigen Amtes helfen weiter. Eine Bestätigung der gesetzlichen Krankenkasse empfiehlt sich, jedoch, alle Arztrechnungen müssen sofort bezahlt werden. Im Falle eines Falles lieber eine private Arztpraxis aufsuchen, die staatlichen sind restlos überlaufen. Bankautomaten gibt es überall in der Stadt, wichtig: Die Umrechnung nicht konvertieren, das ist meistens der schlechtere Kurs. "Menjačnica" (Wechselstube) gibt es an jeder Ecke, der Kurs ist meistens besser als in der Bank.

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