Schulterprobleme "Viele Menschen belasten ihre Schultern ungleichmäßig"

Immer gleiche Bewegungen und Haltungen führen oft zu Schmerzen. Halten diese ­lange an, sollte ein Arzt aufgesucht werden – um bleibende Schäden zu verhindern. Über Ursachen und Behandlungsmethoden spricht Prof. Dr. Andreas Niemeier
"Viele Menschen belasten ihre  Schultern ungleichmäßig"

Viele Menschen plagen Schmerzen und Verspannungen im Schulterbereich - welche Therapiemaßnahmen sinnvoll sind und wie sich die Probleme vermeiden lassen, erklärt Prof. Dr. Andreas Niemeier

GEO WISSEN: Herr Professor Niemeier, die Schulter muss viel weniger Gewicht tragen als die Hüfte oder das Knie. Weshalb kommt es dennoch so häufig zu Problemen?

Prof. Dr. Andreas Niemeier: Die Schulter ist für Beschwerden anfällig, weil sie fast nur von Weichteilen geführt wird – also von Muskeln, Bändern und Sehnen. Das macht sie zwar sehr beweglich. Damit aber das Ende des Oberarmknochens, der Oberarmkopf, in der Gelenkpfanne zentriert bleibt, müssen alle beteiligten Muskeln koordiniert zusammenarbeiten. Tun sie das nicht, geraten die Weichteile der Schulter schnell in Konflikt mit der knöchernen Anatomie, etwa zwischen Oberarmkopf und Schulterdach.

Was stört denn die Zusammenarbeit der Muskeln?

Im Alltag belasten die meisten Menschen sie nur sehr einseitig. Wenn Sie den ganzen Tag vornübergebeugt am Schreibtisch sitzen, bilden sich nach und nach die aufrichtenden Muskeln von Wirbelsäule, Brustkorb und Schulter zurück. Probleme entstehen oft auch, wenn die Arme immer gleiche Bewegungen ausführen – wie etwa bei Malern oder Tennisspielern. Solche Tätigkeiten stärken bestimmte Muskeln, während andere verkümmern.

Wie wirkt sich das aus?

Die weniger trainierten Muskeln können den Oberarmkopf nicht mehr im Gelenk zentrieren. Rutscht er dann etwas zu weit nach oben, drückt er die Weichteile des Gelenks oft schmerzhaft an das knöcherne Schulterdach. Dieses sogenannte Impingement-Syndrom gehört zu den häufigsten Schulterproblemen. Auf Dauer kommt es in diesem Bereich oft zu Sehnenrissen, die die Funktion der Schulter weiter beeinträchtigen können.

Was kann man tun, um die Schultermuskulatur zu stärken?

Dazu genügen zumeist einfache dehnende und kräftigende Übungen, etwa mit einem Phy­sioband. Bei etwa drei von vier Menschen, die Schulterprobleme haben, können wir mit einem solchen gezielten Training die Beschwerden lindern oder völlig beseitigen.

Wann sollte man mit Schulterbeschwerden zum Arzt gehen?

Wenn Schmerzen über sechs bis zwölf Wochen anhalten. Von allein wird es dann zumeist nicht mehr besser. Wenn Sie weiter abwarten, riskieren Sie Schäden am Gelenk, die dann oft nicht mehr leicht zu beheben sind.

Warum ist das so?

Ein kleiner Riss in einer Sehne etwa heilt nicht von selbst, sondern wird mit der Zeit oft größer, die Behandlung dann aufwendiger. Risse kommen übrigens recht häufig vor: In der zweiten Lebenshälfte haben die meisten Menschen Schäden an den Sehnen in der Schulter. Der Mehrheit von ihnen spürt davon zum Glück aber gar nichts.

Sollte ich meine Schulter in höherem Alter schonen, beispielsweise ab 50 Jahren kein Tennis mehr spielen?

Das ist nicht nötig. Aber wenn Sie beim Sport oder bei anderen Aktivitäten immer wieder Schulterschmerzen verspüren, sollten Sie das nicht ignorieren, sondern eine Pause einlegen und einen Arzt um Rat fragen.

Ist es sinnvoll, Schmerzen an der Schulter mit Medikamenten zu lindern, um beweglich zu bleiben?

Nur bei akuten Beschwerden. Denn viele Schulterkrankheiten lösen erhebliche Schmerzen aus. Wenn Sie etwa an einer Kalkschulter leiden, sich also Kalkherde in den Sehnen gebildet haben, und sich ein solches Kalkdepot akut entleert, dann tut das dermaßen weh, dass Schmerzmittel absolut notwendig sind. Ausdrücklich abzuraten aber ist bei Schulterschmerzen von einer dauerhaften Medikamenteneinnahme. Die meisten Pro­bleme lassen sich mit Physiotherapie und Training gut in den Griff bekommen. Wenn das nicht ausreicht, dann kann oft eine kleine Operation helfen.

