Mein Leben im Lockdown Corona-Krise in Österreich: „Wir hören traurige Berichte, dass Zoos ihre Tiere nicht mehr versorgen können“

In der Serie "Mein Leben im Lockdown" telefoniert GEO mit Menschen von Alaska bis Zimbabwe: 7,752 Milliarden Weltbürger sind von Corona betroffen. Wie gehen sie damit um? Unseren Fragebogen beantwortet heute Marion Lombard aus Wien. Sie arbeitet bei einer NGO, die Tiere in der ganzen Welt hilft. Doch jetzt sind alle Rettungsmissionen verschoben. Die strengen Ausgangsbeschränkungen will Österreich bald lockern
Weltbürger Österreich

Marion Lombard, 32, lebt in Wien. Sonst reist sie für die NGO Vier Pfoten um die ganze Welt, um Löwen, Elefanten und Straßenhunde zu retten. Doch jetzt müssen die Tiere erstmal warten

Corona-Situation in Österreich am 09.04.2020: 12.981 bestätigte Fälle, 273 Tote, 4.512 Menschen sind wieder gesund. Auch in Österreich gelten Ausgangssperren, Geschäfte und Restaurants sind geschlossen, das Tragen einer Maske Pflicht. Aber: Ab Montag solle das öffentliche Leben schrittweise wieder hochgefahren werden. Kleinere Läden und Baumärkte öffnen als erstes, ab dem 1. Mai die Einkaufszentren, ab Mitte Mai sollen Hotels und Gastronomie folgen.

Gibt es etwas Gutes, was in deiner Nachbarschaft aus der Corona-Krise entstanden ist?  

Es ist paradox: Die physische Distanz hat uns viel näher zusammengebracht. Ich sehe weder Aggressivität noch Ärger in meiner Nachbarschaft. Wir versuchen, uns gegenseitig zu helfen. Man unterhält sich mit Leuten, mit denen man das sonst nie tut. Letztens haben mich meine Nachbarn gegenüber vom Balkon gefragt, wie es meiner Familie in Frankreich geht. Wie toll ist das? 

Wie lenkst du dich vom Virus ab? 

Ich mache total viel Sport und habe einen Haufen Bücher, die ich immer lesen wollte. Gestern habe ich „The Bear and the Nightingale“ angefangen. Das ist ein Märchen, also perfekt zum Entfliehen. 

Deine NGO rettet Tiere auf der ganzen Welt. Wie arbeitest du jetzt?  

Wir arbeiten im Homeoffice, machen strategische Planung. Aber die Rettungsmissionen sind alle verschoben. Im März wollten wir zurück in den Sudan, wo wir seit Januar zwei Löwinnen in einem Freizeitpark versorgen. Zum Glück haben wir ausgebildete Helfer vor Ort, wir stehen jeden Tag in Kontakt mit ihnen. 

Wie geht es Tieren in Menschenhand während der Corona-Krise? 

Wir hören traurige Berichte, dass Zoos ihre Tiere nicht mehr versorgen können, weil ihnen die Besucher und damit die Einnahmen fehlen. An vielen Touristenorten haben Tiere ihre Nahrungsquelle verloren. Darunter können auch die Einheimischen leiden: In Thailand zum Beispiel terrorisieren Affen eine ganze Stadt. Die werden sonst von Touristen gefüttert, jetzt werden sie vor Hunger aggressiv, wenn sie eine Banane nur sehen.


Werden mehr Tiere aus Tierheimen adoptiert, weil die Menschen Zeit haben und ein bisschen einsam sind? 

Ja, den Effekt gibt es. Trotzdem hören wir mehr Sorgen bei den Tierheimen. Viele sind überbelegt: Die Leute haben Angst, dass ihr Haustier sie ansteckt – und setzen es einfach aus. Dabei ist kein Fall bekannt. 

Hast du selbst ein Haustier? 

Ja, einen Kater, aber der ist leider bei meinem Ex-Freund geblieben. 

Hast du Vorräte? 

Ja, immer (lacht). Also nicht mehr als sonst: Pasta, Reis, Quinoa, jede Menge Gemüse. Ich koche viel. 

Was isst du heute Abend? 

Vietnamesische Nudelsuppe. Ich kann nicht reisen, also bringen ich die Welt zu mir nach Hause. 

Wovor hast du Angst? 

Dass meiner Mutter etwas zustößt. Sie lebt in Frankreich, wo die Situation schlimmer ist, und gehört zur Risikogruppe. Ich könnte dann nicht mal zu ihr: Fliegen geht derzeit überhaupt nicht und ich müsste über zwei Landesgrenzen. Bei der Einreise müsste ich ja erst mal zwei Wochen in Quarantäne – was auch OK so ist, ich will ja niemanden gefährden. 

Was macht dir Hoffnung? 

Die Wissenschaftler. Ich hoffe, dass es bald Medikamente gibt. 

Wie, glaubst du, sieht die Welt nach Corona aus?   

Anders. Jede Krise hinterlässt Bilder und eine Geschichte. Für mich sind das zum Beispiel die Satellitenaufnahmen, die zeigen, wie Umweltverschmutzung im Lockdown verschwindet. In Zukunft werden wir anders darüber denken, wie wir mit der Welt umgehen. Wir sprechen jetzt schon mehr über die Art, wie wir Tiere halten und töten. Viele Leute fordern ein Verbot von Wildtierhandel, denn das Virus könnte von einem Wildtiermarkt stammen. Wenn ich sehe, unter welchen Bedingungen Tiere gehalten werden – das ist unvorstellbar schlimm: Schlechte Hygiene, alle möglichen Arten auf engstem Raum, die sich in freier Wildbahn nie begegnet wären. Ich bin zwar keine Biologin, aber es gibt wissenschaftliche Evidenz dafür: Das sind Voraussetzungen, unter denen sich ein Virus entwickelt und verbreitet. Wir sollten alles tun, dass sich das nicht wiederholt. 

Wann hast du das letzte Mal herzhaft gelacht? 

Gestern, beim Skype-Gespräch mit Freunden in Frankreich. Wir haben über die aktuelle Situation gewitzelt. Einem ist die Brille kaputtgegangen, gleich am ersten Tag der Quarantäne. An sich nicht lustig, aber er hat so witzig erzählt, wie er seit zwei Wochen in dieser verschwommenen Welt lebt. 

Interview: Marlene Göring