Klüger mit Schmutz umgehen "Wir sind völlig hysterisch, was die Hygiene anbelangt"

Wissenschaftsjournalistin Hanne Tügel hat ein Buch über Schmutz geschrieben. Genauer gesagt: über dem klugen Umgang mit ihn. Im Interview spricht die langjährige GEO-Redakteurin über unnötige Desinfektionsmittel und unsere irrationale Angst vor Bakterien
Sind wir noch ganz sauber?

Bakterienkiller im Privathaushalt? Staatliche Institutionen und Verbraucherschützer raten ab

GEO.de: Kürzlich haben Forscher das „fäkale Wölkchen“ entdeckt – ein Bakterien-Wasserdampf-Gemisch, das beim Betätigen der Toilettenspülung entsteht. Sie empfehlen, die Zahnbürste nicht offen neben der Toilette aufzubewahren. Eine berechtigte Sorge?

Hanne Tügel: Nein. Wir sind völlig hysterisch, was die Hygiene anbelangt. In einer anderen Studie hatten Forscher 14 gebrauchte Spülschwämme untersucht, sie fanden 372 Bakterien-Arten mit jeweils Millionen von Exemplaren. Viele Medien haben das begierig aufgegriffen ...

Was ist an diesem Zoo im Schwamm eigentlich so faszinierend?

Die meisten Menschen haben eine Art Bakterienphobie. Das ist auch verständlich, weil die Winzlinge unsichtbar und unheimlich sind, weil es so viele sind, weil sie überall sind, weil einige Arten großen Schaden anrichten können – und weil sie nicht wirklich beherrschbar sind. Das beleidigt uns Menschen. Dabei wissen wir inzwischen natürlich, dass sie in unserem Körper eine enorm wichtige, geradezu segensreiche Rolle spielen. Oder dass sie sich in der Umwelt gegenseitig in Schach halten. Zu der Spülschwammstudie wurde der Autor gefragt, was man denn nun machen solle. Die Antwort war, ganz unaufgeregt: einmal in der Woche gegen neue auswechseln. Und zwischendurch immer gut trocknen lassen. Bakterien lieben nämlich Feuchtigkeit.

Nur wenige Bakterien können uns gefährlich werden. Warum haben wir auch vor den harmlosen so große Angst?

Diese Angst wird uns eingeredet von der Industrie, die damit sehr viel Geld verdient. Dabei sagen alle maßgeblichen Institutionen, etwa das Robert-Koch-Institut, das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz, das Umweltbundesamt, die Verbraucherzentralen: Bitte im Privathaushalt keine Bakterienkiller einsetzen! Aber gegen die Werbung sind selbst diese Institutionen machtlos. Wir sind in unserem Verhältnis zu Bakterien im späten 19. Jahrhundert stehengeblieben, als Seuchen grassierten und es tatsächlich notwendig war, zu den stärksten chemischen Waffen zu greifen.

Die Unternehmen leben ganz gut damit ...

Ich bin mit einem Experten von der Verbraucherzentrale durch einen Drogeriemarkt gegangen und habe mir von ihm zeigen lassen, was alles aus dem Sortiment verschwinden sollte. Zum Beispiel Desinfektionsmittel, die die Welt nicht braucht. Ich habe ihn gefragt, ob denn die Hersteller nicht gegen solche Aussagen klagen? „Natürlich nicht“, sagte er, „wir haben ja recht, und das wissen die auch.“

Tügel

Hanne Tügel begleitete im Rahmen ihrer Recherche auch ein Team der Hamburger Stadtreinigung. Sie arbeitet mit Vorliebe an Themen an der Schnittstelle zwischen Gesellschaft und Wissenschaft - viele Jahre in der GEO-Redaktion, nun als freie Autorin

Mal andersherum: Machen Dreck und Bakterien eigentlich gesund?

Forscher haben einmal Schmuddel-WGs mit Picobello-Haushalten verglichen. Und herausgefunden, dass es unter dem Gesundheitsaspekt keine Unterschiede gibt. Man kann also nicht sagen, dass mehr Schmutz im Haushalt gesund macht oder wenigstens das Immunsystem stärkt. Allerdings fanden die Wissenschaftler heraus, dass Kinder, die auf dem Land aufwachsen, und zwar ganz speziell auf traditionell geführten Bauernhöfen, besonders gegen Allergien gefeit sind. Zumal, wenn sie auch noch Rohmilch trinken. Unsere moderne, landwirtschaftsferne Lebensweise hat anscheinend diejenigen Keime übermäßig dezimiert, die uns guttun.

