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Osterinsel Im Schatten der Moai

Die Ureinwohner der Osterinsel besinnen sich ihrer Kultur, die einst wundersame Steinskulpturen hervorbrachte. Doch der neue Stolz der Rapa Nui birgt Stoff für Konflikte – mit Fremden und auch mit der Obrigkeit
Im Schatten der Moai

Schmallippig und missmutig blicken die Moai-Statuen; anders als die Touristen, die zum unvermeidlichen Foto posieren

Wegen des großen Touristenandrangs auf der Osterinsel hat Chile den Zugang ab August 2018 per Gesetzt beschränkt. In der Reportage "Im Schatten der Moai", erschienen in GEO 01/2017, beschreibt Peter-Matthias Gaede, wie sich das Eiland in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Der langjährige GEO-Chefredakteur hatte die Osterinsel bereits Anfang der 1990er Jahre für zwei GEO-Reportagen besucht.

Das Meer war ihnen das Universum, der nächste Kontinent war für sie der Himmel. So allein hatten sie sich gefühlt, so einzig, so unberührbar, gut 500 Jahre lang. Bis an einem Apriltag des Jahres 1722 drei Segelschiffe vor der Küste auftauchten. Bis ein Offizier der "Thienhoven" das Feuer auf die Menschen eröffnen ließ. Bis mindestens zehn von ihnen starben.

Die Insel war doch einst ihre gewesen, denn sie gehörten zu den 36 Familien, die es auf Rapa Nui schon immer gegeben hatte. So im Recht fühlten sie sich, so missachtet, dass sie aufbegehrten und ein Stück des Landes besetzten und ihre Fahne hissten. Bis an einem Dezembertag des Jahres 2010 ein Flugzeug landete. Bis ihm eine Spezialeinheit vom chilenischen Festland entstieg und sie mit Gummigeschossen und Tränengas vertrieb. Bis ungefähr 20 von ihnen mit blutenden Wunden im Krankenhaus landeten oder im Arrest.

Es liegen 288 Jahre zwischen diesen beiden Tagen, und keinen davon könnte man wohl als einen Südseetraum bezeichnen, egal welcher Geschichte von Rapa Nui man folgt. Die eine Erzählung ist mythenbeladen, belegt mit vielfach unbewiesenen Theorien. Sie hat im Zentrum 887 steinerne Köpfe auf tonnenschweren Rümpfen: die weltberühmten Moai, Monumentalgestalten, wie sie keine andere Kultur je aus den Flanken eines Vulkans gehauen hat. Dies ist die Erzählung der Wissenschaftler, der Archäologen, Anthropologen, Historiker, Botaniker – und gern auch der Esoteriker

Tourismus auf der Osterinsel: Was bedeutet das Gesetz?

Das neue Gesetzt, das zum 1. August 2018 in Kraft trat, verringert den maximalen Aufenthalt von Touristen auf der Osterinsel von 90 auf 30 Tage. Zudem müssen Besucher ein Behördenformular zu ihrem Besuch ausfüllen, eine Hotelreservierung vorweisen oder die Einladung eines Inselbewohners sowie ihre Hin- und Rückfahrkarten. Nur noch Mitglieder oder Ehepartner der Rapa Nui dürfen sich dauerhaft ansiedeln. Das Gesetz soll dem Schutz der Kultur der Ureinwohner dienen. "Die Ausländer sind dabei, die Kontrolle über die Insel zu übernehmen", wird Inselbürgermeister Pedro Pablo Edmunds Paoa von Nachrichtenagenturen zititiert.

Die zweite Erzählung handelt von einer neugierig machenden Isolation. Sie hat mit Sehnsucht zu tun, operiert mit Dis­tanzen: 3500 Kilometer sind es von Rapa Nui zum südamerikanischen Kontinent, 2000 Kilometer westwärts bis Pitcairn, der nächsten bewohnten Insel. 3500 Kilometer sind es nordwärts bis zum Galápagos-Archipel, 5000 südwärts bis zur Antarktis. Muss es nicht völlig entrückt sein, an einem derart entlegenen Ort, nur 163 Quadratkilometer groß, also kleiner als Fehmarn, mitten im großen Nichts zu leben?

Dies ist die Spekulation von Großstädtern, wenn sie nach gut fünfstündigem Flug von Santiago de Chile auf Rapa Nui landen. Ist es dann vielleicht, wie aus einer Zeitmaschine zu steigen und eine Freilicht­bühne zu betreten, auf der die Globalisierung noch nicht auf dem Spielplan steht?

