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Bolivien Köstlichkeiten von den „Schokoladeninseln“

Aus einer weitläufigen bolivianischen Savanne erheben sich „Waldinseln“, auf denen wilder Kakao gedeiht. Er wird als exklusive Gourmetschokolade vermarktet - und trägt so dazu bei, diese Regenwälder zu erhalten und das Einkommen indigener Familien zu verbessern

Hintergrund

„Chocolatales“, Schokoladeninseln: So nennen die Menschen im bolivianischen Dorf Baures (Provinz Beni) jene Waldinseln, auf denen sie traditionell wilden Kakao ernten. Früher haben sie daraus nur lokal ein Schokoladengetränk hergestellt - seit einigen Jahren verkaufen sie die einzigartigen Bohnen auch. Die Schweizer Schokoladenmanufaktur Felchlin, mit der wir in Ecuador erfolgreich bei einem Kakaoprojekt zusammengearbeitet haben, stellt aus dem Wildkakao hochwertige Kuvertüren her, sie werden international vertrieben. Der Regenwaldverein unterstützt die Vermarktung, denn weil die wilden Kakaobäume für die Familien eine wichtige Einkommensquelle sind, schützen diese auch die Waldinseln, etwa vor Holzfällern und Viehzüchtern.

Umgeben von Papyrus erheben sich Waldinseln aus der Feuchtsavanne
Umgeben von Papyrus erheben sich Waldinseln aus der Feuchtsavanne
© Ines Possemeyer

Der bolivianische „Cacao Silvestre Beniano“ (Wildkakao Beni) ist eine Urform von Kakao - und nicht zu verwechseln mit dem kommerziell angebauten „Alto Beni Cacao“, der aus dem Hochland stammt. Die wilden Früchte sind nur halb so groß wie die von Zuchtsorten, ihr intensives Aroma erinnert an Zitrus, Vanille und Honig. Der Name verweist auf ihren Fundort, die an Brasilien grenzende Provinz Beni.

Diese Region gehört zum Amazonasgebiet, wo vermutlich aller Kakao seinen Ursprung hat. Von dort verbreiteten sich seine Samen einst bis nach Mittel- und Nordamerika. Im Gebiet des heutigen Mexiko wurden Kakaopflanzen von mesoamerikanischen Kulturen wie den Maya erstmals kultiviert. Der spanische Eroberer Hernan Cortez brachte den Kakao schließlich um 1530 nach Europa.

Heute werden die tropischen Früchte weltweit zwischen den Wendekreisen von Krebs und Steinbock angebaut – allerdings nur weniger als ein Dutzend domestizierte Sorten. Im Amazonasgebiet jedoch sind mehr als 100 wilde Kakao-Varietäten bekannt. Kommerziell geerntet wird unseres Wissens nach nur der Wildkakao Beni, und das auch erst seit 20 Jahren und in natürlich begrenzten, sehr kleinen Mengen.

Die Region

Die Wildkakao-Region rund um das Dorf Baures liegt in der Überschwemmungssavanne "Llanos de Moxo". Die einzige Straßenverbindung führt über 400km Piste nach Trinidad
Die Wildkakao-Region rund um das Dorf Baures liegt in der Überschwemmungssavanne "Llanos de Moxo". Die einzige Straßenverbindung führt über 400km Piste nach Trinidad
© GEO-Grafik

Das Dorf Baures ist Verwaltungszentrum eines gleichnamigen Bezirkes: mit 21.000 Quadratkilometern Fläche der drittgrößte des Landes – und mit 0,3 Einwohnern pro Quadratkilometer extrem dünn besiedelt. Baures liegt in der Überschwemmungssavanne "Llanos de Moxo“, dem drittgrößten Savannengebiet Südamerikas: Von Dezember bis Mai werden die grasbewachsenen Ebenen von Zubringerflüssen des Amazonas überschwemmt. Mehr als die Hälfte des Gebietes steht bis zu zehn Monate im Jahr unter Wasser. Daraus erheben sich tausende leicht erhöhte Waldflächen, die „Waldinseln“.

