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Die Grundlagen des Wissens

Neurowissenschaft Leseprobe: Die Macht der Neugier

Nicht wenige Menschen werden mit den Jahren zunehmend engstirnig, eingefahren, stur. Dabei steht fest: Wer das Altern hinauszögern und seine mentalen Kräfte wahren möchte, sollte möglichst lange aufgeschlossen für Neues bleiben, geistig flexibel. Wie lässt sich diese Tugend kultivieren?

Leseprobe: Die Macht der Neugier

Menschen, die auch in älteren Jahren noch Interesse für ein herausforderndes Hobby wie etwa die Fliegerei aufbringen, erhalten sich ganz von allein einen jungen Geist

Der US-Neurowissenschaftler Kirk Daffner machte in den 1990er Jahren mit einer Gruppe von Rentnern in Boston einen ungewöhnlichen Test. Er zeigte den älteren Menschen nacheinander mehrere Paare von Zeichnungen, die jeweils unterschiedliche Motive darstellten. Zum Beispiel säuberlich geordnete Linien und solche, die wüst durcheinanderliefen. Oder auch Zweier-Kombinationen, die skurril anmuteten. So war zum Beispiel auf der einen Seite ein Elefant zu sehen, die andere Skizze ähnelte einem hundeartigen Wesen, das ebenfalls einen Rüssel trug. Der Wissenschaftler stellte fest, dass viele Senioren vor allem den Rüsselhund fasziniert anstarrten. Doch es gab auch Ältere, die dem Fabeltier nicht mehr Aufmerksamkeit schenkten als dem Elefanten. Der wunderliche Hund schien sie nicht zu interessieren. Sie waren offenbar nicht neugierig darauf, zu erfahren, um was für ein Geschöpf es sich handelte, weshalb es eine derart lange Nase besaß. Diese Senioren hatten eine Gemeinsamkeit: Sie litten an der Alzheimer-Demenz.

Offenheit und Wissensdurst beeinflussen das Gehirn im Alter

Es mag wenig überraschen, dass ein krankes Gehirn nicht mehr besonders viel Neugier aufbringt, dass ein dementer Mensch zunehmend sein Interesse an der Welt verliert. Aber könnte der Zusammenhang auch umgekehrt gelten? Könnte es also sein, dass nicht einfach die Erkrankung die Patienten hat gleichgültig werden lassen, sondern dass sie vielmehr auch deshalb dement wurden, weil ihnen irgendwann in ihrem Leben – viele Jahre vor dem Ausbruch des Hirnleidens – die Neugier abhanden kam? Seit Kirk Daffners Experiment haben Mediziner mehrere Entdeckungen gemacht, die vermuten lassen, dass Wissensdurst und Offenheit – der Wille also, Neues zu lernen und mentale Herausforderungen zu meistern – tatsächlich maßgeblich beeinflussen, wie gut oder schlecht das Gehirn eines Menschen bis ins hohe Alter arbeitet.

Das Erlernen neuer Hobbys schafft auch im hohen Alter neue Verbindungen zwischen den Nervenzellen

So haben Forscher beispielsweise beobachtet, dass Menschen, die aufgeschlossen durchs Leben gehen, viele unterschiedliche Interessen haben und sich für neue Dinge begeistern können, geistig fitter bleiben. Einigen Studien zufolge scheinen sie – verglichen mit mental wenig aktiven Altersgenossen – nur rund halb so oft an der Alzheimer-Demenz zu erkranken. Mithilfe von Gehirnscannern haben Forscher zudem nachgewiesen, dass das Erlernen neuer Hobbys positive Effekte auf die Masse in unserem Kopf hat. Denn jedes Mal, wenn sich unser Denkorgan angeregt mit einer ungewohnten Aufgabe beschäftigt, sprießen – selbst noch in einem Alter von 60, 70 oder 80 Jahren – frische Verbindungen zwischen den Nervenzellen: also jene winzigen Kontaktstellen (Synapsen), über die Neurone miteinander kommunizieren. Darüber hinaus werden schon vorhandene Synapsen zwischen Neuronen gestärkt. Viele Mediziner vermuten daher: Neugier ist möglicherweise ein bedeutender Schlüssel dafür, dass Menschen bis ins hohe Alter geistig wach bleiben. Das fortwährende Verlangen danach, sich Wissen zu erschließen, kann den normalen altersbedingten Verfall womöglich verzögern, ja bei manchen Menschen vielleicht gar umkehren. Natürlich gibt es auch unter den Wissbegierigen viele, die mental abbauen; natürlich ist Neugier kein sicherer Garant dafür, dass man von Demenz verschont bleibt. Doch selbst wenn ein geistig aktiver Mensch an Alzheimer-Demenz erkrankt, können offenbar die Reserven, die er im Laufe der Jahrzehnte in seinem Gehirn aufgebaut hat, den pathologischen Abbau der Nervenzellen zunächst abfedern. Daher macht sich die Krankheit zum Teil erst viele Jahre später bemerkbar als bei geistig trägen Leuten.