Und dann lässt sich noch eine dritte Geschichte erzählen, vielleicht die unscheinbarste. Nur ist sie eben die wichtigste für die Menschen, deren Alltag auf Rapa Nui spielt. Diese Geschichte ist am weitesten von der Vorstellung entfernt, es gäbe noch Inseln, die sich in jedem Belang vom Festland unterschieden. Als die Ahnen sie einst Te Pito o te Henua nannten, den „Nabel der Welt“, war das ein Zeichen für die Einzigartigkeit dieser Insel. Nun aber ist sie ganz von dieser Welt.

Seit 1993 hat sich die Zahl der Insulaner verdoppelt

Das war sie auch schon 1993, 1994, als ich die Insel nach zwei Reportagen für GEO verließ. Aber 1993 lebten erst 2770 Menschen in Hanga Roa, dem einzigen Ort der Insel; heute sind es mehr als doppelt so viele.

Damals ruckelten 324 Autos über rote Erde und wenige Hundert Meter gepflasterte Straße, im Juni 2016 waren es schon mehr als viermal so viele. Damals lag das generelle Tempolimit bei 20 Kilometern pro Stunde, nun darf auf einem kleinen Stück der auf etwa 70 Kilometern asphaltierten Straße 60 gefahren werden, wenn es auch nach wie vor keine Ampel gibt. Damals war noch kaum ein Haus höher als die Bananenstaude daneben, heute gibt es zweistöckige Shoppingmalls in Hanga Roa. Damals landete die chilenische LAN Airlines, die erst 1967 Flüge hierher aufgenommen hatte, zweimal in der Woche, inzwischen bis zu elfmal. Und von damals noch nicht einmal 20.000 Besuchern jährlich hat sich deren Zahl auf nun 125.000 erhöht.

Was macht das alles mit diesem Pünktchen im Pazifik, von dem es einst hieß, einsamer als hier lebe es sich al­lenfalls noch in einer antarktischen Forschungsstation?

"Jeden Morgen 6000 Probleme macht das“, sagt Pedro Edmunds Paoa. Er ist ein guter Zeuge für den Gang der Dinge, denn seit 1994, als ich ihn kennenlernte, ist er – mit einer vierjährigen Unterbrechung – der Bürgermeister der Insel. Dass Paoa gleich von 6000 Problemen auf der Insel spricht, wohl nicht zufällig nahezu identisch mit der Kopfzahl ihrer Bewohner, mag ein bisschen kokett sein.

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Immerhin haben sie hier seit 2012 ein modernes Krankenhaus mit etwa 25 Betten. Für Kaiserschnitte steht nun auch ein Gynäkologe zur Verfügung, und bei Unfällen, meist verursacht von alkoholisierten Motorradfahrern, können zwei Ambulanzen ausrücken. Zwei Zahnärzte haben sie, drei Kindergärten, einen Kunstrasenplatz mit Flutlicht am Hafen, auf dem sich fast jeden Abend Fußballteams beharken, auch mindestens vier Frauenmannschaften dar­unter. Und Yoga im Angebot. Drei Lösch­fahrzeuge stehen der Feuerwehr zur Verfügung, und die Miniatur-Moai-Schnit­zer, verantwortlich allerdings für eine Andenkenindustrie, die unter erbarmungswürdiger Überproduktion leidet, sitzen nun trocken in einem Kunstgewerbezentrum nahe der Kirche.

Der Bürgermeister könnte also zufrieden auf einige Fortschritte blicken, würden da nicht noch oder wieder ein paar Konflikte schwelen.

Ein Hollywood-Märchen ohne Happy End

Einer ist eher unsichtbar; er hat mit der Zeitenwende zu tun, die 1993 von einem etwa 100-köpfigen Filmteam ausgelöst wurde, mit dem Kevin Costner kam, um aus der Geschichte der Insel ein Holly­wood-Märchen zu machen. In der großen, weiten Welt war der Film ein Misserfolg, das Leben in Hanga Roa aber hat er aufgewühlt.

Ich habe es miterlebt: wie dieser allmächtige Auftritt der Profis aus der Traumfabrik, deren Budget dem Fünfzigfachen des jährlichen Gemeindeetats entsprach, die Preise für Thunfisch und Tomaten und alles andere steigen ließ. Wie er Hoffnungen und Zwietracht säte. Wie er einige ein wenig reicher machte, andere mit Drogen bekannt. Wie er einerseits das Selbstwert­gefühl der Inselbewohner hob und wie er andererseits haarfeine Risse im Ego besonders der jungen Rapa Nui hinterließ, als die Moai-Attrappen aus Kunststoff verbrannt worden waren, die Leute vom Film wieder über alle Meere verschwunden.

