Depression und Demenz Wie das Immunsystem und psychische Leiden zusammenhängen können

Auch ein gestörtes Immunsystem kann psychische Leiden verursachen. Das sollten Ärzte für jene Patienten in Erwägung ziehen, bei denen die klassischen Therapien versagen
Depression

Als Ursache starker Depressionen haben Mediziner auch Antikörper im Verdacht, die sich gegen das Gehirngewebe richten

Wenn bei manchen Patienten die Schizophrenie organische Ursachen hat, gilt das dann auch für andere psychische Leiden? Neurowissenschaftler forschen verstärkt nach solchen Zusammenhängen. Im Fokus: das Immunsystem. Mit neuen Techniken, etwa aus der Genforschung, mit ausgefeilteren Laboranalysen und modernen Hirnscans versuchen Ärzte zu verstehen, weshalb der Geist entgleist und warum einige Kranke auf bestimmte Medikamente ansprechen und andere nicht.

Zum Beispiel bei einer Depression: Bis zu einem Fünftel aller Menschen erleben irgendwann einmal im Leben solch eine Phase der Antriebs- und Hoffnungslosigkeit. In den meisten Fällen lässt sich die Krankheit gut behandeln, mit Psycho­therapie oder Medikamenten. Doch gibt es Patienten, bei denen nichts von dem hilft. Was steckt bei ihnen dahinter?

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Ein niederländischer Psychiater entdeckte in den 1990er Jahren: Depressive Patienten hatten vermehrt Botenstoffe des Immunsystems im Blut. Solche Zytokine werden von weißen Blutkörperchen im ganzen Körper gebildet, aber auch von Zellen des Immunsystems im Gehirn, der Mikroglia. Die Abwehrzellen werden aktiv, wann immer im Gehirn ein Schaden entsteht, sei es durch Infektionen oder durch Eiweißablagerungen wie bei der Alzheimer-Demenz. Es gibt allerdings auch Hinweise, dass psycho­sozialer Stress Mikroglia-Zellen zu einer chronischen Ausschüttung von Zytokinen anstachelt.

In die gleiche Richtung weisen Erfahrungen von Ärzten, die nach rein organischen Krankheitsursachen suchen. Sie stießen in den 1990er Jahren auf Patienten, die im Zuge einer Krebs­therapie oder bei Leberentzündungen grippeähnliche Symptome zeigten, aber auch depressiv wurden. Sie hatten ein Arzneimittel erhalten, das die körper­eigenen Zytokine imitiert. Als Forscher einige wenige gesunde Freiwillige mit Stoffen infizierten, welche die Ausschüttung von Zytokinen anregen, bekamen die Probanden Fieber und zeigten auch depressive Symptome. Je höher der Zytokinspiegel im Blut, desto stärker waren die Beschwerden.

Die Indizienkette geht noch weiter. Der Psychiater Bernhard Bogerts analysierte mit seinem Team das Hirngewebe von verstorbenen Gesunden und von Menschen, die zu Lebzeiten an Depres­sionen, Schizophrenien oder bipolaren Störungen gelitten hatten. Im Gewebe der psychisch Kranken fanden die Hirnforscher einen hohen Anteil weißer Blutkörperchen, die an vielen Immun­prozessen im Körper beteiligt sind, viele davon in Arealen, die an der Steuerung von Gefühlen mitwirken. Ärzte an der Freiburger Universitätsklinik wiederum untersuchten das Nervenwasser von 125 depressiven und 180 Patienten mit schizophrenieartigen Psychosen. Etwa ein Viertel von ihnen hatte auffällige Eiweißwerte, die auf Entzündungen im Gehirn hindeuten.

Bei depressiven Menschen ist das Immunsystem beteiligt

Experten schätzen, dass bei einem Drittel aller depressiven Patienten das Immunsystem beteiligt oder gestört ist. Doch sind erhöhte Entzündungswerte oder fehlgeleitete Immunzellen die Ursache der Leiden? Oder sind sie eine Begleiterscheinung, ausgelöst etwa durch den Stress, den solche Beschwerden mit sich bringen? Lässt sich das überhaupt unterscheiden? „Eigentlich gibt es keine Krankheit, an der das Immunsystem nicht irgendwie beteiligt ist“, sagt etwa die Göttinger Neurowissenschaftlerin Hannelore Ehrenreich. Sie sieht die Forschung erst am Anfang: „Auf uns kommt noch jede Menge Arbeit zu.“

Dennoch gibt es erste Ansätze, die neuen Erkenntnisse in Therapien umzusetzen. In klinischen Studien testen Ärzte Medikamente, die bereits seit Längerem bei Entzündungen verordnet werden, etwa einen Antikörper gegen chronisch-entzündliche Leiden wie Rheuma, einen Hustenlöser und ein fiebersenkendes Schmerzmittel. Die Ergebnisse der Studien sprechen bislang nicht für eine Anwendung bei vielen Patienten, auch wegen potenzieller Nebenwirkungen. Sie sprechen aber dafür, dass einige Kranke von solchen Therapien profitieren könnten, auch als Ergänzung zu Psychopharmaka.