Sollten wir mehr also mehr Ferien auf dem Bauernhof machen?

Erika von Mutius, eine der führenden Forscherinnen auf diesem Gebiet, sagt: einmal Ferien auf dem Bauernhof wird nicht reichen. Was sie aber jetzt schon empfiehlt, ist, dass man Milch trinkt, die möglichst naturbelassen ist. Natürlich darf sie keine gefährlichen Erreger wie EHEC-Keime enthalten können. In einer holländischen Molkerei laufen gerade Versuche, eine Milch herzustellen, die das leistet, aber eben nicht ultrahocherhitzt und homogenisiert ist, die also das Gute der Rohmilch bewahrt. Das machen die Demeter-Betriebe im Prinzip jetzt schon. Auch wenn ihre Studie noch nicht abgeschlossen ist, empfiehlt die Forscherin, gerade für kleine Kinder, diese Art von Milch zu trinken.

Können wir von der Natur etwas lernen in puncto Sauberkeit?

Wo wir viel lernen können, das ist der Gesamthaushalt der Natur. Es gibt ja überall Schmutz: Asche, Bakterien, Parasiten, Gifte und so weiter. Aber die Natur wird damit fertig, weil sie im Lauf der Evolution Gegenstrategien entwickelt hat. Der Abfall des einen ist das Fressen des anderen, Produkte sind biologisch abbaubar, so ist eine Art Kreislaufwirtschaft entstanden. Wir Menschen dagegen sind der Ex-und-Hopp-Mentalität verfallen und haben viele Produkte in die Welt gebracht, die „unkaputtbar“ sind. Wir sind auf der einen Seite Waschzwangopfer, tun wahnsinnig viel, um alles sauber zu halten, und auf der anderen Seite sind wir wie Messies. Wir lassen zu, dass unsere Umwelt in einem Maß verschmutzt, das nicht mehr zuträglich ist.

Tipps von Hanne Tügel

"Wir sind völlig hysterisch, was die Hygiene anbelangt", sagt Hanne Tügel, die Autorin des Buches "Sind wir noch ganz sauber?". Dennoch gibt es ein paar wichtige Ratschläge, die wir beim Hausputz beherzigen sollten

Ist eine Lösung in Sicht?

Wir haben zwar bislang das große Ganze nicht im Blick. Aber ich glaube, da ändert sich gerade etwas. Der Große Pazifische Müllstrudel etwa oder das Plastik im Magen von Meereslebewesen und Seevögeln – das rüttelt die Leute auf. Ich habe die Hoffnung, dass nicht nur Plastikstrohhalme verboten werden, sondern dass wir das Thema Plastik ganz neu denken. Dass wir nicht nur die Produkte, sondern auch die Reste sehen. Jedes Jahr werden in Deutschland 1,8 Milliarden Coffe-to-go-Becher weggeworfen. Völlig unnötig – es gibt ja inzwischen Pfandsysteme.

Also auf Pfandbecher umsteigen und die Welt retten?

„Keine Schneeflocke in der Lawine wird sich je verantwortlich fühlen“ dieser Spruch, der angeblich vom französischen Philosophen Voltaire stammt, regt zum Nachdenken an. Wir sind keine Schneeflocken. Wir können vorausdenken, wir können auf die Politik Druck ausüben. FCKW wurde verboten – und das Ozonloch schließt sich wieder. Interessanterweise gibt es gerade in Ländern, in denen man das nicht erwartet, etwa in Afrika, inzwischen schon sehr rigide Anti-Plastikgesetze. Einfach weil sie dort merken, dass sie das Problem sonst nicht in den Griff bekommen.

Buchcover "Sind wir noch ganz sauber?"

Hanne Tügels Buch "Sind wir noch ganz sauber? Klüger mit Schmutz umgehen, gesünder leben, der Umwelt helfen" ist erschienen im Februar 2019, hat 288 Seiten und kostet 17,95 Euro