„Ich teile unsere Gegenwart in die Zeit vor und nach dem Film“, sagt Pedro Paoa, der Bürgermeister. Mit dem Film war eine Illusion von Gefragtsein über die Insel­bewohner gekommen. Die dann zerstob. Und es blieb eine Leere, in die viele nun Alkohol füllten.

Der zweite Konflikt? Er geht noch tiefer. Und man kann ihn sogar sehen, deutlicher als in der 1990er Jahren. Gleich gegenüber der Ausfahrt vom Flughafen Mataveri steht nun ein handgemaltes Schild in roten Buchstaben, auf dem eine der indigenen Familien nach „56 Jahren Hoffnung, Gesprächen, Beschwerden“ verlangt, endlich als eigentliche Eigentüme­rin des Geländes anerkannt und entschädigt zu werden, auf dem die Startbahn verläuft. Wer zum Rano-Kau-Vulkan fährt, kommt an einer Hütte vorbei, auf der „Entkolonialisierung“ gefordert wird, „Freiheit für das Königreich Rapa Nui“. Und in der Hauptstraße von Hanga Roa prangt das Protestplakat der „Asamblea Territorial“ gleich neben dem Haus des „Rapa Nui Parliament“ mit einer Erinnerung daran, dass die Stammesältesten der Insel es angeblich niemals unterschrieben haben, im Vertrag von 1888 ihre Souveränität tatsächlich an Chile abzugeben.

Wem also gehört diese Insel, wer bestimmt über ihre Geschicke?

Erst seit 1984 ist der Gouverneur ein ethnischer Rapa Nui. Der Bürgermeister ist es auch, zuletzt gewählt von 1013 Inselbewohnern. Daneben existiert ein Ältestenrat, außerdem eine ungeduldige Abspaltung von ihm – und ebendieses Rapa-Nui-Parliament, eine Bürgerinitiative, in der sich jene zusammenfinden, die am meisten darunter leiden, dass der ­Zuzug vom Festland die indigene Be­völkerung zur Minderheit gemacht hat. 40 Prozent soll sie noch stellen. Aber wer eigentlich ist indigen?

Seit US-amerikanische Ingenieure in den 1960er Jahren die erste Landepiste für den Flughafen bauten, haben nicht we­nige Rapa Nui amerikanische Vorväter. Deutsche Frauen sind gekommen, um Rapa Nui zu heiraten, Weltenbummler aus Frankreich sind hier hängen geblieben, Aussteiger, Forscher, Studenten aus Venezuela. Und sie haben sich verliebt und vermischt. Die Osterinsel ist kein Refu­gium mehr von Menschen, in deren Ver­gangenheit noch alles, was kreuchte und fleuchte, aus der Ehe von Götterpaaren kam: der Hai und der Regen, das Gras und die Sterne, das Glück, der Mann und der Schmerz. Und selbst der schlechte Geruch.

So ist es schwierig geworden für die Rapa Nui, sich abzugrenzen. Sie beargwöhnen die Festlandschilenen, die der überdurchschnittlichen Löhne wegen kommen und weil es hier Steuerfreiheit gibt. Aber es ist eine ambivalente Sache: Denn die Rapa Nui selbst könnten es stoppen, dass immer größere Teile der insularen Ökonomie, vor allem der inzwischen über 100 Hotels und Gästezimmer, in die Hände von Fremden fallen. Privater Landbesitz außerhalb des von der nationalen Forstbehörde verwalteten Nationalparks, der rund 40 Prozent der Fläche ausmacht, ist nur der indigenen Bevölkerung gestattet, etwa zehn Prozent des Terrains hat sie wieder, den Rest hat der Staat.

Immer mehr Touristen erreichen die Insel

Doch wo Fischerei in kleinen Booten und Subsistenzwirtschaft mit Süßkartoffeln und Maniok die Alternativen sind, ist die Verlockung groß, das „heilig“ genannte Land an Konzerne zu verpachten. So ist, versteckt und ohne jedes Hinweisschild, zum Beispiel das Hotel Explora entstanden, das für fast 1000 Dollar pro Nacht und Zimmer zu bewohnen ist.

Die Touristen? Schätzungsweise 80 Pro­zent der Ökonomie, vielleicht noch mehr, hängen von ihnen ab. Hanga Roa ist inzwischen voller Autovermietungen, Internetcafés, Reiseagenturen, Tattoo-Studios, Tauchschulen. Zu den zwei Diskotheken ist ein Nachtclub mit Karaoke hinzugekommen, erste Sushi-Läden sind eröffnet worden. Im Te Ra’ai, im Ma’aranui, im Kanahau tanzen und singen dreimal wöchentlich das Ballet Cultural Kari Kari oder die Grupo Maori Tupuna, das Hüftenwackeln mit den auf die Bühne gebetenen Gästen inklusive.

