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Hundertjähriger Krieg Finanzier Jacques Cœur: Missgunst brachte ihn zu Fall – und ins Gefängnis

Jacques Cœur, Zeichnung von Julien-Léopold Boilly (1796-1874)
Mit Hilfe eines großen Netzwerks beschafft Jacques Cœur aus vielen Teilen Europas Waffen, Lebensmittel und Ausrüstung, die Frankreich für den Kampf gegen die Engländer braucht. Zudem modernisiert er die Wirtschaft des Königreichs – und prägt so das Land nachhaltig
© akg-images
Der Kaufmannssohn Jacques Cœur ermöglicht dem König von Frankreich kostspielige Feldzüge gegen die Engländer – bis er dem Monarchen zu mächtig wird

Auf sein Glück vertrauen, trotz drohender Todesstrafe. Mehr bleibt Jacques Cœur nicht, hier in seinem Gefängnis in einer Burg von Poitiers, wo er im August 1451 seinen Prozess erwartet. Er, der eben noch zu den mächtigsten Männern Frankreichs gehörte – als Finanzier des Königs.

Über Jahre hinweg hat Cœur die Truppen Karls VII. ausgestattet, so den Fortgang des Kampfes gegen die Engländer gesichert. Doch nun, des Mordes beschuldigt und von der königlichen Gunst verlassen, droht Cœur die Hinrichtung. Es ist der tiefe Fall eines Mannes, der einen Aufstieg feierte, wie ihn Frankreich wohl noch nicht erlebt hat – erst recht nicht von einem Bürgersohn.

Jacques Cœur wird um 1395 im zentralfranzösischen Bourges geboren. Doch der Ehrgeizling will mehr sein als Pelzhändler wie sein Vater. Als Leiter der Münzstätte seiner Heimatstadt verantwortet er das Prägen des königlichen Geldes, bewährt sich in gleicher Position bald auch in Paris.

Vom einfachen Bürger zum Günstling des Königs

1438 holt ihn Karl VII. an seinen Hof. Als argentier, der Verantwortliche für die Einkäufe des königlichen Haushalts, beschafft er fortan, was immer Karl und seine Entourage benötigen: Pfeffer aus der Levante, fein gearbeitete Rüstungen aus Mailand, Seide aus Florenz. Zudem erfordert der Kampf gegen die Engländer stetigen Nachschub an Lebensmitteln, Waffen und Ausrüstung. Dafür spinnt Cœur ein Netz aus Geschäftspartnern von Schottland bis nach Italien – auch zu seinem eigenen Vorteil.

Indem er sich von der königlichen Kasse und den vielen Adeligen, die er ebenfalls beliefert, oft mehr zahlen lässt, als die Waren ihn gekostet haben, macht Cœur satte Gewinne. Sein wachsender Wohlstand, den er mit verschwenderischen Empfängen sowie dem Bau von Herrenhäusern und einem prächtigen gotischen Palast zeigt, wird von vielen am Hof beargwöhnt – doch die Gunst des Königs, der auf die Dienste seines Argentiers angewiesen ist, schützt den Emporkömmling.

Zumal das Reich von Cœurs Tatkraft profitiert. So treibt er die Salzsteuer ein, drängt lokale Privilegien im Salzhandel zurück. Er gründet Unternehmen, investiert in Bergwerke, erwirbt Handwerksbetriebe – teilweise mit königlichen Geldern, verknüpft sie zu einer gigantischen Maschinerie zur Versorgung des Hofes und des königlichen Heeres.

Jacques Cœur gewinnt stetig an Einfluss

Der König indes nutzt Cœurs Dienste mehr, als er es sich leisten kann. Mehrere Male leiht Cœur dem Herrscher große Summen. Auch als Karl Ende der 1440er Jahre die Rückeroberung der letzten von den Engländern besetzten Gebiete in der Normandie vorbereitet – ohne Cœurs Geld könnte er diesen Feldzug kaum finanzieren.

In Diensten des Königs gewinnt Cœur stetig an Einfluss. Schon 1441 adelt Karl ihn, nimmt ihn im Folgejahr in den königlichen Rat auf. Hier berät Cœur den Herrscher nun gemeinsam mit Frankreichs bedeutendsten Würdenträgern und Gelehrten zu Vertragsabschlüssen und Erlassen.

Als Karl nach erfolgreichem Vormarsch in die Normandie in Rouen einzieht, reitet Cœur zusammen mit hochrangigen Persönlichkeiten an der Spitze der Parade: Der Satinüberwurf seines Pferdes und das Marderfell auf seiner samtenen Jacke glänzen im Tageslicht.

Missgunst bringt ihn zu Fall – und ins Gefängnis

Doch seine Macht lässt die Missgunst unter Karls Höflingen wachsen – und bringt ihn schließlich abrupt zu Fall.

1451 beschuldigt ihn die Frau eines bei Cœur verschuldeten Adeligen, die jäh verstorbene Geliebte des Königs vergiftet zu haben. Haltlose Vorwürfe, dennoch befiehlt Karl im Juli 1451 Cœurs Verhaftung. Vielleicht möchte er sich selbst von seinen Schulden bei Cœur befreien – und der Krieg in der Normandie, für den er ihn so dringend brauchte, scheint gewonnen.

Den Mordvorwurf muss das königliche Tribunal fallen lassen, spricht den einstigen Günstling aber des Waffenschmuggels, der Unterschlagung und weiterer Vergehen für schuldig. Die angedrohte Todesstrafe wird umgewandelt in eine lebenslange Haft sowie eine hohe Geldzahlung.

Doch Cœur gelingt ein letzter Coup. 1454 flieht er mit Hilfe seiner Söhne und einiger Freunde aus dem Gefängnis, tritt in Rom in die Dienste des Papstes, der schon während des Prozesses für ihn eingetreten war. Zudem gelingt es ihm, Teile seines weit verstreuten Vermögens nach Rom zu schmuggeln. Zwei Jahre nach seiner Flucht stirbt Jacques Cœur – als reicher Mann.

GEO EPOCHE

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