Mein Leben im Lockdown Corona-Krise in Frankreich: "Ich habe Angst, dass ich die Geburt allein durchleben muss"

In der Serie "Mein Leben im Lockdown" telefoniert GEO mit Menschen von Alaska bis Zimbabwe: 7,752 Milliarden Weltbürger sind von Corona betroffen. Wie gehen sie damit um? Unseren Fragebogen beantwortet heute Léa Bourlier aus Frankreich. Dort stehen Krankenhäuser kurz vor der Überlastung – und Léa Bourlier bekommt bald ihr erstes Kind.
Weltbürger Frankreich

Léa Bourlier, 32, lebt in L'Île-Saint-Denis, einem Vorort im Norden von Paris. Die Schwangere ist gerade in ihre neue Wohnung gezogen, als die Ausgangssperren begannen. Dort wartet sie ohne Sofa oder Esstisch auf ein hoffentlich schnelles Ende der Krise.

Corona-Situation am 03.04.2020 in Frankreich: 52.128 Fälle, 3.523 Tote. Erste Krankenhäuser melden Überlastung. Frankreich hat am 17. März strenge Ausgangssperren erlassen, mindestens bis zum 19. April. Ausnahmen bilden nur der Weg zur Arbeit, sportliche Aktivitäten wie Joggen (bis 1 Kilometer von der eigenen Adresse), Arztbesuche, Hilfe für andere und Einkäufe. Jeder muss dafür ein Formular ausdrucken und ausfüllen. Verstöße werden mit 135 Euro geahndet, bei Wiederholung wird es teurer, auch Haftstrafen sind möglich.

Wie hat Corona dein Leben verändert?

Einen richtigen Alltag hatten wir vorher gar nicht. Wir sind erst am 7. März aus Kambodscha zurückgekehrt, wo mein Mann und ich zuletzt gearbeitet haben, bis unsere Eigentumswohnung fertig ist. Der Plan war, dass ich mein Baby in Frankreich bekomme und wir die letzte Zeit der Schwangerschaft mit der Familie teilen. Aber wir hatten vor der Ausgangssperre weder Zeit, unsere Eltern zu sehen, noch Möbel zu kaufen. Schau mal! (Léa zeigt im Video-Chat das Zimmer: nackte Wände, ein Tisch, ein Kühlschrank, Töpfe und Pfannen stapeln sich auf dem Boden.) 

Was ist jetzt euer Plan? 

Zuerst wollten wir die Ausgangssperre einfach aussitzen, dachten, in zwei Wochen ist alles wieder normal. Aber nun wurde sie verlängert. Wir müssen also umdenken und online kaufen. Mein Baby soll im Juni kommen. Wir haben nichts, nicht mal ein Bett für sie. 

Wie funktionieren die strengen Ausgangssperren in Frankreich? 

Man darf nur einmal am Tag ein Formular benutzen, muss sich also zwischen Joggen und Einkaufen entscheiden. Manche Gründe lassen sich aber nicht nachprüfen, etwa, ob man einem Verwandten helfen muss. Anderes schon, zum Beispiel, ob man wirklich einen Termin beim Arzt hat. Ich habe ja öfter welche wegen der Schwangerschaft. Erwischt dich die Polizei ohne Formular, hat das Konsequenzen. Eine Person hat sogar schon eine Haftstrafe bekommen. Die Formulare und Strafen sind wohl dafür da, um Ausflüge komplizierter zu machen. Wir Franzosen halten uns nicht gern an Regeln. 

Habt ihr Vorräte zu Hause? 

Nicht viele, aber wir haben Glück: Wir bekommen von einem Bauernhof jede Woche einen Korb mit frischem Gemüse. Das funktioniert bis jetzt gut. 

Was gibt es heute Abend bei euch zu essen? 

Ich weiß noch nicht, was ich um 19 Uhr essen mag. Vielleicht Kartoffelbrei. 

Gibt es etwas Gutes, was in deiner Nachbarschaft aus der Corona-Krise entstanden ist?  

Die Leute im Pariser Norden denken nicht gut über Teenager. Aber ausgerechnet die haben eine Organisation gegründet, um Älteren und armen Familien während der Krise zu helfen. Vielleicht verbessert sich so die Meinung über die jungen Leute hier. 

Wovor hast du Angst? 

Als Schwangere im dritten Trimester möchte ich mich wirklich nicht anstecken. Wir haben in Frankreich 5000 Betten für schwere Verläufe, und 4600 sind schon belegt. Mittlerweile schicken wir Patienten nach Deutschland. Und vor allem will ich die Geburt nicht allein durchleben müssen. 

Wie würde das ablaufen? 

Niemand darf dich begleiten. Man hat zwar eine Hebamme, aber die ist für mehrere Frauen zuständig. Man kann mit Verwandten video-chatten. Und man hat Fernsehen (lacht). Bisher bin ich optimistisch, dass bis Juni alles vorbei ist. Meine Ärzte rechnen aber eher mit September.  

Was machst du, um das Virus zu vergessen? 

Wir haben ja nicht viel in der Wohnung, also kann ich nicht viel tun. Ich habe Gemüse angepflanzt, aber Töpfe und Erde sind mir ausgegangen. Die Leute sagen oft zu mir: Du hast Glück, dass du schwanger bist, da solltest du dich sowieso ausruhen. Aber die Situation zwingt mich zur Ruhe. Das ist keine gute Erholung. 

Wie lautet dein Rat: Wie kann jeder dazu beitragen, diese Krise zu überwinden?  

Wir hatten einen Fall, wo eine Nachbarschaft eine Krankenschwester zum Wegziehen zwingen wollte. Die hatten Angst, dass sie das Virus verbreitet. Ich fürchte, dass sich viel mehr Menschen so selbstsüchtig und aggressiv verhalten werden, je länger die Situation anhält. Also: Dreht nicht durch und tut euer Bestes für andere! 

Wie, glaubst du, sieht die Welt nach Corona aus? 

Was wir gerade sehen: Die Leute, die von zu Hause arbeiten, sind die mit den hohen Gehältern. Andere gehen raus, weil ihre Arbeit essentiell ist, bekommen dafür aber wenig Geld. In einer perfekten Welt müsste sich das nun ändern. 

Wann hast du das letzte Mal herzhaft gelacht? 

Ich weiß nicht, es kann aber nicht lange her sein. Ich bin voll mit Hormonen: An einem Tag weine ich, am nächsten lache ich nur. Heute ist ein guter Tag. 

Interview: Marlene Göring

+++ ALLE BEITRÄGE DER SERIE IM ÜBERLICK +++