Nur ausgerechnet im Tourist Office sitzen auch zwei Bedächtige, beide von der Insel, die sich einen anderen Tourismus wünschten als den, der vor allem dann über sie kommt, wenn die Kreuzfahrtschiffe vor Hanga Roa ankern. Noch in den 1980er Jahren gingen hier zwei im Jahr vor Anker, inzwischen sind es etwa zehn. Mehr nicht, denn der Hafen ist komplett untauglich für sie und das Ausbooten des aggressiven Seegangs wegen gefährlich geblieben.

Manchmal liegen selbst die Versorgungsschiffe vom Festland, die etwa dreimal im Monat kommen, wochenlang vor der Küste, ohne entladen werden zu können, manchmal fahren sie mit der Ladung zurück; dann geht in den Hotels das Gas aus, werden die Supermärkte leerer.

Osterinseln, Moai, Touristen

Der Tourismus hat die Osterinsel verändert: Hanga Roa ist inzwischen voller Autovermietungen, Internetcafés, Reiseagenturen, Tattoo-Studios, Tauchschulen

Wenn aber die Kreuzfahrtschiffe auftauchen, spülen im Zweischichtenbetrieb vormittags und nachmittags je 500 Menschen auf die Insel. Sie werden in langen Kolonnen von Kleinbussen zu den archäologischen Stätten befördert, die im Dezember 1995 zum Welterbe erklärt worden sind. Und einige wenig autoritätsheischende Hilfswächter haben es dann schwer, die Besuchermassen von Selfie-Orgien hinter den „No pasar“-Schildern abzuhalten.

Maeva Atam und Sebastián Paoa im Tourist Office erhofften sich auch andere als die „Seen it, done it“-Kurzzeitgäste vom Festland, die vor allem eintreffen, seit im chilenischen Fernsehen eine Seifenoper von der Isla de Pascua lief. Festlands­chile­nen allerdings machen das Gros der Besu­cher aus. Und das Gros derer, die sich um die Sensibilität des Geländes und auch vieler der Bewohner „einen Dreck“ kümmerten, wie auch Conny Martin bedauert.

Die Deutsche, mit einem Rapa Nui verheiratet, ist selbst eine erfolgreiche Reiseagentin und insofern ein wenig gespalten, wenn es um die immer lauter werdende Forderung nach weniger Gästen geht, die dann allerdings länger bleiben sollen. Weder die Müllmassen würden dadurch geringer, noch würde die Angst verfliegen, dass die Trinkwasserreserven zur Neige gehen.

Vor allem aber: Was würde es bedeuten, wenn weniger Menschen das Eintrittsgeld für den Nationalpark bezahlten? Zurzeit liegt es bei 60 US-Dollar für ausländische Besucher, einmalig zu entrichten, und noch kursieren unklare Informationen über den Weg, den dieses Geld nimmt.

Seit etwa 2014 bleibt es angeblich ganz auf der Insel, auch wenn es offensichtlich nicht einmal dafür gesorgt hat, die Präsenz uniformierter Ranger sicherzustellen. Streit herrscht außerdem zwischen einigen Wortführern der Rapa Nui, die den Ticketpreis anheben wollen, und jenen, die eine abschreckende Wirkung befürchten.

Proteste eskalierten in blutiger Gewalt

„Pueblo chico, infierno grande“ – kleines Dorf, großes Inferno: Das hat Pedro Paoa, der Bürgermeister, schon in den 1990er Jahren gesagt, wenn auch mit einem verschmitzten Lächeln. Und vielleicht auch nur, damit man sein Amt nicht für zu niedlich halten sollte.

Auf diese Idee könnte man spätestens jetzt aber nicht mehr kommen. Dafür waren die Zusammenstöße vom Dezember 2010 zu blutig. Und es waren nicht die einzigen: Schon im August ein Jahr zuvor hatten Rapa Nui zwei Tage lang den Flughafen blockiert, und 2015 haben sie über Wochen hin immer wieder die Wege aus Hanga Roa hinaus mit Barrikaden versperrt. Jedesmal Auslöser: die Frage, wer hier wie vom Tourismus profitiert. Und jedesmal im Hintergrund: noch viel mehr. Der Kampf ums Land, dazu eine Mischung aus Xenophobie und Angst vor dem Untergang der eigenen Kultur.