Wer genussvoll altern möchte, sollte Neugier kultivieren

Obendrein zeigen Untersuchungen, dass neugierige Menschen insgesamt länger leben als jene, die weniger Interesse an der Welt haben. Und: Sie sind zufriedener. Wer neugierig ist, so haben Forscher herausgefunden, der sieht das Leben eher als spannendes Abenteuer denn als stressvolle Belastung, der fühlt sich eher herausgefordert als überfordert. Zudem baut er leichter innige Freundschaften auf, weil er meist echte Anteilnahme für andere Menschen besitzt. Die Schlussfolgerung aus all diesen Erkenntnissen liegt auf der Hand: Wer genussvoll altern möchte, wer geistig fit bleiben will, tut gut daran, aufgeschlossen und wissbegierig zu sein. Er sollte seine Neugier gleichsam kultivieren. Allerdings scheint das leichter gesagt als getan. Betagten Menschen wird oft nachgesagt, dass sie – gewissermaßen als unvermeidliche Folge des Alters – immer engstirniger werden, eingefahren, stur, allem Neuen abgeneigt. Und bei manchen Älterwerdenden scheint sich mit den Falten automatisch eine Müdigkeit mit der Welt einzustellen, ein mentales Abwinken, eine resignierte „Kenne ich schon alles“-Haltung. Aber muss es zwangsläufig dazu kommen, dass bei so vielen Menschen die geistige Flexibilität schwindet? Mit welchen Tricks kann man die Neugier behalten? Und: Lässt sich verloren gegangenes Interesse wiederbeleben?

Leseprobe: Die Macht der Neugier

Den Verstand beflügeln: Wer einmal beginnt, sich für etwas zu interessieren, wird oft automatisch wissbegieriger

Etwas Neues zu lernen verschafft uns regelrecht ein Hochgefühl

Angesichts all ihrer Vorzüge scheint es beinahe paradox, dass Neugier eigentlich einen eher schlechten Ruf genießt. Ihr zu sehr nachzugeben, wird traditionell als Laster angesehen. So gilt es als überaus unhöflich, neugierig andere Menschen zu beobachten, ihren Gesprächen zu lauschen. Es ist verpönt, die Wohnung eines Bekannten zu inspizieren, fremde Schubladen zu öffnen. Selbst reiner Wissensdrang war lange negativ behaftet. Bekanntermaßen vertrieb der Bibel nach die Neugier den Menschen aus dem Paradies – weil Adam nicht widerstehen konnte, den Apfel vom Baum der Erkenntnis zu kosten. „Mehr wissen zu wollen, als genug ist, gehört zur Maßlosigkeit“, schrieb der römische Philosoph Seneca im ersten Jahrhundert n. Chr. „Neugier ist nichts als Eitelkeit“, notierte um 1650 der französische Philosoph Blaise Pascal. Und noch immer verwenden wir Sprichwörter, die vor Wissensdrang warnen. „Neugier ist der Katze Tod“, heißt es etwa. Tatsächlich birgt Neugier Risiken; dies mag einer der Gründe dafür sein, dass ihr Misstrauen entgegengebracht wird. Wer Neues erforscht, kann reich belohnt werden, aber er ist auch in Gefahr, Schaden zu nehmen. Aß etwa ein urzeitlicher Mensch einen ihm unbekannten Pilz, erschloss er sich möglicherweise eine Nahrungsquelle, die ihm helfen konnte zu überleben. Oder aber er erkrankte, starb vielleicht gar an den Folgen einer Vergiftung.

Wollen wir etwas wissen, wird tief in unserem Gehirn das „Belohnungszentrum“ aktiviert

Nach wie vor beschwört Neugier nicht selten Unheil herauf. Es ist ja schließlich der Drang, etwas Unbekanntes erfahren zu wollen, der viele Menschen dazu verleitet, Drogen zu nehmen – sie möchten wissen, wie es sich anfühlt, high zu sein. Und niemand kann sicher sein, wo der Wissensdrang hinführt. Der Physiker Albert Einstein etwa fragte sich, wie Materie und Energie im Universum miteinander zusammenhängen – doch auf Grundlage der von ihm entdeckten Gesetzmäßigkeit, die er mit der Formel

E = mc² beschrieb, wurde die wohl verheerendste Waffe der Menschheitsgeschichte entwickelt: die Wasserstoffbombe. Genau an dieser Ungewissheit darüber, auf welchen Pfad uns die Neugier führt, liegt es, dass tief in unserem Wesen zwei widerstreitende Kräfte beständig miteinander ringen:

• einerseits die Forscherlust, die uns antreibt, Fremdes zu entdecken, Unbekanntes zu wagen;

• andererseits die Angst vor dem, was wir entdecken könnten, das Unbehagen, das uns zurückschrecken lässt, das uns an dem festhalten lässt, was uns vertraut ist, was sicher erscheint.

Die Balance zwischen diesen beiden Faktoren verschiebt sich oftmals im Laufe des Lebens. Kleine Kinder sind noch – ohne jede Hemmung – neugierig. Ein Säugling fühlt sich von jedem neuen Geräusch angezogen, jeder bunte Gegenstand muss untersucht, jeder Schrank geöffnet werden. Sobald Kinder zu sprechen beginnen, stillen sie ihre Neugier auch verbal. Eine Forscherin hat gezählt, dass Zweijährige ihren Eltern im Durchschnitt 107 Fragen pro Stunde stellen. So ist Neugier der Motor dafür, dass wir nach und nach die Welt um uns herum verstehen, uns Zusammenhänge erschließen – und überleben können. Dieses permanente Forschen und Wissenwollen bildet schließlich die Basis allen Lernens. Seiner Neugier nachzukommen ist zudem ein lustvoller Vorgang. Nicht nur in Kindertagen, sondern ein Leben lang. So haben Neurologen festgestellt: Wollen wir etwas wissen, werden – noch bevor wir es herausgefunden haben – tief in unserem Gehirn Areale aktiv, die auch dann anspringen, wenn wir etwa Aussicht auf einen Riegel Schokolade haben oder einen Geldgewinn erwarten. Wissenschaftler bezeichnen die Gesamtheit dieser Regionen als „Belohnungszentrum“. Die dortigen Nervengeflechte produzieren den Botenstoff Dopamin, der unser Verlangen schürt.

Lesen Sie den ganzen Artikel im neuen

GEOkompakt Nr. 44 "Jung im Kopf".

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