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Gesundheit und Klima Eckart von Hirschhausen: "Wir müssen nicht das Klima retten – sondern uns"

Eckart von Hirschhausen hört einen Globus ab
Eckart von Hirschhausen bereiten als Mediziner die gesundheitlichen Folgen der Klimakrise Sorgen
© Julian Engels/HERBERT Management
In seinem neuen Buch "Mensch, Erde! Wir könnten es so schön haben" beschreibt der Mediziner Dr. Eckart von Hirschhausen, warum die Lösung der Klimakrise so drängt. Im Interview hat er GEO verraten, warum Klimaschutz einen großen Einfluss auf unsere Gesundheit hat

Herr Dr. von Hirschhausen, Sie schreiben, dass Sie schon in der Schule alle Fakten zum Klimawandel kannten. Haben Sie und Ihre Boomer-Generation es jahrelang verschlafen, etwas zu tun?

Dr. Eckart von Hirschhausen: Ja, meine Generation ist zu lange untätig geblieben, auf das aufgeklärte Bewusstsein auch regulatorische Taten folgen zu lassen. Aber grundsätzlich gab und gibt es engagierte Menschen in jeder Generation, und ich halte auch nicht so viel davon, die Gegensätze zu betonen, statt der Gemeinsamkeiten. "Fridays for Future" steht nicht für alle Jugendlichen und nicht alle "Boomer" haben alles falsch gemacht: Es gab die Anti-AKW-Bewegung, die Maßnahmen gegen den sauren Regen, die das erste Waldsterben verhindert hat, und der Rhein ist heute viel sauberer als früher.

Die Grünen fristen kein Nischendasein mehr, sondern spielen heute in Deutschland und Europa eine entscheidende Rolle, und eine "Boomerin", die Rechtsanwältin Roda Verheyen, hat gerade vor dem Bundesverfassungsgericht erstritten, dass die Freiheit der zukünftigen Generationen durch wirksame politische Maßnahmen zu sichern sei. Wir müssen raus aus einer "Bubble", rein in die Mitte der Gesellschaft, mit ganz vielen Kooperationspartnern aus Medizin, Politik und Zivilgesellschaft. Und mit einer Prise Humor, wie auf den Plakaten der "Fridays for Future": "Klima ist wie Bier, warm ist es doof!"

Die Klimakrise bedroht nicht nur die Erde, sondern auch unsere Gesundheit. Die Hitzewelle 2003 beispielsweise kostete 70.000 Europäerinnen und Europäer das Leben ...

Die Klimakrise bedroht unsere Gesundheit existentiell. Es sprechen zum Beispiel immer noch zu wenige Menschen darüber, aber Luftverschmutzung ist weltweit das Schlimmste, killt mehr Menschen als das Rauchen, und verkürzt auch unser Leben in Deutschland massiv. Der Dreck in der Luft hängt maßgeblich an der Verbrennung von fossiler Energie: Kohle, Diesel, Öl.

Dabei entsteht Feinstaub, der für Viren eine Art Taxi in die vorgeschädigte Lunge ist. Dort, wo die Luft am dreckigsten ist, verläuft auch eine Covid-19-Infektion besonders schwer. Man erkennt: Die Krisen hängen zusammen. Wir diskutieren die Energiewende aber immer noch so, als wäre es primär ein Thema für Ingenieurinnen und Ingenieure und nicht für uns alle. Die nächsten zehn Jahre entscheiden darüber, wie die nächsten 10.000 Jahre für unsere Zivilisation werden. Wir müssen nicht das Klima retten – sondern uns.

Und was hilft unserer Gesundheit und dem Klimaschutz gleichermaßen?

Reden, den Mund aufmachen, Fakten vermitteln, sich schlau machen, vernetzen und auf politische Veränderung drängen. Das haben wir vor lauter Mülltrennen und Jutebeutel-Auftragen etwas vergessen. Die großen Hebel sind in neuen Rahmenbedingungen, nicht im persönlichen Verhalten. Die allermeisten denken bei Klimaschutz an Verzicht, und das ist falsch. Wir müssen viel mehr betonen, welche Vorteile wir selbst haben, wenn wir für den Klimaschutz handeln: Radfahren statt Auto, Zug statt Flugzeug und Gemüse statt Fleisch. Als Arzt interessiert mich der gesundheitliche Vorteil dieser Maßnahmen. Ich atme lieber die Abgase von zehn Radfahrern ein als von einem SUV.

Und in einer Welt, in der rund zwei Milliarden Menschen übergewichtig und eine Milliarde mangelernährt sind, müsste es doch eine bessere Verteilung zum Wohle aller geben, oder? Die Idee einer "Planetary Health Diet" verbindet das, was dem Körper guttut, mit dem, was dem Planeten guttut. Heißt: weniger Fleisch, weniger Zucker und Milchprodukte, mehr Nüsse, Hülsenfrüchte und buntes Gemüse. Das kann man den Menschen nicht "vorschreiben", aber "verschreiben". Denn es kann Millionen Herzinfarkte und Schlaganfälle, praktisch alle großen Zivilisationskrankheiten verhindern, wenn wir uns mehr bewegen und weniger Übergewicht anhäufen. Wenn wir unsere krankmachenden Konsummuster unterbrechen, geht es nicht um Mangel oder Verzicht, sondern um unsere Gesundheit.

Klimaschutz, Gesundheitsschutz und Artenschutz gehören für Sie zusammen. Die Corona-Krise ist also nur ein Vorgeschmack darauf, was uns blüht, wenn wir uns nicht ändern?

Auf meinem Buch habe ich einen scherzhaften Button: "Drei Krisen zum Preis von zweien". Was wie ein Marketing-Gag aussieht, meint: Die Krisen unserer Zeit hängen eng zusammen. Und vieles ist leider schon verpasst und verloren. Eine Art, die wir ausgerottet haben, kommt nie mehr zurück. Da hat die Evolution über Millionen Jahre durch Versuch und Irrtum ihre besten Ideen verwirklicht, und wir zerstören dieses Buch des Lebens, bevor wir es überhaupt gelesen, geschweige denn verstanden haben. Wenn die Klimakrise das Fieber von Mutter Erde ist, dann ist das Artensterben ihre Demenz.

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Wenn Sie in die Zukunft blicken was sind Ihre Wünsche für 2050?

Ich wünsche mir eine enkeltaugliche Welt. Und ich wünsche der Generation, die nach uns kommt, dass sie genau die gleiche Unbeschwertheit genießen darf, wie meine Generation es auch durfte. Sollte ich  2050 gefragt werden, was hast du 2021 eigentlich gemacht, damit wir in den entscheidenden Jahren noch die Kurve bekommen, möchte ich sagen können: "Ich habe alles gegeben: meine Zeit, mein Geld und meine Fähigkeiten, mit einem Buch, mit einer Stiftung, mit jedem öffentlichen Auftritt und Gesprächen hinter den Kulissen eine Sprache und Bilder zu finden, die den Menschen etwas bedeuten, die etwas in ihnen bewegen, und die Mut machen auf Veränderung und viele andere mit angestupst hat, selber aktiv zu werden. Denn: Wir könnten es hier auf Erden echt schön haben. Schöner als jetzt – und viel gesünder.


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