Klimakrise Waldbrände in Sibirien: Die Katastrophe, die kaum beachtet wird

Die Waldbrandsaison in der Arktis könnte 2020 noch schlimmer werden als 2019. Doch die öffentliche Empörung bleibt aus. Haben wir uns an das "Neue Unnormal" schon gewöhnt?
Waldbrand in Sibirien

Feuer in Sibirien: In den arktischen Regionen Russlands brennen nicht nur Bäume, sondenr auch Torfböden

+++ Kolumne "Alles im grünen Bereich" +++

Als im vergangenen Jahr die Arktis brannte, überschlugen sich die Nachrichten: Nadelwälder am nördlichen Polarkreis, in den kältesten Regionen der Erde, in hellen Flammen. Das erschien neu. Ein loderndes Fanal der Klimakrise - und frischer Zündstoff für die Proteste der Fridays-for-Future-Bewegung. Zu Recht. Denn Feuer gab es im Sommer in Sibirien zwar schon immer. Auch ist seit langem bekannt, dass die Durchschnittstemperaturen in der Arktis schneller steigen als anderswo auf der Erde. Doch die Dimension der Brände war tatsächlich historisch. Und sie stehen exemplarisch für ebenso gefährliche wie schwer zu kalkulierende Rückkopplungseffekte, die Klimaforschern tiefe Sorgenfalten auf die Stirn treiben.

Waldbrände setzen Unmengen Kohlendioxid frei

Mit Spitzenwerten weit über 30 Grad erlebt die Arktis einen beispiellosen Stresstest. Nicht nur Bäume, auch Torfböden brennen, in denen seit 15.000 Jahren Kohlendioxid gespeichert wird. Dauerfrostböden tauen auf und entlassen neben dem CO2 das weitaus klimaschädlichere Methan. Gigantische Mengen Klimagase und andere Schadstoffe heizen das Klima zusätzlich auf – und tragen so dazu bei, dass es in Zukunft zu noch mehr Bränden kommen wird.

Diese Zukunft ist nicht irgendwann. Sondern jetzt: Forschern zufolge haben die Brände im arktischen Russland allein im Juni und Juli mehr Kohlendioxid freigesetzt als in jeder kompletten Waldbrandsaison seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2003.

Peter Carstens
Kolumne
Alles im grünen Bereich
In seiner Kolumne schreibt GEO.de-Umweltredakteur Peter Carstens über das einfache, nachhaltige Leben, über Öko-Sünden, Greenwashing und richtig gute Ideen

Neue Negativ-Rekorde verlieren ihren Nachrichtenwert

Doch seltsam: In der Berichterstattung spielt die fortgesetzte Katastrophe kaum eine Rolle. Zwei mögliche Erklärungen drängen sich auf. Sie betreffen unsere Sicht auf die Klimakrise insgesamt:

Die erste ist naheliegend: Die Berichterstattung über die Corona-Pandemie überlagert alles andere. Das Ansteckungsrisiko im Büro oder Supermarkt ist interessanter als ein Feuer in den fast menschenleeren Weiten Sibiriens. Das ist zwar verständlich, weil das Covid-19-Virus unsere Gesundheit und die unserer Angehörigen und Freunde konkret bedroht. Doch je länger die Corona-Krise dauert, desto größer wird die Gefahr, dass die um Größenordnungen gravierendere und länger andauernde Klimakrise aus unserem Bewusstsein verdrängt wird. Und auf der Prioritätenliste der Politik wieder nach unten rutscht.

Der zweite Erklärungsansatz betrifft ebenfalls unsere Wahrnehmung: Wir haben uns an das „Neue Unnormal“ gewöhnt. Berichte über wütende Brände, wie zuletzt in Australien, am Amazonas oder in Sibirien, über Rekord-Hitzewellen und -Dürren, über verheerende Stürme und Fluten haben ihren Neuigkeitswert (und ihren Appellcharakter) eingebüßt. Wir sind gewissermaßen klimakatastrophen-übersättigt. Es ist kein Zynismus, festzustellen, dass verheerende Wetteranomalien und Katastrophen globalen Ausmaßes im Zeitalter der Klimakrise normal sind. Und die kommt nicht irgendwann. Sie ist schon da.