Psychologie Warum plündern wir nachts den Kühlschrank?

Sahnetorte, Fast Food und Co. werden oft Opfer nächtlicher Fressattacken. Warum eigentlich?
Kühlschrank

Wer spät schlemmt, muss mehr essen, um sein Belohnungssystem zu aktivieren

Wenn Sahnetorte und Schokopudding spätabends zum Verzehr auffordern oder man in der Nacht aufstehen muss, weil nicht nur die Blase, sondern auch der Kühlschrank um Entleerung bittet: Da könnte man fast meinen, wir hätten mehr Lust auf die süßen und fettigen Verlockungen, je später es wird – als würde es uns in der Dunkelheit mehr Spaß machen, lukullisch zu sündigen. Sieht ja keiner, aber zum Glück brennt auch nachts im Kühlschrank das Licht.

Um das genauer zu untersuchen, zeigte man Testteilnehmerinnen zu unterschiedlichen Tageszeiten zum einen Bilder von ungesunden Leckereien (Kekse, Kuchen, Kalorienbomben), zum anderen Aufnahmen von gesunden Lebensmitteln (Gemüse, Obst und Getreideprodukte, vermutlich allesamt glutenfrei).

Fragen Sie nicht, warum ausschließlich Frauen unter Verdacht standen und untersucht wurden, nächtens kalorisch zu sündigen. Ich unterstelle dem Studienleiter keinerlei chauvinistische Absicht.

Für die Studie präsentierte man die Lebensmittel erst morgens, dann abends und maß dabei im Hirnscanner die Aktivität der Belohnungsregionen in den Hirnen der Probandinnen. Wenig überraschend stellte man dabei zunächst fest: Unabhängig von der Tageszeit aktiviert der Anblick „ungesunder“ kalorienreicher Nahrung die Glücksareale im Gehirn stärker, als es gesunde Lebensmittel tun. Zumindest optisch sind Fast Food & Co. also im Vorteil und stimulieren die Hirnregionen, die uns Freude machen.

Nun könnte man vermuten, dass diese Belohnungszentren stärker anspringen, wenn man abends und nicht morgens leckere Kalorien sieht – worauf dann die nächtliche Heißhungerattacke folgt.

Das Belohnungssystem läuft abends schleppend

Doch tatsächlich scheint es genau andersherum zu sein! Denn im Hirnscanner zeigte sich, dass der Anblick einer Torte das Belohnungssystem der Testteilnehmerinnen abends nicht so sehr aktivierte wie morgens. Trotzdem gaben die Teilnehmerinnen abends zu Protokoll, noch Lust auf die Süßspeisen zu haben, obwohl sie eigentlich schon satt waren.

Was passiert also, wenn Sie nachts die letzte Kalorienbombe zünden? Ihre Lust auf einen Snack führt Sie zum Kühlschrank, wo die ungesunden Schokoladen und Torten Sie stärker ansprechen als etwa eine gesunde, aber saure Gurke. So weit wie immer.

Aber da die Belohnungsregion abends nicht so gut in die Gänge kommt, müssen die Esserinnen zu später Stunde offenbar deutlich mehr Süßes schlemmen als am Morgen, um denselben Glückseffekt zu erzielen!

Dies gilt, wie gesagt, zumindest für die untersuchten Frauen. Vielleicht hätten der Studie ein paar Männer ganz gutgetan. Allerdings hätte man den Probanden nicht nur Kekse und Kuchen, sondern auch Wurst, Chips und Bier präsentieren müssen. Alles natürlich streng im Namen von Wissenschaft und Fortschritt.

Masterson TD et al. (2016): Neural reactivity to visual food stimuli is reduced in some areas of the brain during evening hours compared to morning hours: an fMRI study in women. Brain Imaging Behav., 10(1):68–78