Interview "Kippen ist kein Lüften": Experte erklärt, warum es in unseren Wohnungen schimmelt

Warum bildet sich Schimmel in der Wohnung? Gibt es besonders schädliche Schimmelpilze? Wir sprachen mit dem Schimmelpilzsachverständigen Jürgen Jörges
Schimmelexperte Jürgen Jörges

Schimmel-Experte Jürgen Jörges: "Lüften ist gerade in Coronazeiten wichtig". Sein neues Buch "Schimmel, Arsch und Zwirn" ist im Goldegg-Verlag erschienen

Herr Jörges, Hand aufs Herz: Was war das Schlimmste, das Sie in Ihrer Berufslaufbahn als Schimmelpilzsachveständiger bisher gesehen haben?

Die schlimmsten Fälle sind immer die mit lange unbemerkten Feuchtigkeitsschäden. Erst vor kurzem habe ich eine leerstehende Wohnung begutachtet. In dem Haus war es zu einem Kanalrückstau gekommen. Die Wohnung lag im Erdgeschoss, und jedes Mal, wenn in den Wohnungen darüber Dusch- oder Badewasser abfloss, wurde die Erdgeschosswohnung geflutet. Es war lange niemand drin gewesen, so konnte ein prächtiger Schimmelschaden entstehen.

Wie kann ich denn – in weniger dramatischen Fällen – als Laie feststellen, ob ich Schimmel in der Wohnung habe?

Schimmel ist, genau genommen, ein mikrobieller Befall. Er ist sehr klein. Normalerweise sehe ich ihn nicht. Wenn ich ihn sehe, haben sich schon Millionen kleiner Sporenträger zusammengerottet. Die Frage ist meist, ob es Hinweise auf einen möglichen Schimmelbefall gibt, zum Beispiel permanent nasse Fensterscheiben, vor allem im Winter. Das ist ein Anzeichen für eine zu hohe Feuchtelast. Da kann es dann hinter Schränken oder hinter dem Sofa, an den kalten Außenwänden, sehr schnell zu Schimmelbefall kommen. Oder wenn man beim Reinkommen in die Wohnung einen muffigen Geruch wahrnimmt. Dann sind die Stoffwechselprodukte des Schimmelpilzes schon in der Luft.

Muss bei Schimmelbefall immer gleich der Experte ran?

Nicht in jedem Fall. Je besser man darauf achtet, wann und wo der Schimmel entsteht, desto besser kann man selbst noch damit umgehen. Wenn es ein relativ kleiner Befall ist, etwa bis zur Größe einer Handfläche, kann man den Schimmel mit 70-prozentigem Propanol-Alkohol aus der Apotheke selbst entfernen. Wenn der Schimmel größer wird, so etwa ab einem halben Quadratmeter, dann sollte man erst einmal die Ursache klären – oder klären lassen. Vielleicht ist ja etwas am Haus kaputt? Vielleicht dringt irgendwo Feuchtigkeit ein?

Gibt es eigentlich besonders gefährliche Schimmelarten?

Schimmelpilze sind Teil unserer Umwelt. Es gibt per se keinen „bösen“ Schimmel. Zudem handelt es sich bei einem Schimmelbefall nie nur um eine einzige Art, sondern immer um eine ganze Schimmel-Bande. Wenn die sich in unserer Wohnung zu viel Raum erkämpft hat, kann das zu gesundheitlichen Problemen führen, je nach der Fitness unseres Immunsystems. Darum gilt laut Schimmelpilz-Leitfanden des Umweltbundesamtes das Vorsorgeprinzip: Egal welcher Schimmel – er hat in Wohnungen nichts zu suchen.

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Was ist der häufigste Fehler, der zu Schimmelbefall führt?

Wir nehmen uns heute nicht mehr die Zeit zum richtigen Wohnen. Meine Oma hat noch das Bettzeug aus dem Fenster gehängt. Macht heute keiner mehr. Meine Oma hat sich morgens Zeit genommen zum Lüften. Heute gehen die Fenster meist nach drei, vier Minuten wieder zu. Wir duschen morgens schnell und rennen zur Arbeit, die Feuchtigkeit bleibt also lange in der Wohnung. Meine Oma hat den Biomüll täglich rausgebracht, heute züchten wir uns den Schimmel im Bio-Eimer in der Küche. Meine Oma hat die Wäsche zum Trocknen auf dem Dachboden aufgehängt – oder draußen auf der Leine. Macht heute keiner mehr. Stattdessen trocknen wir die Wäsche in der Wohnung. Was das Thema Feuchtigkeit in der Wohnung anbelangt, sind wir zu wenig achtsam.

Sind moderne, luftdichte Wohnungen eigentlich schimmelanfälliger?

Schimmelpilzsanierungen gab es schon in biblischen Zeiten, siehe 3. Buch Mose, Kapitel 14. Die Problematik ist heute, dass wir sehr schnell bauen, beim Einzug ist also noch viel Feuchtigkeit in den Wänden. Dazu kommen unsere gestiegenen Ansprüche an die Raumtemperatur: Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen als kühle. Wenn ich nun aus 20 Grad Raumtemperatur 24 Grad mache, sollte die relative Luftfeuchtigkeit dabei sinken, also niedriger werden. Durch Putzen, Waschen, Kochen, Atmen, also Leben, erhöht sich die relative Luftfeuchtigkeit aallerdings schnell wieder. Und am Ende ist einfach zu viel Feuchtigkeit in der Wohnungsluft.

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Was halten Sie von Luftentfeuchtern aus dem Baumarkt?

Sie sollten auf jeden Fall in das Kleingedruckte schauen. Auf die Angabe nämlich, wie viele Liter das Gerät in einer Stunde oder an einem Tag aus der Luft entfernt. Meistens ist es so, dass wir mehr Feuchtigkeit produzieren, als diese kleinen Granulatkügelchen wieder herausbekommen. Solche Entfeuchter sind kein Ersatz für das richtige Lüften – sondern allenfalls eine Unterstützung. Und ein technisches Gerät, das die Feuchtigkeit nach außen abführt, wäre mir in jedem Fall lieber.

Was ist denn eigentlich das richtige Lüften?

Mehrmals am Tag das Fenster auf und ab und an auf den Hygrometer gucken. 

Und mit "auf" meinen Sie ...

... auf.

Gekippt?

Komplett geöffnet. Kippen ist kein Lüften.

Viele sind zurzeit im Homeoffice. Haben Sie einen Tipp für gutes Raumklima?

Unsere Bundesregierung sagt, dass wir, wenn wir zu Hause arbeiten, stündlich lüften sollen. Das sage ich schon seit 20 Jahren. Die Empfehlung stammt aus der Arbeitsstättenverordnung, nach der Büroräume mit 12-15 Quadratmetern mit einer Person stündlich gelüftet werden sollten, um der Sauerstoffversorgung und der Gesundheit willen. Wenn ich im Homeoffice bin, vielleicht noch mit zwei, drei Kindern im Homeschooling und meiner Frau, dann ist das so gut wie ein Meeting. Und in diesem Fall sagt die Arbeitsstättenverordnung: alle 20 Minuten Fenster auf! Wenn wir die ganze Zeit zu Hause sind, fällt uns oft nicht auf, wie "verbraucht" und feucht die Luft schon ist. Darum ist es gerade jetzt in Coronazeiten wichtig, das Fenster öfter mal aufzumachen als gewöhnlich.