Mein Leben im Lockdown Corona-Krise in Russland: "Die Leute hamsterten Toilettenpapier und Buchweizen"

In der Serie "Mein Leben im Lockdown" telefoniert GEO mit Menschen von Alaska bis Zimbabwe: 7,752 Milliarden Weltbürger sind von Corona betroffen. Wie gehen sie damit um? Unseren Fragebogen beantwortet heute Nadezhda Martemianova aus St. Petersburg. Die Sängerin macht ungewollt Ferien, wie ganz Russland. Dass sich In St. Petersburg viele nicht an die empfohlene Ausgangssperre halten, ärgert sie.
Weltbürger Russland

Nadezhda Martemianova alias Nadine Martee ist 32 und singt in Rockabilly-Bands. Durch das Virus wurden alle Konzerte abgesagt, nach draußen geht sie nur noch zum Einkaufen.

Corona-Situation in Russland am 01.04.2020: 2777 Fälle in Russland, davon 98 in St. Petersburg. 24 Tote. Präsident Vladimir Putin hat bis zum 5. April landesweit eine arbeitsfreie Woche angeordnet. In St. Petersburg haben nur noch lebenswichtige Einrichtungen wie Krankenhäuser, Apotheken, Lebensmittelgeschäfte und Banken geöffnet. Allgemeine Ausgangssperren gibt es in Moskau, wo sich Menschen nur noch 100 Meter von ihrer Wohnung entfernen dürfen; in St. Petersburg gibt es noch keine. Am 31. März hat die Duma, Russlands Parlament, Gesetze für strengere Auflagen und Strafen verabschiedet. 

Wie findest du die „Ferien für alle“? 

Klar: Nicht jeder war darauf vorbereitet, und nicht jeder hat gerade die Möglichkeit, diese Zeit sinnvoll zu nutzen. Aber wenn wir die schrecklichen Folgen des Virus verhindern können, indem wir zu Hause bleiben, müssen wird das tun. 

Was hast du im Urlaub vor? 

Ehrlich gesagt: Für mich war der erste Tag nicht produktiv. Ich will den Kleiderschrank aufräumen, Dokumente sortieren, mein Zimmer putzen, Gymnastik machen, studieren… Ich stelle auch Schmuck her, dafür wäre jetzt eine gute Zeit. Stattdessen rutscht man ins Faulenzen und Serienschauen. 

Wie wohnst du? 

Ich wohne in einer Vierer-WG und mein Zimmer ist wirklich klein. Als ich eingezogen bin, hatte ich nicht vor, viel Zeit dort zu verbringen. Ich bin immer draußen, reise viel. Es sollte nur ein Ort sein, an dem ich die Nacht verbringen und meine Sachen lassen kann. 


Was bedeutet das Virus für dich als Sängerin? 

Die Lage ist nicht rosig. Alle Konzerte sind offiziell abgesagt. Viele professionelle Künstler haben mit einem Schlag ihren Job verloren, bekommen keine staatliche Unterstützung. Selbst Proben sind nicht empfohlen, deshalb sehe ich meine Bands zurzeit nicht. Im April hatte ich eine große Reise in die USA und zum ersten Mal nach Mexiko geplant. Es war mein kleiner Traum, auf den ich mich mehr als sechs Monate vorbereitet habe. Ich weiß nicht, ob ich eine Rückerstattung bekommen kann.  

Wie zufrieden bist du mit den Maßnahmen gegen das Virus? 

Insgesamt bin ich zufrieden. Ich möchte nicht, dass die Quarantäne noch verschärft wird. Daher wünsche ich mir, dass sich mehr Menschen dem Risiko bewusstwerden und zu Hause bleiben. Viele sind immer noch die Straßen langspaziert, haben draußen mit Freunden gegrillt und sind in Urlaubsresorts gefahren. Das bringt uns jetzt wohl strengere Regeln ein. 

Wie informierst du dich? 

Ich schaue keine Nachrichten, damit ich nicht in Panik gerate. Aus dem Internet und von Freunden bekomme ich immer noch viele Informationen. 

Ist aus der Corona-Krise auch etwas Gutes entstanden? 

Man nähert sich Freunden auf der ganzen Welt an, denn wir sind alle durch dasselbe Unglück vereint. Wir interessieren uns mehr füreinander, fragen, wie die Dinge laufen und ob alles in Ordnung ist. Im Internet finden Konzerte und Veranstaltungen statt, die man gemeinsam besuchen kann. Die Leute versuchen, eine positive Stimmung zu verbreiten. 

Hast du Vorräte zu Hause? 

Ehrlich gesagt nein. Der einzige Grund, das Haus zu verlassen und frische Luft zu schnappen, ist der Besuch im Laden. Also kaufe ich jeden Tag ein bisschen. Vor ungefähr zwei Wochen hatten wir eine Massenpanik, die Leute hamsterten Toilettenpapier und Buchweizen. Aber jetzt hat sich das beruhigt, die Regale in den Läden sind wieder voll. 

Wovor hast du Angst? 

Weniger vor dem Virus als vor seinen Folgen, der Wirtschaftskrise. Und dass niemand genau sagen kann, wann es vorbei ist. Besonders beängstigend finde ich geschlossene Grenzen und dass man sich nicht frei bewegen kann. 

Was macht dir Hoffnung? 

Ich habe immer Hoffnung. Irgendwann wird es enden. Wir müssen nur warten und die Sicherheitsregeln beachten. 

Wann hast du das letzte Mal laut gelacht? 

Heute in einem Telefongespräch mit Freunden. Wir scherzen gerade viel, über Leute, die in der Quarantäne bummeln gehen, oder wir teilen Memes über die Apokalypse. Sogar die schwierigste Situation kann man mit Ironie sehen. Das hilft, nicht zu verzweifeln. 

Interview: Marlene Göring  

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