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Mein Leben im Lockdown Corona-Krise in Gaza: "Nur die ganz Mutigen trauen sich raus"

In der Serie "Mein Leben im Lockdown" telefoniert GEO mit Menschen von Alaska bis Zimbabwe: 7,752 Milliarden Weltbürger sind von Corona betroffen. Wie gehen sie damit um? Unseren Fragebogen beantwortet heute der Lehrer Bilal Fathi aus Gaza. Er bleibt zu Hause – so wie der Rest von Gaza, obwohl es bisher keine Ausgangssperre gibt. Das Gebiet ist dicht besiedelt, ein Ausbruch wäre fatal.
Weltbürger Gaza

Bilal Fathi, 34, Lehrer, seit zwei Wochen bleibt er zuhause. Da Schulen in Quarantäne-Stationen für Einreisende und Risikogruppen verwandelt wurden, unterrichtet er seine Schüler per Videoschalte.

Corona-Situation in Gaza am 23.3.2020: Zwei bekannte Fälle, die aus Pakistan über Ägypten nach Gaza eingereist und unter Quarantäne gestellt worden sind. Das Gebiet ist dichtbesiedelt und chronisch unterversorgt, ein Ausbruch wäre katastrophal. Noch gibt es keine Ausgangssperre, trotzdem bleiben die meisten Menschen zuhause. Viele Geschäfte schließen bereits, weil die Kunden fehlen. Verboten sind die wöchentlichen Straßenmärkte, geschlossen sind die Hochzeitssäle.

Wie arbeitest du jetzt?

Meine Schulen sind wie alle Bildungseinrichtungen geschlossen. Ich unterrichte von zu Hause per Videoschalten wie Zoom. Oder die Schüler laden Aufgaben runter, lösen sie mit ihren Eltern und schicken sie zurück. Manchmal machen wir einen kleinen Wettkampf daraus, wer als erster fertig ist.

Wie reagiert Gaza auf das Virus?

Schulen wurden in Quarantäne-Stationen für Einreisende und Risikogruppen verwandelt. Vor den Krankenhäusern stehen Polizisten, nur wer Lungenprobleme hat, darf hinein. Es gibt keine offiziellen Ladenschließungen oder Ausgangssperren. Viele Geschäfte und Restaurants sind trotzdem zu, weil die Kunden fehlen. Nur die ganz Mutigen trauen sich raus.


Wie beschäftigst du dich?

Morgens übernehme ich meinen kleinen Sohn Adam, damit seine Mutter etwas Schlaf bekommt. Wir essen Frühstück und gehen in den Park. Nach dem Mittag schlafen wir ein bisschen. Abends schaue ich mit meiner Familie Filme. Manchmal besuche ich Onlinekurse für Lehrer. Das ist alles nett, aber langsam habe ich die Situation satt. Ich bin seit 15 Tagen fast nur im Haus.

Was ist die größte Herausforderung für Deine Nachbarschaft? 

Gaza ist eng und überfüllt, wir können nirgendwohin. Wenn Corona uns trifft, wird das eine Katastrophe. Die Stromversorgung droht jetzt schon zusammenzubrechen: Weil so viel geschlossen hat, belastet die Überproduktion das Netz.

Videobotschaft: Bilal Fathis Wünsche an die Welt

Wie sieht die gesundheitliche Versorgung aus?  

Wir haben nichts, um mit dem Virus fertig zu werden. Die Krankenhäuser sind in keinem guten Zustand. Viele Ärzte sind längst ausgewandert. Ich habe Berichte gesehen, wie die UN-Hilfsorganisation UNRWA Quarantänelager mit Betten, Decken, Essen und Medizin vorbereitet.

Wie informierst du dich?  

Ich habe auf Facebook die Seite vom Gesundheitsministerium und einiger Journalisten abonniert.

Habt Ihr Vorräte zu Hause?

Letzte Woche habe ich welche gekauft, zum Beispiel einen großen Sack Mehl, Bohnen für 14 Tage. Im Garten haben wir Mandeln und Orangen, nebenan gibt es ein paar kleine Farmen. Ich denke, im Notfall würden wir da was bekommen. Wir kennen uns alle sehr gut.

Was isst deine Familie heute Abend?  

Ich esse abends nie, aber wegen Adam ist meine Frau die ganze Zeit hungrig (lacht). Heute gibt es bestimmt Früchte, Nüsse, Milchreis.

Was machst du, um das Virus für eine Weile zu vergessen?

Manchmal kreisen meine Gedanken sehr darum, was passiert, wenn das Virus uns trifft. Die Whatsapp-Gruppe mit meinen Kollegen lenkt mich ab, da schicken wir uns Videos und Witze.

Gibt es etwas Gutes, was in deiner Nachbarschaft aus der Corona-Krise entstanden ist?  

Der Konflikt mit Israel ruht. Die Politiker haben anderes zu tun. Wir haben jetzt denselben Feind, das Virus. Und: Ich komme endlich dazu, die Bäume im Garten zu beschneiden.

Wovor hast Du Angst?  

Am meisten Angst habe ich um meinen Sohn. Adam ist erst 200 Tage alt! Und um meine Eltern, die sind über 65. Sie alle sind so verletzlich.

Was macht Dir Hoffnung?

Hoffnung? Weiß nicht. Ich hoffe für alle Menschen auf der Welt.

Wenn du an der Macht wärst: Was würdest du jetzt tun?  

Ich hätte schon früh einen Lockdown angeordnet. Die Quarantäne-Center hätte ich nur an den Grenzen eingerichtet, nicht mitten zwischen den Menschen. Und ich würde alle Parteien vereinen, auch die Opposition. Damit wir mit einer Hand das Virus bekämpfen.

Wie lautet dein Rat: Wie kann jeder dazu beitragen, diese Krise zu überwinden?  

Zuhause bleiben, Händewaschen, niemandem die Hand schütteln oder berühren. Das Haus sauber halten und ungesundes Essen vermeiden.  

Wie, glaubst du, sieht die Welt nach Corona aus?   

Wir werden eine Kultur der Sauberkeit und Hygiene entwickeln. Ich hoffe, dass Bildung für die Regierungen und die Menschen wichtiger wird: Kinder sollten alles lernen, was die Welt besser, gesünder macht.

Wann hast du das letzte Mal herzhaft gelacht?

Vor zwei Tagen habe ich vor Adam so ein Geräusch gemacht: „Bbbllbbbllbbbll!“ Da ist er umgekippt und hat laut gelacht, ich habe mitgelacht. Es war das erste Mal, dass er nicht mehr wie ein Baby klang, sondern seine laute Kinderstimme gezeigt hat.

Interview: Marlene Göring

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