Mein Leben im Lockdown Corona-Krise in Israel: "Wir haben unser Glück nie durch Reichtum definiert – das macht uns in Krisenzeiten frei"

In der Serie "Mein Leben im Lockdown" telefoniert GEO mit Menschen von Alaska bis Zimbabwe: 7,752 Milliarden Weltbürger sind von Corona betroffen. Wie gehen sie damit um? Unseren Fragebogen beantwortet heute Yuval Elefant aus Tel Aviv. Er glaubt, dass die Krise auch Chancen birgt
Weltbürger Israel

Yuval Elefant, 35, lebt mit seiner Frau und einer vierjährigen Tochter in Tel Alviv. Dort arbeitet er als männliche „Doula“: Er begleitet Männer nach der Geburt ihres Kindes. Er glaubt, dass die Corona Krise auch eine Chance für Paare sein kann

Corona-Situation in Israel: 06.04.2020: 8611 bekannte Fälle, 51 Tote. Schulen, Universitäten, Cafés und viele Geschäfte sind auf unbestimmte Zeit geschlossen. Die Regierung hat eine landesweite Ausgangssperre verhängt.

Wie sieht Ihre Arbeit derzeit aus? 

Gerade mache ich kaum etwas, aber bald werde ich online arbeiten. Ich bin selbstständig, normalerweise berate ich junge Väter nach der Geburt. Heutzutage sind Männer viel mehr mit den Kindern gefordert, weil Frauen auch Karriere machen. Die meisten Beratungsangebote richten sich aber immer noch an Frauen. Ich spreche mit Männern darüber, was es bedeutet, Vater zu sein oder erkläre, wie sich ein Kind entwickelt. Oft sprechen wir dabei gar nicht über den Nachwuchs, sondern über die Paarbeziehung. Viele haben keine Ahnung davon, dass sie nach der Geburt nicht nur einen neuen Menschen kennenlernen, sondern zwei.

Haben Sie Angst um Ihre Existenz? 

Nein, überhaupt nicht. Meine Frau und ich haben schon immer mit wenig Geld gelebt. Wir haben unser Glück nie durch Reichtum definiert – das macht uns in Krisenzeiten sehr frei. Außerdem sind wir beide bereit, uns immer wieder neu zu erfinden. Wir werden jetzt etwas zusätzliches Geld verdienen, indem wir bunte Atemschutzmasken für Kinder nähen. Die Stoffe liegen schon hier im Wohnzimmer.

Gab es in Ihrem Land besondere Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung? 

In Israel werden unsere Mobiltelefone geortet. So kann man sehen, wo sich Corona-Infizierte aufhalten und ob sie Gesunden zu nah kommen. Ich finde das richtig, aber eigentlich interessiert mich das auch nicht so. Ich beschäftige mich derzeit lieber damit, wie mein eigenes Leben besser wird.  


Wie beschäftigen Sie Ihre Tochter? 

Die Schulen sind zwar alle geschlossen, aber das macht uns nicht aus: Unsere Tochter unterrichten wir ohnehin zu Hause. Ich glaube nicht an das normale Schulsystem. Wir hatten noch nie feste Unterrichtszeiten, unsere Tochter lernt, indem sie lebt, beobachtet und nachmacht. Gerade lernt sie lesen.

Was ist jetzt die größte Herausforderung für Ihre Stadt? 

Umzudenken. Noch sind hier alle am Überleben: Plötzlich sitzen sie den ganzen Tag Zuhause, müssen Ihre Kinder beschäftigen und ihre Arbeit organisieren. Bislang denken alle noch daran, was sie nicht haben: kein Geld, keine normale Arbeit, keine Freizeitmöglichkeiten. Die Leute verstehen noch nicht, welche große Chance sie tatsächlich haben: Ihr Leben grundlegend zu überdenken. Gerade für Paare kann das eine tolle Möglichkeit sein, sich neu kennenzulernen und ihr Kind gemeinsam zu erleben. 

Gibt es etwas, das Sie vermissen? 

Ich vermisse nichts. Und falls wir doch mal rauswollen, steigen wir einfach in unseren Camper. Darin kann man schlafen und essen, ohne anderen Menschen zu begegnen.  

Wann haben Sie das letzte Mal lauthals gelacht? 

Weil wir jetzt die ganze Zeit zusammen sind, lachen wir sehr viel. Gestern Abend haben wir mit unserer Tochter ein Wortspiel mit Fantasie-Wörtern gespielt, das war so lustig! 

Interview: Vivian Pasquet

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