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Leseprobe: Metropole zwischen den Meeren

Kein Ort in Skandinavien ist reicher, kein Hafen größer: 300 Jahre lang beherrschen die Bewohner von Haithabu in Südjütland den Handel zwischen Nord- und Ostsee. Heiden, Christen und sogar Muslime feilschen in der Wikingerstadt um Eisenbarren, orientalische Gewürze und Tausende Sklaven. Bis die Siedlung auf rätselhafte Weise untergeht

Lesen Sie einen Auszug aus der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Die Wikinger":

Diese Stadt stinkt, sie erstickt im Abfall, ihre hölzernen Häuser verfaulen, die Bewohner sterben früh – und doch ist sie reicher und bedeutender als jeder andere Ort im Land der Wikinger. Arabische Reisende werden den Kalifen von ihr berichten, isländische Dichter sie in ihren Sagas erwähnen und mächtige Runensteine ihren Namen verkünden: Haithabu, die Siedlung auf der Heide.

Ihren Reichtum verdankt die Stadt den Kaufleuten. Denn hier verläuft einer der Handelswege, die von der Iberischen Halbinsel bis nach Mesopotamien und vom Weißen Meer im Norden Russlands bis zur Ägäis reichen.

Am Ende eines Ostseefjordes, der rund 40 Kilometer tief in das dänische Jütland hineinragt, liegt dieser weltbekannte Hafen; ein Umschlagplatz für spanisches Quecksilber, chinesische Seide, norwegisches Eisen, Bergkristall vom Schwarzen Meer, rheinischen Wein, fränkisches Glas, orientalische Gewürze – und Tausende Sklaven.

Zur Zeit ihres größten Glanzes im 10. Jahrhundert leben mehr als 1000 Menschen in dem Handelszentrum an der Meereseinbuchtung (westlich des heutigen Eckernförde) – das sind zehnmal mehr als in einer ländlichen Wikingersiedlung und so viele wie nirgendwo sonst in Skandinavien. Fast 300 Jahre lang steuern jeden Sommer Händler den Hafen an, den größten Nordeuropas.

Doch fast ebenso plötzlich, wie die Stadt aufgestiegen ist, verfällt sie wieder. Nur wenige frühmittelalterliche Beschreibungen und Erwähnungen überdauern die Zeiten – dafür jedoch zahllose Artefakte, die Archäologen seit über 100 Jahren bergen.

Jene spärlichen Hinweise helfen, den Dämmer zu erhellen, der die Anfänge der Metropole umgibt: Denn sie blüht nur deshalb auf, weil eine andere Siedlung untergeht.

Zu Beginn des 8. Jahrhunderts deutet nichts darauf hin, dass an der sandigen Bucht von Haithabu, dem Haddebyer Noor, einmal eine Stadt entstehen wird. Das unberührte Noor erstreckt sich am westlichen Ende der Schlei, einem schilfgesäumten Meeresarm, der von der Ostsee aus tief ins Land führt.

Die Halbinsel Jütland teilen sich vier Völker: Im Norden leben Dänen, im Süden Sachsen, im Osten (dem heutigen Ostholstein) Slawen und im äußersten Westen, entlang der Nordseeküste, Friesen – jene Kaufleute, die zu dieser Zeit den Fernhandel von der Rheinmündung bis zu den Britischen Inseln und nach Skandinavien beherrschen.

Vermutlich sind sie es, die um 725 n. Chr. am Strand des Noors einen Stützpunkt errichten. Die benachbarten Völker lassen die Neuankömmlinge gewähren, denn der waldreiche und sumpfige Landstrich ist noch dünn besiedelt. Wahrscheinlich fördert ein dänischer Herrscher sogar die Entstehung der Siedlung an der Südgrenze seines Reiches.

Niemand kann heute mehr sagen, ob die Friesen über die Ostsee nach Haithabu segeln oder ob sie von der Nordseeküste über Land zum Noor gelangen – doch nach ihrer Ankunft hinterlassen sie im Boden Spuren: Tongefäße, Silbermünzen und vor allem Urnengräber, wie sie Archäologen aus Friesland kennen. Anfangs nutzen die Pioniere ihr Lager wohl nur im Sommer; doch um das Jahr 750 erweitern sie es zu einer bescheidenen Siedlung – kaum mehr als eine Ansammlung kleiner Hütten, die sich über flachen Erdgruben erheben.