Wer das für verwunderlich hält, für so hilflos wie die von einer kleinen Minderheit sogar geforderte völlige Autonomie der Insel von Chile, muss noch einmal zum Anfang der ganzen Geschichte. Es ist eine lange Geschichte der Kränkung, und in der üblichen Reiseliteratur würde sie die Laune verderben. Es ist jene Geschichte, die 1722 begann, als die Männer des niederländischen Seefahrers Jakob Roggeveen als erste Europäer die Insel betraten, die Roggeveen nach dem Tag der Entdeckung Osterinsel taufte. Und als ein Besatzungsmitglied von der „Thienhoven“ bei einem Landgang feuern ließ, weil er die Menge der Indigenen um ihn herum für bedrohlich hielt.

Gleich die erste Begegnung mit den Fremden verlief also tödlich für das indigene Volk, dessen Insel fortan auf allen Karten der Welt einen Namen bekommen sollte, gegen den es sich bis heute nicht wehren kann. Denn für die Rapa Nui heißt die Insel eben wie sie selbst, aber Osterinsel, Isla de Pascua, Easter Island werden bleiben, auch wenn in einer der fünf Schulen in Hanga Roa mittlerweile wieder Rapa Nui unterrichtet wird, nachdem es unter chilenischer Herrschaft eine Zeit lang sogar verboten war.

Nach Roggeveen kamen Cook, die Forsters, kamen La Pérouse, Lisjansky und andere Entdecker; sie staunten, ohne zu verstehen, ließen aber immerhin nicht schießen. Und schließlich landete, 1864, der erste katholische Missionar, um „die Wilden“, „die Kanaken“ zu studieren und mit der Bibel vertraut zu machen. Eugène Eyraud blieb neun Monate. Er fühlte „eine tiefe Traurigkeit“, als sein Schiff am Horizont verschwand, war dann aber tapfer, kroch auf dem Bauch in die niedrigen Eingänge der Hütten, wanderte über ein Terrain, das ihm wie gemacht erschien, „europäische Füße zu brechen“, war irritiert von den Lustschreien, die nachts zu ihm drangen, notierte aber fleißig.

Nur merkwürdigerweise nichts von einer der Urkatastrophen, die erst wenige Jahre zuvor über die Rapa Nui gekommen war: der Entführung von mindestens 1000 Männern, darunter der König, durch peruanische Sklavenhändler. Nur zwei Hand- voll Rapa Nui kehrten später lebend aus den Guano-Minen von Chincha zurück. Und sie hatten die Pocken an Bord. Die Dezimierung: eine Nahtoderfahrung für alle mündlichen Überlieferungen aus den Zeiten davor.

Zugleich begann eine Ära der Enteignung. Moai-Statuen wurden in ferne Museen abgeschleppt. Schon Eyraud selbst hatte die indigene Bevölkerung wohl dazu gezwungen, ihre hölzernen Schrifttafeln zu verbrennen; und damit unter anderem die Zeugnisse ihrer eigenen Schöpfungsgeschichte. In den Museen der Welt sind nur noch 24 dieser „Bücher“ mit der Ron­gorongo-Schrift existent, vermutlich aus Ideogrammen zusammengesetzt, einzigartig in Polynesien – nur auf Rapa Nui befindet sich kein einziges mehr.

Um die Zeit, als die von Europäern errichtete Missionsstation 1878 vorüber­gehend aufgegeben wurde, waren neue Fremde auf der Insel: ein französischer Exoffizier, der mit Gewaltexzessen regierte und Hanga Roa zum Gefängnis für die verbliebenen Rapa Nui machte, und Schafzüchter aus Schottland und Tahiti, die die Situation kaum besserten. Ohne Passierschein durften die Indigenen den nun eingezäunten Ort nicht mehr verlassen, 98 Prozent der Insel waren für sie tabu; 300 wanderten daraufhin auf den Gambier-Archipel aus.

1886 kam der Amerikaner William J. Thomson an Bord der „U. S. Mohican“ nach Hanga Roa, der Erste, der Fotos lieferte, der Erste, der ein systematisches Verzeichnis aller Kultanlagen fertigte und dabei auf 113 kam. Aber kurz zuvor hatte eine Zählung ergeben, dass nur noch 155 Rapa Nui auf der Insel überdauerten: 68 Männer, 43 Frauen, 17 Jungen und 27 Mädchen unter 15 Jahren.

Freiheit blühte auch ihnen nicht: Auch als Chile zwei Jahre später die Insel annektierte, bestimmten Viehzüchter vom Festland, später aus Großbritannien, was die Rapa Nui durften.

