Ein wenig außerweltlich wirkt im NASA-Center in Houston, wie Alexander Gerst auf einen der heikelsten Momente im All vorbereitet wird: den Einsatz außerhalb der ISS. Die Crew um den Trainer Roger Graham (ganz links) wird ihn dafür mit seinem 113 Kilogramm schweren Raumanzug auf einer Plattform in ein gigantisches Wasserbecken ablassen. 

Dort stehen ihm mühsame Manöver bevor: Durch das vier Millimeter dünne Plexiglasvisier seines Helms, das Gerst später im All vor dem kosmischen Vakuum schützen wird, kann er die Werkzeuge vor seiner Brust kaum erkennen. Und der Anzug ist dermaßen sperrig, dass sich in den Handschuhen jeder einzelne Griff anfühlt, als drücke man einen Tennisball.

Bei der »Horizons«-Mission hat Gerst nicht nur auf der Station, sondern auch auf dem Hin- und Rückflug mit dem »Sojus«- Raumschiff neue Aufgaben zu erfüllen: Gemeinsam mit einem russischen Kollegen wird er die Kapsel steuern.

In einem Simulator im »Sternenstädtchen« bei Moskau trainiert er, an die ISS anzudocken – bei 28.000 Stundenkilometern im Orbit. Der Funkverkehr erfolgt auf Russisch: Seit das Space Shuttle 2011 in Rente ging, sind »Sojus«-Flüge der einzige Weg zur Raumstation. Die Kapsel ist zwar eng – aber auch sehr verlässlich.

In der legendären Halle 9des NASA-Zentrums in Houston stehen Kopien zukünftigerund auch mancher ehemaliger Raumschiffe, so auch dieses Space Shuttle. Seit Jahrzehnten werden hier Astronauten geschult; mehr als 200 Übungen bieten die Ausbilder an.

An Monitorwänden überwachen und analysieren sie jede einzelne Bewegung während der komplexen Notfallmanöver, die Alexander Gerst mit seinem Team trainieren muss. Schon ein einziger Fehler an Bord kann die Mission zum Scheitern verurteilen.

Feuer auf der Raumstation! Nur zu Übungszwecken natürlich. Im NASA-Center lässt sich in den exakt nachgebauten Modulen der ISS jede erdenkliche Komplikation simulieren: Computerausfälle etwa oder eine Vergiftung der Atemluft. Auch Rauch könnendie Ausbilder in die Trainingsstation blasen und so die Orientierung erschweren. Unter Zeitdruck die Übersicht zu behalten, um die Gerst und seine beiden Kollegen hier ringen, und Dutzende von Informationen gleichzeitig zu verarbeiten – das ist die Kunst der Raumfahrer: Sie müssen Tausendsassas im Erdorbit sein.

Im riesigen Wasserbecken der NASA schwebend, probt Gerst einen Außenbordeinsatz: Der Anzug, den er dabei trägt, ist wie ein eigenes kleines Raumschiff, ein Wunderwerk, dessen Außenhaut allein aus 14 Lagen besteht. Das gesamte Ensemble setzt sich aus 18 Elementen zusammen, vom Helm über die Batterie bis zur Sauerstoffversorgung. Das »Biest« anzuziehen dauert nur 15 Minuten. 

Weil der Luftdruck in dem »Biest« reduziert ist, müssen die Astronauten vor jedem Einsatz im All eine Zeit lang reinen Sauerstoff atmen, um sich vor einer Art Taucherkrankheit zu wappnen. Die Strapazen überstehen sie bei Langzeitaufenthalten nur dank beharrlichen Trainings, etwa mit einem Laufband, an dem ein Gurtgeschirr die Schwerkraft simuliert.

Zukünftige Flüge zum Mars werden Monate, vielleicht Jahre dauern – wie können Maschinen den Raumfahrern helfen, über so lange Zeiträume unabhängig im All unterwegs zu sein? Um das zu erkunden, nimmt Gerst Dutzende von Experimenten auf seine Reise zur ISS mit. Darunter ist CIMON, ein in der Schwerelosigkeit schwebendes Computerhirn, das dem Astronauten assistieren soll – bei technischen Fragen, aber vielleicht auch zur Unterhaltung.

Die Kugel, die Ingenieure von Airbus in Bremen gemeinsam mit vielen anderen Experten um Projektleiter Till Eisenberg (l.) entwickelt haben, bedient sich künstlicher Intelligenz und soll in der Lage sein, selbstständig Rede und Antwort zu stehen. Auf der »Horizons«-Mission wird diese Technologie erstmals im Weltraum getestet.

Alltag im russischen »Sternenstädtchen«, 20 Kilometer von Moskau entfernt: Den Weg von den Unterkünften der ESA-Astronauten im »Profilaktorium«, einem ehemaligen medizinischen Institut, legt Gerst auch im Winter meist mit dem Fahrrad zurück. An vielen Stellen auf dem weitläufigen Gelände begegnet ihm Juri Gagarin, der erste Mensch im All – und sei er auch nur in Bronze gegossen. Genau wie dem sowjetischen Pionier damals wird bis heute jedem einzelnen Astronauten der Raumanzug für den Flug auf den Leib geschneidert. Seit den 1970er Jahren ist in der »Sojus« dafür das Modell »Sokol« im Einsatz, an das die Raumfahrer tragbare Kühl- und Belüftungsgeräte anschließen. Im Training üben sie, den Anzug möglichstschnell anzulegen – auch wenn Atemmasken die Sicht behindern.

In der ESA-Etage des »Profilaktoriums« im Sternenstädtchen leben die europäischen Astronauten wie Leistungssportler imTrainingslager: Gemeinschaftsküche, ein kleines Apartment für jeden – aber wenig Zeit, um sich dort zu entspannen.

Zwölf Stunden am Tag konzentriert Gerst sich darauf, die zahllosen Instrumente und Prozeduren für seine Mission zu erfassen – etwa die Steuerung für den turbulenten Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Die Konsole dafür ist mit Druckknöpfen ausgestattet, die auch dann noch sicher bedienbar sind, wenn Bremskräfte im Extremfall die Raumfahrer mit dem Neunfachen ihres Gewichtsin die Sitze drücken und sie kaum noch atmen lassen.

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