Ein weiterer Wirkstoff, auf dem Hoffnungen ruhen, ist das Antibiotikum Minocyclin. Es wird derzeit in einer Studie an sechs deutschen Zentren erprobt, mit 160 Patienten, die an schwersten Depressionen leiden. Ergebnisse werden demnächst erwartet.

Antikörper als mögliche Ursache für starke Depressionen?

Als Ursache starker Depressionen haben Mediziner auch Antikörper im Verdacht, die sich gegen das Gehirngewebe richten – angelehnt an die Erkenntnisse über NMDA-Antikörper (siehe Seite 82). Fallbeispiele sprechen dafür, dass sich auch hier Therapieoptionen abzeichnen: An der Universitätsklinik in Freiburg etwa half das Team um den Psychiater Ludger Tebartz van Elst einer 50 Jahre alten Frau mit Cortison.

„Zwei Jahre lang hatte sie an Depressionen gelitten, konnte nicht mehr zur Arbeit gehen, die klassischen Behandlungen mit Psychotherapien und Antidepressiva wirkten bei ihr nicht“, sagt Tebartz van Elst. In ihrem Blut fanden die Ärzte Antikörper, die sich gegen die Schilddrüse richteten. Weil auch schon Befunde bei anderen Patienten für einen Zusammenhang von Hirnfunktions­störungen und Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse sprachen (und auch, weil die Lage so verzweifelt war) erhielt die Patientin eine Woche lang hoch dosiertes Cortison. Ihre Symptome besserten sich, und sie konnte wieder in ihren Beruf zurückkehren.

Mögliche Ursachen von Demenz

Auch für Demenzen existieren solche Berichte. So diagnostizierten Tübinger Ärzte bei einer 75-jährigen Patientin zunächst eine Alzheimer-Demenz. Über Monate hinweg hatte sie Probleme entwickelt, konnte sich schwer an Wörter oder Begebenheiten erinnern und verlor schnell die Orientierung. Das Nervenwasser der Frau wies bei der Untersuchung Antikörper auf, die den Austausch von Signalen zwischen Nervenzellen störten. Nach einigen Blutplasmawäschen verschwanden die Beschwerden.

Ein Team an mehreren Zentren überprüfte wiederum bei 660 Menschen, ob sie NMDA-Antikörper in sich trugen. Ergebnis: Von 286 Demenz-Patienten hatten 16 Prozent Antikörper im Blut, aber auch knapp drei Prozent der 217 geistig gesunden Studienteilnehmer. Ob die Antikörper nun Symptome wie Gedächtnisverlust und Orientierungs­störungen mitverursachten oder das Ergebnis der Gehirnerkrankung waren, blieb offen. Doch sahen es die Ärzte als vertretbar an, einige der Patienten mit Immuntherapien zu behandeln, und sie erzielten Erfolge.

Doch was folgt aus solchen geglückten Therapieversuchen, denen auch gescheiterte Ansätze gegenüberstehen? Sollten möglichst viele Patienten mit schwer behandelbaren Depressionen oder Demenzen unklarer Ursache per Immuntherapie behandelt werden? Nein, sagt der Psychiater Tebartz van Elst. „Würden wir solch einen Rat zum jetzigen Zeitpunkt erteilen, würden viele Kollegen das als übertrieben kritisieren.“ Denn die Therapien sind nicht ohne Nebenwirkungen, viele Menschen haben Antikörper im Blut, viele Fragen sind noch offen und groß angelegte Studien notwendig. „Aber“, so der Psychiater weiter, „wenn mehr Ärzte bei therapieresistenten Patienten auch an immunologische Ursachen denken, wenn wir genauer werden in unseren Analysen und wirklich beweisen können, dass bestimmte Patienten auf Immuntherapien ansprechen, dann ist das ein großer Schritt auf dem Weg, mehr Menschen zu helfen.“

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