Mein Leben im Lockdown Corona-Krise in Zimbabwe: "Ich bete, dass Gott mich beschützt"

7,752 Milliarden Weltbürger sind von Corona betroffen. Wie gehen sie damit um? Unseren Fragebogen beantwortet heute Sandra Mboweni aus Zimbabwe. Das Gespräch mit der Epidemiologin bildet den Abschluss unserer Serie "Mein Leben im Lockdown"
Weltbürger Simbabwe

Die Epidemiologin Sandra Mboweni, 28, arbeitet in Zimbabwe für die NGO Friendship Bench, die niedrigschwellige Gesprächstherapie durch ältere Frauen anbietet, die „Großmütter“. Sie wohnt mit ihren Eltern und ihrem 17-jährigen Bruder in der Hauptstadt Harare.

Corona-Situation am 15.04.2020 in Zimbabwe: Das afrikanische Land hat offiziell 18 bestätigte Fälle und drei Todesopfer. Die Dunkelziffer liegt aber vermutlich weit höher, da bisher nur einige hundert Menschen getestet wurden. Die Regierung hat am 30. März eine dreiwöchige Ausgangssperre verhängt. Zugleich hat eine Ärztevereinigung die Regierung verklagt, weil sie den Medizinern im Land nicht ausreichend Schutzkleidung zur Verfügung stelle.

Wie arbeitest Du jetzt?

Ich arbeite von zu Hause. Aber es nicht ganz einfach, mit den Großmüttern zu kommunizieren, sie haben kein Skype oder so. Wir versuchen, über SMS und Telefon mit ihnen im Kontakt zu bleiben. Wir wollen unser offenes Angebot, wo Menschen einfach zu unserem Haus in Harare kommen können, um mit jemandem über ihre Probleme zu reden, auf WhatsApp zu verlagern. Wir können ja nicht mehr mit den Klienten auf der Bank sitzen. Das ist Neuland für uns, nicht unter vier Augen im persönlichen Kontakt zu sprechen. Aber unser Land braucht das gerade unbedingt.   

Was ist die größte Herausforderung für Deine Umgebung?
 
Die wirtschaftliche Situation in Zimbabwe ist ohnehin schwierig. Ich kann von zu Hause arbeiten und weiß, mein Leben zerbricht nicht daran. Aber viele Menschen hier überleben von Tag zu Tag, sie sind darauf angewiesen, ein bisschen Gemüse zu verkaufen, Handlangerjobs zu machen. Es ist schön und gut, zu sagen: Bleibt zu Hause! Aber nicht jeder hat diesen Luxus. Viele Leute sagen: Was soll ich denn tun? Ich muss meine Kinder ernähren. Da riskiere ich lieber, mich anzustecken.


Wie sieht die gesundheitliche Versorgung aus?

Das Krankenhaus, das in Harare für die Covid-19-Fälle zuständig ist, wurde kurzfristig einige Tage lang geschlossen und renoviert. Dort ist vor drei Wochen ein 30-jähriger TV-Journalist gestorben, der erste bestätigte Todesfall in Zimbabwe. Er war sehr bekannt, und das hat Diskussionen darüber ausgelöst, wie gut dieses Krankenhaus vorbereitet ist. Wie viele Beatmungsgeräte haben wir überhaupt im Land? Ärzte dort haben gestreikt und mehr Schutzkleidung gefordert, weil sie Angst hatten. Die Regierung hat die Öffentlichkeit dazu aufgerufen, Geld zu spenden: für Masken, Handschuhe, Beatmungsgeräte. Die Mediziner tun, was sie können, mit dem wenigen, was sie haben. Aber es ist schwer.

Habt Ihr Vorräte zu Hause?

Ja, wir haben vor dem Lockdown für mehrere Wochen eingekauft. Maismehl, Bohnen, solche Sachen. Wir versuchen, möglichst wenig rauszugehen. Die Schokoladenkekse habe ich leider letzte Woche schon aufgebraucht.

Was isst Deine Familie heute zu Abend?

Maismehlbrei, Chinakohl aus unserem Garten und Hühnchen. Meine Mutter hat eine kleine Hühnerzucht.

Was machst Du, um das Virus zu vergessen?

Ich gehe spazieren und schwimme in unserem Pool. All die Informationen haben mich irgendwann verrückt gemacht, und meine Freunde haben mir geraten, einen Schritt zurückzutreten. Mich nicht auf Zahlen zu konzentrieren und darauf, alles verstehen zu wollen. Nicht alle Nachrichten sind hilfreich.

Gibt es etwas Gutes, was aus der Corona-Krise entstanden ist?

Die Menschen haben ein größeres Bedürfnis, mit anderen in Verbindung zu bleiben. Ich gehöre zu einer Baptistengemeinde, und wir können sonntags keinen Gottesdienst mehr feiern. Wir haben deshalb eine Gruppe, um online über unseren Glauben zu sprechen. Dort kommuniziere ich viel mit Leuten, mit denen ich normalerweise nicht viel zu tun habe. Und auch meine Kollegen: Normalerweise fragen wir uns im Alltag nicht, „Geht es Dir gut?“ Aber jetzt beenden wir unsere Arbeitsemails mit: „Bist Du in Sicherheit? Brauchst Du irgendetwas?“ Es hat uns zusammengebracht.

Wovor hast Du Angst?

Davor, dass ich oder jemand aus meiner Familie sich mit dem Virus ansteckt und ins Krankenhaus muss. Ich bin mir bei keinem Krankenhaus in Zimbabwe sicher, wie ich dort medizinisch versorgt würde. Ich bete, dass Gott mich beschützt.

Wenn du an der Macht wärst: Was würdest du jetzt tun?

Viele Leute haben keinen Zugang zu Wasser, das würde ich sicherstellen. Dann die wirtschaftliche Situation: Es gibt in Zimbabwe keine Hilfen von der Regierung. Ich würde dafür sorgen, dass jeder einen Puffer hat, damit er zu Hause bleiben kann, ohne sich darum sorgen zu müssen, was seine Kinder essen werden. Schließlich: Viele Menschen hängen jetzt fest mit jemandem, der sie misshandelt. Für viele ist ihr Zuhause kein sicherer Ort. Also würde ich praktische Wege finden, diesen Menschen zu helfen.

Wann hast Du das letzte Mal herzhaft gelacht?

Heute morgen. Meine Familie lacht viel, dafür bin ich dankbar. Ich habe meiner Mutter einen Videoclip gezeigt, und wir sind fast gestorben vor Lachen.

Interview: Gesa Gottschalk

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