Einen Aufstand gegen das Verbot, die Dorfgrenzen zu übertreten, beendete die Marine 1914. Und bis 1967 sollte auf Rapa Nui das Kriegsrecht herrschen, stand die Insel unter militärischer Verwaltung. Bis 1967 hatte die Inselbevölkerung nicht die chilenischen Bürgerrechte, kein Recht auf einen chilenischen Pass; kein Recht, ohne Erlaubnis des Gouverneurs die Insel zu verlassen.

Von 1967 bis 2016: Ein halbes Jahrhundert ist zu kurz, um all das zu vergessen. Auch wenn sie in der sonntags voll besetzten Kirche ihre Lieder wieder auf Rapa Nui singen dürfen und der katholische Priester mit einer Federkrone vor ihnen steht. Auch wenn die Marine keine öffentlichen Leibesvisitationen mehr vornimmt, um die Rapa Nui zur Reinlichkeit zu erziehen.

So hat sich eine Tarnschicht aus Normalität und aus Koexistenz der Lebens­stile über die alten und neuen Konflikte in Hanga Roa gelegt. Manchmal reitet noch einer durch die Nacht, während vor den Discos die Vespas parken. Manchmal hat eine Frau noch eine Blüte im Haar. Aber auf den Smartphones tauchen jetzt ganz offensichtlich die interessanteren Nachrichten auf als am Himmel oder am Horizont.

Die Steinmenschen halten sich fern von Hanga Roa

Rapa Nui anno 2016: Ein Öko-Café hat eröffnet, und in den Restaurants ist das Rauchverbot eingeführt worden, selbst auf der Außenterrasse. Pocken, Lepra und Syphilis sind von Diabetes, Herz-Kreislauf-Krankheiten und Übergewicht abgelöst, dazu hat auch die Kriminalstatistik modernere Formen angenommen: In den Zellen der 40-köpfigen Polizei hinterm Flughafen hocken nun kleine Marihuana- Anbauer.

Und nicht mehr nur Schokoriegel aus einem Minimarkt werden jetzt gestohlen, sondern manchmal auch Schmuck und Geld aus den traditionell unverschlossenen Häusern. Ein Mordopfer haben sie dagegen seit den 1980er Jahren nicht mehr auf dem Friedhof begraben müssen. Die Gewalt aus den Slums des Festlands könnte nicht ferner sein.

Dennoch: Man muss Hanga Roa schon verlassen, um etwas von der viel besungenen Magie dieser Insel zu spüren. Man muss raus aus Hanga Roa, will man auch die älteste Erzählung dieser Insel verstehen. Hinaus in das Grasland. Zu den nackten Flanken der Vulkane. An die Küste der schwarzen Lavasteine, über die sich weiß und türkisfarben die gewaltige Gischt ergießt. Denn dort, hinter der Biegung des Weges, wo das Radioprogramm der Streitkräfte nicht mehr zu empfangen ist, dort also, wo die wilden Guayabas wachsen, wo das Schreien der Vögel in der Brandung ertrinkt, kein Schiff den Horizont durchschneidet, kein Kondensstreifen den Himmel, kein Zaun den Weg der wilden Pferde, kein Licht die Dämmerung: Dort kann man noch verzaubert werden.

Dort liegt das Land der Höhlen und erloschenen Krater, dort siedeln sie, die Moai, graue Gesichter, stoisch, ohne Lächeln auf den Lippen, mal allein, mal in Gruppen. Mal, am Schilfsee des Rano Raraku, wie erstarrte Zuschauer halb versunken in einem Freilufttheater hockend, mit großen Ohren das Gras wachsen hörend. Mal, die Leiber eingegraben, überwuchert, wie die Horchposten einer untergegangenen Macht.

Ja, es war anfangs der 1990er Jahre noch überwältigender, zu den Moai aufzuschauen. Bis 1996 die erste Asphaltstraße an den Strand von Anakena gebaut wurde, waren die gut 20 Kilometer von Hanga Roa wie eine halbe Tagesreise an den einzigen nennenswerten Sandstrand der Insel, und man konnte dort allein sein unter den Palmen und vor dem Plateau, auf dem einige der düsteren Kolosse stehen. Jetzt warnt ein Schild der Nationalparkverwaltung die Besucher vor herabfallenden Kokosnüssen; und drei Restau- rants und ein Souvenirbasar nehmen der Bucht von Anakena die Aura eines weltweit unvergleichlichen Ortes. Hier sind sie vermutlich angekommen, vermutlich um das Jahr 1200 nach Christus: die ersten Siedler aus Polynesien, die ersten Menschen auf Rapa Nui.