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Wie finde ich als Patient einen guten Schulterspezialisten?

Ihr Hausarzt wird Ihnen in jeder größeren Stadt einen Orthopäden nennen können, der auf Schulterbeschwerden spezialisiert ist. Größere Kliniken bieten dafür meist Spezialsprechstunden an. Spezialisten können Sie auch an einem Zertifikat der Deutschen Vereinigung für Schulter- und Ellenbogenchirurgie erkennen, das manche Orthopäden in ihrer Praxis aushängen.

Worauf sollte ich achten, wenn ich mich operieren lassen muss?

Grundsätzlich gilt: Ein erfahrener Arzt erzielt im Schnitt wahrscheinlich bessere Ergebnisse, weil er mehr Sicherheit in der Diagnostik und in den Details des chirurgischen Handwerks besitzt. Im Idealfall haben Sie einen Hausarzt, dem Sie vertrauen – und der ist gut genug informiert, um Ihnen einen spezialisierten Chirurgen oder eine Klinik empfehlen zu können.

Welche Rolle spielen alternative Heilverfahren für Schulterbeschwerden?

Eine Ergänzung zur Schulmedizin sehe ich allenfalls in der Akupunktur – sie kann einen guten Beitrag zur Linderung von Schmerzen leisten. Rückenschmerzen entstehen oft aufgrund von Verspannungen infolge psychischer Belastungen.

Gilt das auch für die Schulter?

Das ist sehr selten der Fall. Wenn Patienten mit Schulterschmerzen zu uns kommen, hat das fast immer eine körperliche Ursache, die oft leicht auffindbar und auch gut zu behandeln ist. Schwierig ist die Diagnose aber mitunter dann, wenn Patienten an chronischen Schmerzen leiden, die irgendwo zwischen Kopf, Halswirbelsäule, Nacken und Schultergürtel liegen. Da ist die genaue Ursache des Schmerzes manchmal schwer festzustellen.

Wirken sich Übergewicht oder einsei­tige Ernährung auf die Schulter aus?

Durchaus. Zwar gibt es zu dieser Frage bislang wenig speziell auf das Schultergelenk zielende Forschung, aber wir wissen, dass sich eine zu fett- und zuckerreiche Ernährung und die dadurch ausgelösten Stoffwechselkrankheiten schädlich auf die Gesundheit des gesamten Bewegungsapparats auswirken. Unter anderem produziert das Fettgewebe eine Reihe von Botenstoffen, die auch in entfernten Gelenken wie der Schulter zur Entwicklung von Arthrose beitragen können.

"Viele Menschen belasten ihre  Schultern ungleichmäßig"

Prof. Dr. Andreas ­Niemeier, Jahrgang 1971, ist Chefarzt der Klinik für Ortho­pädie und Unfallchirurgie am Krankenhaus Reinbek und Professor für Orthopädie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Tritt ein Knorpelschwund an der Schulter ähnlich häufig auf wie an der Hüfte oder am Knie?

Die typische Arthrose ist hier seltener symptomatisch als an den anderen großen Gelenken. Knorpelschäden an der Schulter entstehen hingegen häufig als Folge von Sehnenrissen und von Schäden am Kapsel- und Bandapparat. Das Gelenk verliert dann die Führung, wird fehlbelastet und der Knorpel dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Derartiges kommt zunehmend häufig vor, weil die Menschen älter werden als früher, aktiver bleiben und das Gelenk entsprechend länger belasten, auch nachdem eine oder mehrere Sehnen bereits gerissen sind.

Der Einsatz von künstlichen Gelenken ist an der Schulter weniger verbreitet als an Hüfte oder Knie. Warum?

Zum einen gibt es an der Schulter insgesamt weniger Gelenkleiden, die den Einsatz eines Kunstgelenks notwendig machen. Lange Zeit galten Schulterprothesen aber auch als besonders kompliziert im Einbau und an­fälliger für Probleme als Hüft- oder Knieprothesen.

Und das hat sich geändert?

Absolut. In den letzten Jahren haben sich sowohl die Operations­ver­fahren als auch die Implantate deutlich verbessert. Eine fachgerecht eingesetzte Prothese an der Schulter hält und funktioniert inzwischen genauso gut wie an den anderen großen Gelenken. Eine Schulterprothese kann vielen – wenn auch nicht allen – Pa­tienten damit wieder zu nahezu uneingeschränkter Beweglichkeit bei voller Schmerzfreiheit verhelfen. Allerdings sollte man sich für diese Operationen spezia­lisierte Ärzte suchen, denn die Kenntnis um die Schulterendoprothetik ist in der Ärzteschaft nicht so weit verbreitet wie für Hüfte und Kniegelenk.