Astro-Alex im GEO-Interview Was Alexander Gerst in der Corona-Krise rät: Ein Gespräch über Lagerkoller und unbequeme Entscheidungen

Auf engstem Raum lange Zeit von der Außenwelt isoliert zu sein – damit hat kaum jemand so viel Erfahrung wie ESA-Astronaut Alexander Gerst. GEO-Expeditionsexperte Lars Abromeit, der mit dem früheren Vulkanologen seit Jahren zusammenarbeitet und die Risiken eines Lagerkollers auch selbst von Touren in Fels, Schnee und Wellen gut kennt, hat mit ihm über Wege gesprochen, um mit der Isolation umzugehen – und in der Notlage eine Chance zu sehen
Alexander Gerst

Alexander Gerst im Aussichtmodul der ISS: Während seiner Zeit als Stations-Kommandant nutzte der ESA-Astronaut freie Minuten, um von hier aus die Erde zu fotografieren

Alex, bei deinen beiden Missionen im All habt ihr mehrere Monate lang zu sechst, zum Teil nur zu dritt, auf der Raumstation ISS gelebt – noch weit strenger an Euer Zuhause gebunden, als es durch die Corona-Krise jetzt plötzlich Abermillionen Menschen weltweit sind. Auch du bist seit Wochen in Köln im Homeoffice. Fühlt sich das für dich ähnlich an wie zuvor im Weltraum?

Ja, es gibt schon Parallelen. Vor allem mit jener Zeit im Oktober 2018, als wir nach einem abgebrochenen Soyuz-Start nur zu dritt auf der ISS waren – und nicht wussten, wie lange wir damit klarkommen müssen, wann wir nach Hause können. Wir wollten die ISS ja auf keinen Fall ganz allein lassen.

Das war nicht einfach, und als Kommandant der Station habe ich dann besonders darauf geachtet, dass wir uns von dieser neuen Situation nicht herunterziehen lassen. Aber zum Glück lernen wir Astronauten, solche Veränderungen zu akzeptieren und wieder nach vorn zu schauen. Es bringt ja nichts, sich zu ärgern oder zu lamentieren. Das kennst du bestimmt auch von den Forschungsexpeditionen, die du begleitest. Die meisten, die sich ins Ungewisse hinauswagen, sind ganz gut darin, sich an die Randbedingungen anzupassen und mit ungetrübtem Blick neu zu fragen: Wie mache ich jetzt das Beste aus meiner Situation?

Absolut, auch im Himalaya oder in der Antarktis hatten wir immer wieder solche Momente: Das Wetter wird schlecht, der Zeitplan verschiebt sich, man sitzt im Zelt und weiß lange nicht, wie es weitergeht. Das zehrt an den Nerven. Aber letztlich hat uns das als Gruppe auch mehr zusammengeschweißt.

Genau. Auf der ISS haben wir in der schwierigen Zeit zu dritt dann noch viel mehr aufeinander geachtet, haben zusammen gegessen und uns immer gegenseitig geholfen, im Zeitplan zu bleiben. Da war die Stimmung dann sogar besser als vorher: Da macht sich keiner nur für sich selbst einen Cappuccino oder nimmt sich alleine ein Stück Schokolade.

Was habt Ihr sonst noch getan, um mit der Isolation gut zurechtzukommen?

Auf der Raumstation leben wir ja am selben Ort, an dem wir auch arbeiten. Ähnlich wie jetzt im Homeoffice ist es daher entscheidend, dass man eine künstliche Grenze schafft und den Tag strukturiert. Als Kommandant der Station habe ich darauf bestanden, dass wir diesen Rhythmus auch wirklich einhalten: Um 7.30 Uhr und 19.30 Uhr hatten wir Konferenzen mit unserer Bodenstation. Was dazwischen lag, war die Arbeitszeit, und davor und danach hatte die Crew Freizeit. Dann sollte man nicht noch ein weiteres Experiment durchführen oder eine neue Apparatur aufbauen, sondern die Zeit zur Erholung nutzen. Zum Beispiel mit der Familie am Boden telefonieren, lesen, oder wir schauen zusammen einen Film. Das ist wichtig, sonst laugt man aus.

Hast auch du als Stations-Kommandant diese Zeit für dich nutzen können?