Seit 2011 hat auch das Zeremonialdorf auf der Klippe des Vulkans Rano Kau ein Besucherzentrum. Und genauso ist der Steinbruch der Moai, die Flanke des Rano Raraku, nun von Parkplatz, Sperren und Ticketschalter umgeben.

Wer mag schon Touristen?
Phänomen Overtourism
Wer mag schon Touristen?
Antwort: Nicht mal wir Touristen selbst. Und die Einheimischen an den schönsten Orten der Welt sind genervt vom immer massiveren Urlauberansturm. Wie aber können wir noch reisen, ohne diese Orte zu (zer)stören? Wir müssen reden...

Aber abseits der Hotspots, fast entlang der gesamten Südostküste, auch am Poike-Vulkan, auch an der pistenlosen Nordküste ist immer noch Raum, sich in eine Geschichte voller Rätsel, Legenden, Sensationen hineinzudenken. Wie hat es ein kleines Volk, das in Kanus kam, geschafft, vor dem 17. Jahrhundert ausgerechnet hier die schönste Blüte der polynesischen Kultur zu pflanzen? Wie konnten es sich Menschen auf dieser kargen Insel leisten, eine Steinmetz-Elite zu ernähren, die Monumentalstatuen mit einer Größe von mehr als 21 Metern und über 70 Tonnen Gewicht erschuf? Wie konnten diese Kunstwerke kilometerweit über schwieriges Gelände auf die Ahus geschafft werden, die Plattformen am Meer? Und war­um fanden die ersten Europäer, als sie kamen, diese Hochkultur zerstört?

Eine Zeit lang hat der US-amerikanische Evolutionsbiologe Jared Diamond die vermeintlich plausibelste Antwort auf die letzte Frage gehabt. Sie hieß „Ökozid“ und wurde zugleich zu einer viel zitierten Warnung an die Heutigen. Diamond behauptete, eine Kombination aus Überbevölkerung und Übernutzung der natürlichen Reserven habe in den Krieg geführt; gewissermaßen eine „Fortschrittsfalle“, in die die Menschen geraten seien, weil ihnen technische Hilfsmittel die Zerstörung der Umwelt ermöglicht hätten.

Nach wissenschaftlichem Kenntnisstand ist es tatsächlich richtig, dass es einst mindestens zehn Millionen Exemplare einer Verwandten der Honigpalme auf der Insel gegeben hat, auch einige endemische Baumarten, die wie diverse Land- und Seevogelarten allesamt verschwunden sind.

Doch da Wissenschaftler diesen seltsamen Außenposten unserer Welt wohl ähnlich attraktiv finden wie Touristen, hat er immer neue Forscher angelockt. Mit jeweils neuen Theorien. Nie, wie Diamond mutmaßte, hätten 15000, gar 20000 Menschen auf der Insel gelebt, eher wohl immer nur etwa 3000. Und nicht der Mensch allein sei es gewesen, der das Land entwaldet habe. Mitschuld trage die Pazifische Ratte, eine Spezies, die ihre Kopfzahl alle sieben Wochen verdoppeln kann.

Davon jedenfalls gehen die Anthropologen Carl Lipo und Terry Hunt aus, die in einer Veröffentlichung von 2011 die Evidenz für ihre These auch anhand von Ausgrabungen belegten. Es seien bis zu drei Millionen Ratten gewesen, die mitverantwortlich dafür waren, dass der Wald starb, sagen sie. Es sei dieser Nager gewesen, der es damit vermutlich auch geschafft habe, dass die Rapa Nui eines Tages weder Kanus für die Hochseefischerei bauen konnten – noch für eine Flucht.

Und hat es deshalb irgendwann Krieg gegeben? Das halten Lipo und Kollegen für undenkbar, seit sie die reichlich auf der Insel zu findenden Obsidianklingen, Naturglasartefakte, einer genaueren Analyse unterzogen haben. Als Waffe, sagen sie, seien sie viel zu stumpf, zu dick gewesen, um in das Fleisch menschlicher Feinde einzudringen. Der bitterste Feind der Rapa Nui seien die von den Europäern eingeschleppten Krankheiten gewesen, nichts anderes.

So hat alle menschliche Geschichte auf Rapa Nui ihr Nadelöhr, jenes Jahr, in dem es gerade noch etwas mehr als hundert Indigene auf ihr gab. Und hat auch nahezu sämtliche endemische Flora und Fauna ihr Ende gefunden. Und die Moai wurden gestürzt.

