GEO EPOCHE EDITION Nr.15 Van Gogh und seine Zeit

In seiner nächsten Ausgabe stellt GEO EPOCHE EDITION einen Künstler vor, der bis heute fasziniert und inspiriert
GEO EPOCHE EDITION Nr.15: Vincent van Gogh ist von den Impressionisten beeinflusst, doch in seinen eigenen Werken geht er immer wieder über sie hinaus. So hat es beispielsweise noch kein moderner Künstler vor ihm gewagt, eine spätabendliche Szene bei natürlichem Licht zu malen. Mit der »Sternennacht über der Rhône« gelingt dem Niederländer 1888 das Kunststück, die Farben der Finsternis auf die Leinwand zu bannen
Vincent van Gogh ist von den Impressionisten beeinflusst, doch in seinen eigenen Werken geht er immer wieder über sie hinaus. So hat es beispielsweise noch kein moderner Künstler vor ihm gewagt, eine spätabendliche Szene bei natürlichem Licht zu malen. Mit der »Sternennacht über der Rhône« gelingt dem Niederländer 1888 das Kunststück, die Farben der Finsternis auf die Leinwand zu bannen
© Musée d'Orsay

Der Maler aus den Niederlanden ist begeistert von den Farben des Südens. „Wenn das Grün frisch ist, ist es ein sattes Grün, wie wir es im Norden selten sehen. Wenn es verbrennt und staubig wird, bekommt die Landschaft die verschiedensten Goldtöne, ebenso Bronze, Kupfer, von Zitronengelb bis zu der matten Farbe wie etwa ein Haufen ausgedroschenes Korn“, schreibt Vincent van Gogh Mitte Juni 1888 aus dem südfranzösischen Arles seiner Schwester. „Das zusammen mit dem Blau – vom tiefsten Königsblau im Wasser bis zu Vergissmeinnichtblau, Kobaltblau vor allem, helles, lichtes Blau, Grünblau und Violettblau.“ Die Farben der Provence im Sommer: Wie im Rausch bannt van Gogh sie nun in kräftigen, wirbelnden Strichen aus unvermischten Ölfarben auf die Leinwand. Fast täglich vollendet er ein Bild, malt in der Glut der untergehenden Sonne lodernde Weizenfelder sowie Schnitter bei der Ernte. Flirrende Gärten, Wiesen, Dörfer. Und immer wieder Sonnenblumen in einer Vase. Erst als Erwachsener ist van Gogh zur Malerei gekommen, nun arbeitet er bis zum Zusammenbruch. Im Juni 1888 ist er 35 Jahre alt. Er hat noch 25 Monate zu leben.

Als Vincent van Gogh 1853 zur Welt kommt, wird vor allem in Paris bestimmt, was zu gefallen hat in der Kunst. Wer an der Seine etwas werden will als Maler, fügt sich den Vorgaben der École des Beaux-Arts. Gewünscht sind Szenen aus der Historie oder liebliche Allegorien, bevölkert von naturgetreu nachgeahmten Figuren. Alles andere gilt als schlechtes Handwerk und hat kaum eine Chance, weder bei den Händlern noch bei deren Kunden. Doch ein paar junge Männer in Paris wagen die Rebellion: Um das exakte Bild mögen sich fortan andere kümmern, befinden sie um 1870, sie wollen den Eindruck – die Impression – des flüchtigen Moments einfangen. Die Impressionisten arbeiten lieber im Freien als im Atelier; sie widmen sich nicht mehr der erhabenen Antike, sondern dem ungeschönten Alltag des entfesselten Industriezeitalters; malen statt prunkvoller Paläste nun banale Naturszenen, statt Göttinnen nun Animierdamen, statt Allegorien nun regennasse Boulevards und dampfende Bahnhöfe. Vor allem aber: Sie lösen die Umrisse ihrer Motive auf, lassen sie zuweilen sogar in kurzen, farbigen Strichen verschwimmen. Publikum und Kritik sind entsetzt über die vermeintlichen Dilettanten. Auch der angehende Künstler van Gogh denkt zunächst so, als er ihre Arbeiten sieht, freundet sich aber dennoch mit einigen der Avantgardisten an.

Zwei Jahre verbringt er ab Februar 1886 in Paris. Und dort entdeckt der Maler, der bis dahin nur in dunklen, erdigen Tönen gearbeitet hat, beeinflusst von den Impressionisten: das Licht. Doch erst in der Abgeschiedenheit der Provence wird er aus deren getupften bunten Punkten und Strichen seine ganz eigenen verschlungenen, kraftstrotzenden Schwünge entwickeln. Und einem neuen Kunststil den Weg bahnen: dem Expressionismus, dessen Vertreter ihre tiefsten Gefühle in Gemälde fassen.

In der nächsten Ausgabe widmet sich GEO EPOCHE EDITION Vincent van Gogh und seiner Zeit – den Jahren der großen Umwälzungen in der Kunst zwischen 1850 und 1900.

Die Ausgabe erscheint am 12. April 2017

Mehr zum Thema