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Deutsche Geschichte Potsdamer Konferenz: Als die Neuordnung der Welt begann

Gruppenfoto der Potsdamer Konferenz im Cecilienhof in Potsdam
Teilnehmer der Potsdamer Konferenz. Von links nach rechts: der britische Premierminister Clement Attlee, der US-Präsident Harry S. Truman, der sowjetische Diktator Josef Stalin; dahinter stehend: US-Admiral William Daniel Leahy, der britische Außenminister Ernest Bevin, US-Außenminister James F. Byrnes und der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow
© mauritius images / World of Triss / Alamy
Geschichte wird von Gewinnern geschrieben, heißt es. Im Fall der alliierten Siegermächte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges trifft das zu. Auf der Potsdamer Konferenz wurden 1945 neue Grenzen für Deutschland, Reparationsleistungen und die politische Zukunft des Landes festgelegt – aber einig waren sich die USA, Großbritannien und Russland nicht.

Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands ist gerade mal knapp zwei Monate her, als sich die Regierungs-Chefs der Alliierten am 17. Juli 1945 im Potsdamer Schloss Cecilienhof treffen: Harry S. Truman vertritt die Vereinigten Staaten von Amerika, Winston Churchill ist für Großbritannien angereist und Josef Stalin für die Sowjetunion. Symbolhafter wäre die Konferenz in Berlin gewesen, aber – die ehemalige Reichshauptstadt ist zerstört.

Trotzdem geht die gut zweiwöchige Marathon-Sitzung als "Dreimächtekonferenz von Berlin" in die Geschichte ein. Tatsächlich ist oft von vier Siegermächten die Rede, weil auch Frankreich als Teil der alliierten Truppen gegen Deutschland gekämpft hat.

Zur vierten Siegermacht wurde die "Grand Nation" allerdings erst Anfang 1945 auf Druck und Bestreben von Charles de Gaulles  ernannt – auch in Anerkennung der Leistung beim Befreiungskampf gegen Nazi-Deutschland Seite an Seite mit den alliierten Truppen.

Potsdamer Konferenz ohne Siegermacht Frankreich

Eine Einladung zur Sieger-Konferenz nach Potsdam hat dieser Status Frankreich nicht gebracht – wohl aber später eine eigene Besatzungszone in der Rheinregion. Das alliierte Partnerland wird von den "Großen Drei" über die Absprachen auf der Konferenz in Potsdam schriftlich informiert.

Nach erfolgter Abstimmung werden die Ergebnisse der Potsdamer Konferenz schließlich am 2. August 1945 im Potsdamer Abkommen festgeschrieben. Völkerrechtlich bindend waren die Absprachen nie. Es handelt sich um eine reine Willenserklärung.

Treffen in Potsdam mit Außenministern

Das erklärte Ziel der Potsdamer Konferenz für Deutschlands Zukunft besteht im Wesentlichen aus den "vier großen D's":

  • Denazifizierung
  • Demilitarisierung
  • Dezentralisierung
  • Demokratisierung

Dafür treffen sich die drei Regierungschefs Harry S. Truman, Winston Churchill und Josef Stalin zusammen mit ihren Außenministern während ihres Aufenthaltes in Potsdam insgesamt 13 Mal.

Ostgrenze von Deutschland bleibt umstritten

Vorausgegangen war diesem Treffen bereits die Konferenz von Jalta im Februar 1945, wo im Vorfeld auch bereits die Besatzungszonen - auch die zukünftige Ostgrenze Deutschlands zu Polen - besprochen wurden. Besonders dieser Grenzverlauf sollte jedoch noch fast 50 Jahre lang ein offener Streitpunkt bleiben.

Um die gewollte neue Struktur in Deutschland zu erreichen, brauchen die Alliierten zwingend ein zentrales politisches Instrument. Der Alliierte Kontrollrat wird eingerichtet. Er tagt am 30. Juli 1945 zum ersten Mal – drei Tage, bevor das Potsdamer Abkommen unterzeichnet wird. Als erste Amtshandlung werden rechtlich noch geltende nationalsozialitische Gesetzte und Verordnungen aufgehoben.

Fragebögen der Alliierten für Entnazifizierung

Ein weiteres Ziel: Durch die Einsetzung eines Internationalen Militärgerichtshofes sollen die führenden Köpfe des Nazi-Regimes ermittelt und als Kriegsverbrecher bestraft werden. Diese Gerichtsverhandlungen gehen später als die Nürnberger Prozesse in die Geschichte ein.

Die USA versuchen außerdem in ihrer Besatzungszone per Fragebogen herauszufinden, wer in der deutschen Bevölkerung in die Struktur der Nazis verstrickt war. Besonders von der späteren Studentenbewegung in den 1960er-Jahren wird dieses Verfahren als wenig erfolgreich kritisiert.

Potsdamer Abkommen gegen zentrale Verwaltung

Genereller Gedanke der Potsdamer Konferenz ist, keine zentralen Strukturen in Deutschland zu schaffen. Größere Entscheidungen wie zum Aufbau der Infrastruktur oder des Außenhandels soll der Alliierte Kontrollrat treffen. Politische Wahlen sind nur auf Lokal- und Landesebene angedacht. In den einzelnen Besatzungszonen sollen örtliche Selbstverwaltungen eingerichtet werden.

Preussen als Staat wird aufgelöst

Geografisch gesehen betrifft das alles das Gebiet des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1937 – allerdings ohne die besetzten Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie. Dieser Bereich steht zunächst unter sowjetischer Verwaltung. Der vormalige preussische Staat wird durch das Einteilen der Besatzungszonen zertrennt. Am 25. Juli 1947 löst der Alliierte Kontrollrat Preussen dann auch staatsrechtlich offiziell auf.