Ja. Ich hatte zwar immer noch ein paar zusätzliche Organisationsfragen zu erledigen. Aber ich habe zum Beispiel immer auch Zeit gefunden, um aus der Cupola, dem Aussichtmodul der Station, die Erde zu fotografieren. Ich habe in meiner Freizeit eine Reihe von Schülerexperimenten durchgeführt und aufgezeichnet. Und ich habe jeden Abend mit meiner Lebensgefährtin telefoniert. Das braucht man, um auch gedanklich und emotional mit der Erde verbunden zu bleiben. Forscher meinen, dass so ein regelmäßiger Austausch nicht nur die Psyche stabil hält, sondern auch unsere physische Gesundheit fördert – vor allem unser Immunsystem.

Also sollte man jetzt auch in der Corona-Isolation mit Freunden und Angehörigen eng verbunden bleiben, soweit es geht?

Na klar, auch in dieser Situation haben wir ja die technischen Möglichkeiten, uns per Video oder Telefon weiter auszutauschen – und sollten das nutzen. Auf der russischen MIR-Station früher gab es das zum Beispiel nicht, und die Kosmonauten von damals haben berichtet, wie sehr sie diese Verbindung vermisst haben. Deshalb finde ich den Begriff „social distancing“ auch so irreführend: Wir mögen physisch zwar isoliert sein, aber als Gesellschaft müssen wir jetzt umso mehr zusammenhalten.

Was Alexander Gerst in der Corona-Krise rät: Ein Gespräch über Lagerkoller und unbequeme Entscheidungen

GEO-Redakteur Lars Abromeit kennt Alexander Gerst seit einer Antarktis-Expedition im Jahr 2005 und hat die beiden Missionen des Astronauten zur ISS eng verfolgt. Die Besonderheiten des Lebens im Weltraum beschreiben die beiden näher in ihrem Buch „166 Tage im All“

In Deutschland verdichten sich langsam die Forderungen, die Ausgangsbeschränkungen wieder zu lockern. Was hältst du davon?

Ich bin kein Experte für Pandemien. Aber als Astronauten lernen wir jedenfalls, eine aus guten Gründen gefällte Entscheidung nicht nach kurzer Zeit wieder in Frage zu stellen, bloß weil sie unangenehm für uns ist. Solange die Sachlage sich nicht ändert, sollten wir dazu stehen. Natürlich ist so ein Lockdown nicht schön und hat bestimmt auch einige negative Folgen. Aber wenn man sich umgekehrt mal vor Augen hält, dass man mit seinem Verhalten vielleicht die eigenen Eltern oder die Großeltern retten kann, dann sollte sich jeder fragen, was einem das wert ist. 

Wir wissen ja bisher nur wenig über die Viren. Aber wir wissen: Wir sind ihnen nicht völlig ausgeliefert. Wir haben ein Instrument, um die Krankheit einzudämmen, nämlich zu Hause zu bleiben. Und dieses Mittel müssen wir nutzen. So gewinnen wir mehr Kontrolle über die Situation und mindern die Angst.

Ähnlich wie eine Mission auf der ISS wird auch die Bekämpfung der Covid-19-Erreger wohl nur gelingen, wenn wir als Weltgemeinschaft zusammenhalten...

Ja, und ich würde mir wünschen, dass wir die Situation in genau diesem Sinne als eine historische Herausforderung für die ganze Menschheit begreifen, die wir gemeinsam bestehen können. So eine Lage hat es vorher noch nie gegeben, jeder ist jetzt betroffen. Natürlich ist es frustrierend, dass man nicht weiß, wie lange sie dauert und wie man sich seine Kräfte einteilen muss. Aber es ist auch eine Chance für uns, mehr zusammenzuwachsen, und aus der Krise gestärkt hervorzugehen – so wie mein Team damals aus der schwierigen Zeit zu dritt auf der ISS. Da haben wir auch sehr viel Anerkennung dafür bekommen, dass wir die Station und die Forschung so engagiert weitergeführt haben, bis schließlich die neue Crew uns verstärkt hat.

Ich habe höchsten Respekt vor allen, die jetzt unseren „Laden am Laufen halten“, die Ärzte und Pflegekräfte, Verkäufer und LKW-Fahrer. Und man sieht auch, wie ein Gemeinschaftsgefühl aufkommt, wenn Musiker vom Balkon für die Nachbarschaft spielen, oder abends um neun alle klatschen. 

Wenn wir in zehn Jahren zurückblicken, können wir vielleicht sagen: Das war die Corona-Zeit, aber wir haben sie überstanden, weil wir uns gegenseitig geholfen haben. Und darauf könnten wir dann auch stolz sein.