Leseprobe: Metropole zwischen den Meeren

Haithabu zur Zeit seiner größten Blüte im 10. Jahrhundert: Mehr als 1000 Menschen leben in den Holzhütten der Handelsstadt, die an einer Bucht im Süden des dänischen Reiches liegt. Ein gewaltiger Halbkreiswall schützt sie vor Angreifern

Die Friesen haben entdeckt, welche Chancen die Bucht bietet. Sie ist gut geschützt und lässt sich doch leicht vom Meer aus erreichen. Zudem verläuft in unmittelbarer Nähe eine schon seit der Bronzezeit genutzte Nord-Süd-Handelsroute: der Ochsenweg, die wichtigste Verbindung zwischen dem Land der Dänen und dem Tal der Elbe.

Vor allem aber bietet das Noor den Zugang zu einer Abkürzung zwischen Ost- und Nordsee: Statt Jütland zu umsegeln und womöglich im sturmgepeitschten Skagerrak Schiffbruch zu erleiden, muss ein Händler von Haithabu aus nur 18 Kilometer über Land zurücklegen bis zum nächsten Binnenhafen; dann tragen ihn die Flüsse Treene und Eider in die Nordsee. Nirgendwo sonst ist die Fahrt über Land zwischen den Meeren so kurz.

Eine gewaltige Umwälzung erfasst Nordeuropa in diesen Jahrzehnten. Lange war der Ostseeraum vom Westen Europas relativ isoliert, doch nun nimmt der Handel mit Skandinavien schlagartig zu – vor allem, weil die Wirtschaft in Westeuropa aufblüht und den Nordmännern bessere Schiffe zur Verfügung stehen. Zudem erkunden Seefahrer nun Fahrtrouten entlang der von Slawen und Balten besiedelten Küsten im Süden der Ostsee.

Zur gleichen Zeit öffnen andere skandinavische Pioniere Handelswege über den Dnjepr nach Konstantinopel und zum islamischen Kalifat.

An günstig gelegenen Orten, etwa an Meeresengen, Flussmündungen, oder im Grenzgebiet zwischen den Völkern, gründen Kaufleute und lokale Herrscher feste Niederlassungen – neben Haithabu auch Wolin an der Odermündung und Staraja Ladoga beim heutigen Sankt Petersburg.

Dieser wirtschaftliche Aufschwung weckt das Interesse der Dänen: Ende des 8. Jahrhunderts unterwerfen sie die in Jütland lebenden Friesen. So zumindest deuten Archäologen die dänischen Grabbeigaben, die sich immer häufiger in der Nähe friesischer Siedlungen finden.

Als Haithabu 804 erstmals in einer schriftlichen Quelle erwähnt wird – den Annalen des Fränkischen Reiches –, kontrolliert bereits der dänische König Göttrik den Ort. Die fränkische Chronik feiert die Taten von Göttriks gefährlichstem Gegner: Karl dem Großen, dem König der Franken und Herrn über das gewaltigste Imperium in Mitteleuropa.

Kurz zuvor hat der fränkische Monarch die Sachsen besiegt und seinen Machtbereich bis an die dänische Grenze ausgedehnt: dem Flusslauf der Eider, gut 30 Kilometer südlich von Haithabu.

Am Ufer des Haddebyer Noors, so berichten die Annalen, habe der dänische Herrscher in jenem Jahr Heer und Flotte versammelt, um die Franken von einem Angriff auf Dänemark abzuhalten.

Göttrik ist ein ebenso machtbewusster wie ehrgeiziger Monarch. Er weiß, dass die mageren Abgaben, die ihm die Bauern entrichten, auf die Dauer nicht ausreichen, um die Franken abzuwehren. Wenn er seine Truhen füllen will, dann muss er wohlhabende Händler in sein Reich locken – oder sie dazu zwingen, nach Haithabu zu kommen.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE zum Thema "Die Wikinger" nachlesen.

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GEO EPOCHE Nr. 53 - 2/12 - Die Wikinger
GEO EPOCHE Nr. 53
Die Wikinger
Entdecker, Krieger, Staatengründer - Das Zeitalter der nordischen Seefahrer 793-1066