Logo GEO
Die Welt mit anderen Augen sehen

Mein Leben im Lockdown Corona-Krise in den USA: "Meine Hoffnung ist, dass wir bescheidener werden"

In der Serie "Mein Leben im Lockdown" telefoniert GEO mit Menschen von Alaska bis Zimbabwe: 7,752 Milliarden Weltbürger sind von Corona betroffen. Wie gehen sie damit um? Unseren Fragebogen beantwortet heute der Fotograf Jim Brandenburg aus Minnesota, USA. Dort decken sich immer mehr Menschen mit Waffen und Munition ein.
Jim Brandenburg

Jim Brandenburg, 74, lebt als Naturfotograf und -filmer im US-Bundesstaat Minnesota und in Frankreich. Er arbeitet für viele Zeitschriften und veröffentlicht täglich einen kurzen Naturfilm, der auf https://nature365.tv veröffentlicht wird.

Corona-Situation in den USA am 24.03.2020: 46.450 Infizierte, das Virus ist inzwischen in jedem Bundesstaat angekommen. Die Staaten sind unterschiedlich stark betroffen: Während in West Virgina nur 16 Fälle bekannt sind, vermeldete der Bundesstaat New York allein am Montag 5.700 neue Infizierte. Die John Hopkins Universität gibt an, dass in den USA bisher 593 Patienten verstorben sind. Quer durchs Land mussten Kaufhäuser, Friseurläden und Nagelstudios schließen, College-Basketballturniere und Konzertreisen wurden abgesagt. 

Wo sind Sie gerade?

Ich bin in meinem Studio in Minnesota, nicht weit von den Twin Cities Minneapolis/St. Paul. Draußen ist Wald, und gerade streifen zwei Kojoten vorbei.

Wie ist die Situation bei Ihnen, was das Corona-Virus betrifft?

Inzwischen ist die Krise auch bei uns angekommen. Als die ersten Berichte auch China eintrafen, hat niemand die Epidemie ernst genommen. Dann fühlte es sich so an, als würde man die Heizung allmählich hochdrehen, und jetzt ist es sehr heiß im Haus. Wir haben schon mehr als 200 bestätigte Fälle, alle im Süden von Minnesota. Im Norden ist überwiegend Wildnis, dort gibt es noch keine Kranken. In anderen Teilen der USA ist Panik, vor allem in New York.

Sind Sie in Ihrer Arbeit betroffen?

Ja und nein. Eigentlich sollte ich jetzt in Frankreich und Italien sein, um einen Naturfilm zu drehen, aber das geht natürlich nicht. Und hier? Ich fotografiere in der Natur, die sich ja nicht verändert. Alles ist so wie immer. Vielleicht fahre ich demnächst in mein Haus im Norden von Minnesota. Es ist so abgelegen, dass ich von der Epidemie nichts mitbekommen werde. Dort bin ich allein mit den Wölfen und auf mich gestellt.


Wie sieht es in den Schulen Ihrer Gegend aus?

Die sind geschlossen. Wir haben in Minnesota ein wirklich gutes Schulsystem, das mich an Frankreich erinnert, wo mein zehnjähriger Sohn lebt. Die Schülerinnen und Schüler werden übers Internet unterrichtet.

Und was ist mit den Krankenhäusern?

Auch die sind gut, aber es ist ja wie überall, und bei uns momentan vielleicht noch schlimmer. Die Kurve der Krankheitsfälle steigt sehr steil an, und wir wissen nicht, wie lange die Kapazität der Krankenhäuser ausreichen wird, um die Infizierten zu behandeln.

Was macht Ihnen in dieser Situation Angst?

Zum einen, dass der Verkauf von Waffen und Munition in den USA gerade deutlich ansteigt. Die Leute bewaffnen sich noch mehr, und jetzt gegen einen Feind, auf den man ja gar nicht schießen kann. Vor allem sorgt mich aber die Inkompetenz von Präsident Trump in dieser Situation. Er lügt und prahlt nur wie immer. Hier und dort gibt es in seinem Umfeld gute Leute, aber viele haben keine Ahnung. Wir hatten eine Trump-Krise, und jetzt haben wir auch noch eine Virus-Krise. Zwei Krisen kommen zusammen. Das ist beängstigend.

Videobotschaft: Jim Brandenburg Wünsche an die Welt

Wie informieren Sie sich?

Ich bin ein News-Junkie, höre Radio, sehe fern.

Haben Sie einen Vorrat an Lebensmitteln angelegt?

Den habe ich immer. Aber nicht nur das. Um mich herum stehen gerade alle möglichen Computer, aber ich weiß auch, wie ich in der Wildnis überlebe. Ich kann autark leben. In meinem Haus im Norden habe ich einen Vorrat für zwei Monate. Es gibt ausreichend Wasser, und ich kann fischen und jagen. Zudem habe ich in einiger Entfernung Nachbarn, und wir helfen uns gegenseitig. Das alles ist sehr amerikanisch.

Was gibt Ihnen in dieser Krise Hoffnung?

Ich glaube fest daran, dass es die Natur ist, die unser Leben bestimmt. Und dieses Virus ist ein Teil der Natur, wie alles Teil eines Universums ist. Zudem liebe und respektiere ich andere Menschen. Für uns ist diese Krise ein Weckruf. Wir werden vielleicht Leid erfahren, aber meine Hoffnung ist, dass wir bescheidener werden und lernen, wieder zusammenzuhalten. Es macht mir Mut zu hören, dass in europäischen Ländern abends Menschen auf dem Balkon stehen und den Menschen applaudieren, die das medizinische System in Gang halten. Das heißt doch: Sie stehen zusammen.

Was machen Sie, um den Gedanken an die Krise abzulegen?

Ich spiele Gitarre. Ich rede mit Freunden und lache mit ihnen. Und ich gehe in den Wald zu den Wölfen und Elchen, die das alles gar nicht kümmert.

Wenn Sie an der Macht wären, was würden Sie tun?

Die wichtigen Entscheidungen würde ich den Experten überlassen. Aber ich würde ins Fernsehen gehen und mich wie ein spiritueller Führer verhalten. Ich wäre ehrlich, würde den Leute Sicherheit vermitteln und Hoffnung geben, und ich würde sie trösten. Das wäre die wichtigste Aufgabe.

Was kann jeder Mensch selber tun, um die Krise zu überwinden?

Wir können uns klar machen, dass wir dankbar sein sollten für das, was wir haben. Wir müssen uns verantwortlich verhalten und sollten versuchen, positiv in die Welt zu blicken. Und ansonsten: Sport treiben, um Körper und Geist gesund zu halten. Und nicht vergessen zu lachen. Das ist wichtig.  

Wie wird Ihrer Meinung nach die Welt nach der Corona-Krise aussehen?

Das ist wirklich schwer zu sagen. Es kommt wohl darauf an, wie lange die Krise anhalten wird. Vielleicht werden wir bescheidener werden und mehr ehren, was wir immer für selbstverständlich halten, etwa Freunde und Familie. Und hoffentlich entscheiden wir uns wieder dafür, kompetente Menschen in hohe politische Ämter zu wählen. Das wäre jedenfalls zu hoffen.

Interview: Siebo Heinken​

+++ ALLE BEITRÄGE DER SERIE IM ÜBERLICK +++