Dass Deutschland sich zukünftig wieder militärisch aufstellen könnte, soll durch die Demilitarisierung erreicht werden: die Auflösung sämtlicher Streitkräfte inklusive militärischer Organisationen aus dem Nationalsozialismus wie der Schutzstaffel (SS), der Sturmabteilung (SA) und der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Auch alle vorhandenen Waffen müssen vernichtet oder den Alliierten übergeben werden.

Potsdamer Konferenz will "deutsches Volk nicht vernichten"

Alles das sehen die Siegermächte auf der Potsdamer Konferenz als Grundlage für eine Demokratisierung Deutschlands. Vor dem Hintergrund einigen sich die Verhandlungspartner darauf, die Rede-, Presse- und Religionsfreiheit festzuschreiben und demokratische Parteien zuzulassen. Auch über eine friedliche internationale Einbindung Deutschlands wird bereits nachgedacht.

"Die Großen Drei" der Potsdamer Konferenz: Joseph Stalin, Harry S. Truman und Winston Churchill
"Die Großen Drei" der Potsdamer Konferenz: Joseph Stalin, Harry S. Truman und Winston Churchill

Die offizielle Formulierung zu den Ergebnissen der Potsdamer Konferenz:

"Es ist nicht die Absicht der Alliierten, das deutsche Volk zu vernichten oder zu versklaven. Die Alliierten wollen dem deutschen Volk die Möglichkeit geben, sich darauf vorzubereiten, sein Leben auf einer demokratischen und friedlichen Grundlage von neuem wiederaufzubauen."

Winston Churchill und Harry S. Truman gegen Oder-Neiße-Grenze

Doch ganz so rund und zielstrebig, wie die Absichten der Potsdamer Konferenz im Vorfeld formuliert sind, laufen die Verhandlungen nicht. Stalin – und auch Polen – bestehen darauf, dass die deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie kein deutsches Territorium mehr sein sollen und übertragen werden. Winston Churchill und Harry S. Truman jedoch lehnen das ab.

Clement Attlee als neuer Premierminister

Zu dem Zeitpunkt leben allein dort noch geschätzt neun Millionen Deutsche. Besonders Churchill spricht sich dagegen aus, eine so große Zahl von Menschen umzusiedeln.  Sein vehementes Veto allerdings wird von den laufenden Wahlen zum britischen Unterhaus überholt. Churchill verliert die Wahl. Neuer Premierminister und Teil der Dreier-Verhandlungsgruppe wird Clement Attlee.

Noch bis zum Schluss der Potsdamer Konferenz wird über Reparationsleistungen und vor allem den Verlauf der zukünftigen polnischen Westgrenze gestritten. Schließlich einigen sich die Beteiligten auf eine polnische Verwaltungshoheit über die deutschen Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie. Abschließend geregelt werden soll der Grenzverlauf in einem perspektivischen Friedensvertrag zwischen Deutschland und Polen.

Stalin vertreibt Deutsche

Beschlossen hingegen wird der "geordnete und humane Transfer deutscher Bevölkerungsteile Polens, der Tschechoslowakei und Ungarns" aus den ehemaligen deutschen Gebieten in Richtung Westen. Das beinhaltet die bereits stattgefundene Vertreibung von Deutschen aus diesen Gebieten durch Josef Stalin – speziell im polnischen Verwaltungsbereich an der Oder-Neiße-Linie.

Laut Historikern sind von 1944 bis 1950

  • zwischen zwölf und 18 Millionen Deutsche aus den ehemaligen Ostgebieten vertrieben worden,
  • auf der Flucht bis zu 600.000 Menschen ums Leben gekommen,
  • ist es zu Verbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung gekommen,
  • auch unter den rund zweieinhalb Millionen Deutschen, die sich weigerten, die Ostgebiete zu verlassen und in den Nachkriegsjahrzehnten dort zur ethnischen Minderheit wurden.

DDR erkennt polnische Ostgrenze an

Der beginnende Kalte Krieg zwischen den USA und dem Ostblock unter Führung der Sowjetunion verändert alles. Die geplante Friedenskonferenz findet nicht statt. Am 7. Oktober 1949 wird die Deutsche Demokratische Republik auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone gegründet. Bereits 1950 erkennt die DDR die polnische Westgrenze im Rahmen des Görlitzer Abkommens an.

Der damalige Deutsche Bundestag reagiert entsprechend darauf und erklärt, dass "gemäß dem Potsdamer Abkommen das deutsche Gebiet östlich von Oder und Neiße der polnischen Regierung nur zur Verwaltung übergeben worden ist. Das Gebiet bleibt ein Teil Deutschlands."

Historisch gesehen hat diese Feststellung über Jahrzehnte Bestand – bis ein anderes historisches Ereignis die Karten überraschend völlig neu mischt: das Ende der DDR mit dem Fall der Mauer am 9. November 1989.

Vereintes Deutschland nur mit anerkannter Grenze

Zum ersten Mal seit der Potsdamer Konferenz von 1945 kommen die vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs wieder gemeinsam auf einem Podium ins Spiel. Die USA, Großbritannien, Frankreich und Russland wollen der deutschen Wiedervereinigung zwar zustimmen – aber nur unter einer Prämisse: Deutschland muss  vorher die Oder-Neiße-Linie als Grenze zu Polen offiziell anerkennen.

Als am 12. September 1990 der Zwei-plus-Vier-Vertrag in Moskau abgeschlossen wird, ist der deutsche Anspruch auf die ehemaligen Ostgebiete hinter Oder und Neiße endgültig Geschichte – 45 Jahre nach dem Ende der Potsdamer Konferenz.


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