Endlich verstehen Warum merken wir nichts davon, dass die Erde mit mehr als 100.000 km/h durchs All rast?

Die Erde fliegt mit 107.000 km/h durchs All – und wir mit ihr. Dennoch merken wir nichts davon. Warum ist das so und was würde passieren, wenn die Erde plötzlich still stünde?
Die Geschwindigkeit der Erde

Sie dreht und dreht sich, doch wir merken es nicht

Wenn wir auf dem Fahrrad strampeln, bläst uns der Wind ins Gesicht und zeugt von Geschwindigkeit. Reiten wir im Galopp auf einem Pferd, spüren wir das Tempo mit jeder Bewegung, die das Tier macht. Im Auto werden wir beim Beschleunigen in die Sitze gedrückt, in der Kurve zur Seite geneigt, beim Bremsen nach vorn gezogen. Und im ICE zeigt uns der Blick aus dem Fenster, wie rasant wir durch die Landschaft flitzen.

Die Erde aber ist noch sehr viel schneller. Jedes Jahr legt sie bei ihrer Umrundung der Sonne rund 940 Millionen Kilometer zurück. Sie fliegt demnach mit 107.000 km/h durchs All – und wir mit ihr. Dennoch merken wir nichts davon.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Der wohl wichtigste klingt zunächst paradox: Wir spüren nicht, dass die Erde durch den Weltraum rast, weil sie es auf immer gleiche Weise tut.

Anders gesagt: Die Geschwindigkeit, mit der unser Planet um die Sonne kreist, ist nahezu konstant. Und physikalisch hat ein Objekt, das sich stetig bewegt, viel mit einem gemein, das stillsteht. Denn eine Kraft wirkt nur, solange etwas beschleunigt oder abgebremst wird. Und ein Mensch kann diese Kraft nur spüren, wenn etwas langsamer oder schneller wird.

Wie Wissenschaft uns den Alltag erklärt

Jedem Kind, aber auch vielen Erwachsenen, stellen sich beim Betrachten der Welt um sich herum ähnliche Fragen: Warum etwa steigt heiße Luft auf, wieso plätschert der Bach, weshalb kann man an kalten Tagen seinen Atem sehen, und weswegen blitzt es bei Gewitter? Die GEOkompakt-Ausgabe "Warum ist der Himmel blau? Wie Wissenschaft uns den Alltag erklärt" gibt Antworten auf 50 solche Fragen.

Weil kein Wind unsere Haare verwirbelt, glauben wir im Innenraum eines Flugzeugs stillzustehen

Sitzen wir etwa als Passagiere im Flugzeug, dann drückt es uns in die Polster, wenn der Jet über die Startbahn rollt und in den Himmel zieht – also während er beschleunigt. Doch hat das Flugzeug seine Reisegeschwindigkeit erreicht, merken wir kaum mehr, dass wir uns bewegen, auch wenn wir mit bis zu 900 km/h durch die Atmosphäre fliegen.

Wir spüren auch deshalb nichts, weil sich die Luft um uns herum im Innenraum des Flugzeugs mitbewegt – genauso schnell wie wir. Säßen wir auf einer Tragfläche, wäre das etwas ganz anderes: Dort würden wir durch Luft sausen, die sich nicht mitbewegt, die uns durch ihren Reibungswiderstand bremsen – und uns vom Flügel herunterdrücken würde.

Im Flugzeug dagegen wirken auf uns Reisende keine beschleunigenden oder bremsenden Kräfte, die wir spüren können. Und weil kein Wind unsere Haare verwirbelt und der Himmel vor dem Fenster eintönig blau ist, glauben wir stillzustehen.

So ist es auch mit der Erdbewegung. Weil unser Planet weder beschleunigt noch bremst, merken wir nicht, dass wir mit der 30-fachen Geschwindigkeit einer Pistolenkugel durchs All schießen. Und weil alles um uns herum – Bäume, Meere und selbst die Atmosphäre – ebenfalls mit der Erde reist, nehmen wir die Bewegung nicht wahr.

Es ist einzig die Schwerkraft, die wir permanent spüren. Sie hält uns und alle Materie am Boden. Sogar die Atmosphäre schmiegt sich aufgrund der Erdanziehung um unseren Planeten, während der durchs All rast. Nichts stört diese Gashülle oder zerrt an ihr, denn die Erde fliegt durch den leeren Raum.
So gesehen gleicht sie dem Flugzeug, das die Luft im Innenraum mit sich transportiert. Und daher verspüren nicht mal einen richtigen Fahrtwind.

Käme die Erde zum Stillstand, würden die Ozeane aus ihren Becken schwappen

Allein die Gestirne am Himmel sind nicht Teil des Systems „Planet Erde“ und verändern ihre Position, während die Erde sich bewegt. Doch weil sie enorm weit weg sind und unser Heimatplanet ein ganzes Jahr braucht, um die Sonne zu umrunden, kann man dessen Geschwindigkeit an ihnen ohne genaue Untersuchungen kaum erfassen.

Dass wir Sterne, Planeten und Sonne dennoch in jeder klaren Nacht am Firmament auf- und untergehen sehen, liegt an einer zweiten Bewegung der Erde: Sie dreht sich einmal am Tag um sich selbst. Und auch von dieser Drehung spüren wir nichts – aus den gleichen Gründen, die für die Umrundung der Sonne gelten. Denn alles um uns herum dreht sich mit.

Käme unser Planet allerdings plötzlich zum Stillstand – gleichgültig, ob er nun seine Drehung beenden würde oder die Wanderung um die Sonne –, würden wir das sehr wohl bemerken und zwar drastisch. Denn wie ein Autofahrer, der bei einem Auffahrunfall nicht angeschnallt ist, würden sich die Menschen – und alles, was nicht fest mit der Welt verankert ist – erst einmal noch weiterbewegen.

Das heißt: Autos würden durch die Gegend fliegen; Meere aus ihren Becken schwappen. Und alle Erdbewohner würden meilenweit durch die Luft geschleudert.

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