Wenige Jahre Arbeit, dann standen die 15 Moai wieder

Bis zum September 1992 standen nur etwa 20 dieser Gestalten wieder auf ihren Podesten, von Thor Heyerdahl und anderen ab den 1960er Jahren aufgerichtet. Von den rund 400 nie vollendeten Exemplaren im Steinbruch am Rano Raraku abgesehen, lag der große Rest, von Salzwind zerfressen und aufgeweicht, mit Halswirbelfrakturen, mit gespaltenen Schädeln, mit zerfallenen Rümpfen und manchmal kaum noch zu erkennen, irgendwo in der Landschaft herum. Auch Tongariki, die größte Kultanlage der Insel, über 180 Meter breit, war eine Rumpelkammer aus dem geschichtlichen Jenseits, restlos durcheinandergewirbelt von einer Seebebenwelle 1960.

Dann brachte die Marine einen TR-500-EX-Kran, Spende eines japanischen Unternehmers, und ein 40-köpfiges Archäologenteam machte sich daran, in zwei­jähriger Sisyphosarbeit die Figuren mithilfe von Computern und Theodoliten an den alten Platz zu versetzen. Die Operation war weit über eine Million US-Dollar teuer und extrem kompliziert.

Und während ich sie einige Wochen beobachten konnte, wurde mir klar, wie aufwendig es ist und bleiben wird, das Weltkulturerbe auf Rapa Nui für alle Zeiten zu retten. Nicht nur in den Köpfen. Sondern physisch.

Es regnet zu viel auf Rapa Nui. Wegen ihrer hohen Porosität schlucken die Moai bis zu 340 Milliliter Wasser pro Liter Stein. Beim Abfließen nimmt das Was­ser die Bindemittel aus Quarz, Feldspat, Glimmer mit. Der nächste Sonnenbrand erhöht dann die Gefahr, dass sich Risse in den Statuen bilden. Eine Konsistenz, die an Puffreis erinnert, ist an einigen der gekippten Exemplare zu ahnen. Also wickelten die Archäologen die so ewig wirkenden Kolosse wie Mumien ein, um ihnen durch kleine Öffnungen eine Kieselsäurelösung einzuflößen, eine Art chemische Härtung, ohne die sie zerbrochen wären, als der Kran sie schließlich wieder aufs Podest hievte.

Auf dem Ahu Tongariki thronen seither 15 schmallippige Riesen, misstrauisch anmutend, schweigende Geheimnisträger – und doch nur durch die Wissenschaft von heute für etwa weitere 30 Jahre wetterfest gemacht. Das allerdings kann man vergessen, wenn man in der Dämmerung allein mit ihnen ist. Hinter ihnen die schiere Unendlichkeit, über ihnen schaltet der Himmel die Sterne ein. Vielleicht kommen ein paar wilde Pferde vorbei, Menschen nicht mehr. In solchen Momenten kann man sich vorstellen, warum sich ausgerechnet um diese Insel so viele Märchen ranken. In solchen Momenten ist diese Insel doch nicht von dieser Welt.

Die Kinder lernen wieder Ukulele. Und dazu Cello

Aber hat sie nur die Chance zwischen ­Mythos und Verschwinden all ihrer Eigenart? In Hanga Roa treffe ich Marisol Medina und Mario Tuki. Sie sind beide auf Rapa Nui geboren. Sie gehören zu den Gründern einer privaten Schule, in der die Kinder Geigen- und Cellounterricht erhalten. Und Ukulele spielen. Bald sollen die Kinder auch wieder lernen, die Sterne zu lesen und die alten Lieder zu singen. Marisols Eltern sind mit ihr vor Pinochets Todesschwadronen geflohen. Nach Kanada. Sie ist zurückgekehrt, weil sie auf Rapa Nui etwas bewegen will. Wie Mario Tuki, der Musiker. Beide sind sie Feinde der Trägheit. Und des Lamentos. Beide strahlen sie. Sie erleben es mit, wenn die Alten heulen, während die Kinder die Hymne der Rapa Nui auf der Geige spielen.

Sie sind überzeugt davon, dass diese Insel nicht alles aufgeben darf, was zu ihrer Geschichte gehört. Aber auch davon, dass man sie schon bald nicht mehr verlassen muss, wenn man etwas Neues erreichen will. Sie glauben, dass es auf Rapa Nui alle Begabungen gibt, die sonst nur der Welt jenseits des Meeres zugetraut werden.

Marisol Medina lädt mich zu einem Klavierkonzert ein, das die Pianistin Valeria Prado Zárate gibt. Auch sie ist von der Insel, hat eine Blume im Haar. Sie spielt ohne Noten: die „Gnossiennes“ von Erik Satie, dann Chopin und Rachmaninow. Und es klingt überhaupt nicht wie eine Kapitulation der Rapa Nui, wie ein Ende der Geschichte. Es klingt selbstbewusst.

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