Sie sind ökologische Edelsteine. Zu den 509 Vogelarten, die in der Beni-Savanne vorkommen, zählt der seltene Blaulatzara, eine Papageienart, die nirgendwo wo sonst auf der Welt vorkommt. Außerdem gibt es 325 Fischarten, 146 Säugetierarten und eine große Vielfalt an Reptilien und Amphibien. In den Flüssen leben Schwarze Kaimane und Amazonas-Flussdelfine, durch die Savannen streifen Mähnenwölfe, Pumas und Jaguare.

Auf mindestens 100 der Waldinseln im Umkreis der kleinen Ortschaft Baures wachsen wilde Kakaobäume. Ihre Früchte werden von rund 800 indigenen Familien geerntet. In den vergangenen Jahren ist der Wildkakao zu ihrer wichtigsten Einkommensquelle geworden: Während der dreimonatigen Erntezeit verdienen sie 80 Prozent ihres Jahreseinkommens. Ansonsten leben sie von Fischfang, Jagd und kleinbäuerlicher Landwirtschaft.

Die Baure zählen zu den Arawak-Völkern und gelangten vor rund 3.000 Jahren über Amazonasflüsse in die Ebenen Nordboliviens. Sie konstruierten Dämme und schufen sich so in den Sümpfen Siedlungsplätze und ein Netzwerk aus tausenden Kilometern von Kanälen, „Camellones“ genannt; manche von ihnen sind noch heute im Regenwald zu erkennen.

Das bolivianische Recht schützt die indigene Kultur durch "Tierras Comunitarias de Origen" (Gemeinschaftliche Herkunftsgebiete). Dazu zählt auch gemeinschaftlicher Landbesitz und das Recht auf Selbstverwaltung der natürlichen Ressourcen. Jedes Mitglied der Baure-Gemeinschaft darf demnach Kakao ernten, wo er oder sie möchte. Doch der Druck auf die Waldinseln wächst: Die Region hat eine bedeutende Viehwirtschaft, immer mehr Zuwanderer aus dem Hochland siedeln sich an, sie drängen die Baure zu einer intensiveren Bewirtschaftung.

Auf abgelegenen Flächen wächst der Wildkakao im Schatten von Urwaldriesen, die Ernte wird in Säcken abtransportiert
Auf abgelegenen Flächen wächst der Wildkakao im Schatten von Urwaldriesen, die Ernte wird in Säcken abtransportiert
© Max Felchlin AG

Unser Vorhaben

Zusammen mit der Firma Felchlin unterstützen wir die lokale Bevölkerung dabei, ihre einzigartigen natürlichen Ressourcen zu schützen und zugleich als wichtige Einkommensquelle nachhaltig zu nutzen.

Die Firma Felchlin baut den Ankauf und die Verarbeitung von Wildkakao weiter aus. Die hochwertige „Grand Cru Bolivia“ Schokolade wird ab Frühjahr 2022 auch von Original Food vertrieben. Dieser langjährige Partner von „GEO schützt den Regenwald“ hat bereits Wildkaffee, Schokolade und Tee aus unseren Projekten in Äthiopien, Ecuador und Nepal im Sortiment. Der Regenwaldverein wiederum entwickelt, nach einem ersten Ortsbesuch im Dezember 2021, derzeit ein Projekt, um den Waldschutz in der Region zu stärken.

Ernte mit langem Stab
Ernte mit langem Stab
© Max Felchlin AG
Reife Früchte sind gelb, die Haupternte ist im Februar und März
Reife Früchte sind gelb, die Haupternte ist im Februar und März
© Max Felchlin AG
Noch vor Ort werden die Früchte aufgeschlagen, Fruchtfleisch umhüllt die Kakaobohnen
Noch vor Ort werden die Früchte aufgeschlagen, Fruchtfleisch umhüllt die Kakaobohnen
© Max Felchlin AG
Die Kakaopflücker transportieren ihre Ernte teils mit Einbäumen
Die Kakaopflücker transportieren ihre Ernte teils mit Einbäumen
© Max Felchlin AG
Auf langen Tischbänken werden die noch feuchten Kakaobohnen zum Trocknen verteilt
Auf langen Tischbänken werden die noch feuchten Kakaobohnen zum Trocknen verteilt
© Max Felchlin AG