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Alle Jahre wieder Mit oder ohne Fleisch? So vermeiden Sie Streit über das Weihnachtsessen

Nicht für alle Menschen gehört ein Braten zum Fest dazu
Nicht für alle Menschen gehört ein Braten zum Fest dazu
© studio GDB/Adobe Stoc
Gans oder Seitan: Das Weihnachtsessen ist für viele Veganerinnen und Vegetarier ein heikler Punkt. Doch Streit darüber muss nicht sein

Stellen Sie sich mal folgende Situation vor: Die Familie ist zum Weihnachtsessen zusammengekommen, die Tafel glitzert im Kerzenschein, es duftet, die Stimmung steigt. Als der Festtagsbraten unter Ohs und Ahs hereingetragen wird, seufzt der Veganer in der Runde auf: "Schade um das Tier!" Und ergänzt, weil niemand etwas sagt: "Wisst ihr eigentlich, wie Gänse gemästet und getötet werden? Und wie viele Emissionen mit dem Fleischkonsum verbunden sind?" Alle sehen sich mit glänzenden Augen an, versprechen, ans Tierheim zu spenden und leben fortan vegan.

Irgendwas kommt Ihnen da komisch vor? Genau: Mit dem Schluss stimmt was nicht. Denn wer sich in einer festlichen Runde mit Omnivoren so verhält, muss mit Gegenwehr rechnen. Schließlich ist er oder sie drauf und dran, sich selbst und allen anderen das gemütliche Beisammensein zu versauen.

Wer es einmal versucht hat, weiß: Bei Tisch eine Diskussion über die Frage loszutreten, ob Menschen andere Tiere essen dürfen, ist keine gute Idee. (Dasselbe gilt auch für andere heikle Themen.) Schon gar nicht an Weihnachten, wenn die Erwartungen an das harmonische Miteinander ohnehin hoch gespannt sind und die Selbstbeherrschung auf die eine oder andere Belastungsprobe gestellt wird.

Augenrollen und genervte Abwehr, wenn nicht Streit, sind vorprogrammiert. Dabei gibt es eine verlässliche Korrelation zwischen der Höhe des erhobenen Zeigefingers und der Heftigkeit der Gegenwehr. Wer wird schon gerne bei der Moral gepackt?

Nun könnte man natürlich allen denkbaren Kontroversen aus dem Weg gehen und die Veranstaltung komplett boykottieren. Aber das wäre doch schade. Meistens wird die vernünftigste Lösung ein Kompromiss sein. Und idealerweise lassen sich mögliche Konflikte schon im Vorfeld aus dem Weg räumen.

Tipps für ein konfliktfreies Festessen:

  1. Klären Sie im Vorfeld mit allen, die mitfeiern, ob es möglich wäre, an diesem einen Abend auf Fleisch zu verzichten. Oder, wenn auswärts gefeiert wird, ein Restaurant auszuwählen, das auch vegetarische oder vegane Gerichte anbietet. Appellieren Sie an die Experimentierfreude der anderen und bieten Sie an, selbst etwas Vegetarisches oder Veganes für die ganze Runde zu kochen. Vor allem: Seien Sie nicht sauer, wenn beides abgelehnt wird.
  2. Niemand wird Sie zwingen, Fleisch oder Fisch zu essen. Wenn auf Ihrem Teller nicht nur Salzkartoffeln und Rotkohl landen sollen: Bringen Sie sich selbst etwas mit, worauf Sie Lust haben. Im günstigsten Fall schürt das auch noch die Neugier der anderen.
  3. Missionarischer Eifer ist nie unangebrachter als an Heiligabend. Ersparen Sie der Runde Ihre Ansichten zu den Gräueln der Tierindustrie und des Karnismus. Egal, wie Sie argumentieren: Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie an diesem Abend jemanden von den Vorteilen des Vegetarismus oder Veganismus überzeugen, tendiert gegen null. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie für miese Stimmung sorgen, dürfte dagegen zwischen 90 und 100 Prozent liegen.
  4. Der vielleicht schwerste Part: Lassen Sie sich nicht provozieren. Falls Sie mit Behauptungen konfrontiert werden, die vegane oder vegetarische Lebensweise sei nicht gesund oder in irgendeiner Weise umweltschädlich – bleiben Sie gelassen. Weisen Sie auf Punkt drei hin (diskutieren – immer gerne, aber nicht hier und jetzt). Und bieten Sie an, bei anderer Gelegenheit (am besten unter vier Augen) darauf zurückzukommen, wenn es ernsthaftes Interesse gibt.
  5. Auch wenn es am Tisch keinen Konsens über die Fleisch-Frage gibt: Würdigen Sie die Mühe, die sich die Gastgeberin oder der Gastgeber mit den Essensvorbereitungen gemacht hat. Auch gelungene Beilagen kann man loben.

Sich am Tisch angesichts des Elends in der Tierindustrie zurückzunehmen, ist nicht leicht. Ab es ist realistisch. Es bedeutet nicht, dass man seine Ideale verrät –, sondern dass einem das Beisammensein mit nahestehenden Menschen in diesem besonderen Moment wichtiger ist als Grundsatzdebatten, die man ohnehin nicht für sich entscheiden kann. Gelassen und authentisch bleiben ist die Zauberformel. Das stille Vorbild wirkt möglicherweise nachhaltiger als jedes Argument.

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