Logo GEO Wissen Gesundheit

Gesundheit „Nicht jeder Bluthochdruckpatient braucht Medikamente"

Bei Behandlungen ist stets abzuwägen zwischen Nutzen und Nebenwirkungen, sagt der Arzt Dr. Gunter Frank. Manchmal helfe schon Stressabbau durch mehr Bewegung
Dr. Gunter Frank

Bei Leiden wie Bluthochdruck, die in der Regel keine Notfälle sind und oft lange keine Symptome und damit auch keinen Leidensdruck erzeugen, sollte die medikamentöse Behandlung vom Patienten stets hinterfragt werdenDr. Gunther Frank Jahrgang 1963, Arzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren in Heidelberg, ist Autor des Buchs »Fragen Sie Ihren Arzt – aber richtig!«.

GEO WISSEN: Herr Dr. Frank, woran erkennt ein Patient einen kompetenten Mediziner?

Das ist selbst für den Fachmann schwierig. Aber einiges können Sie schon in Erfahrung bringen – wenn Sie die richtigen Fragen stellen.

Welche denn?

Eine der Fragen an den Arzt sollte sein: „Was geschieht, wenn ich als Patient eine Behandlung ablehne und gar nichts tue?“ Bei Leiden wie Bluthochdruck, die in der Regel keine Notfälle sind und oft lange keine Symptome und damit auch keinen Leidensdruck erzeugen, ist diese Frage enorm wichtig. Denn bevor sich der wahre Wert einer Therapie beurteilen lässt, sollte man einschätzen können, ob sie besser ist als ein natürlicher Verlauf. Oder besser als eine alleinige Verbesserung der Lebensumstände, wie beispielsweise Stressabbau durch mehr Bewegung.

Bluthochdruck kann allerdings langfristig zu einem Herz­ infarkt oder Schlaganfall führen.

Das stimmt, aber ein medikamentös zu niedrig eingestellter Blutdruck kann schon nach kurzer Zeit Schwindel verursachen und dürfte für so manchen Treppensturz oder Autounfall verantwortlich sein. Bei Weitem nicht jeder Bluthochdruckpatient braucht Medikamente. Manchmal wäre ein bisschen Bewegung und Entspannung gesünder.

Was, wenn eine Umstellung der Lebensgewohnheiten nicht genug ist, wenn medikamentös behandelt werden muss?

Dann müssen Arzt und Patient abwägen zwischen dem langfristigen Nutzen, aber auch den Nebenwirkungen. Inwie- fern tatsächlich Medikamente notwendig sind, hängt auch von Vorerkrankungen und familiären Veranlagungen ab. Man sollte entsprechend über das Nutzen-Risiko-Verhältnis Bescheid wissen. Also etwa: Welche Nachteile kann die Einnahme bestimmter blutdrucksenkender Medikamente haben? Und: Gibt es Studien über den Nutzen der vor- geschlagenen Methode?

Kommt es nicht auf den Einzelfall an?

Natürlich, die individuelle Situation des Patienten ist entscheidend. Dennoch sollte der Arzt die Datenlage über die Wirksamkeit von Therapien kennen, erst dann ist er in der Lage, anhand seiner Erfahrung und der Situation des Patienten eine fundierte Empfehlung abzugeben.

Wenn ein Arzt meine Fragen nach den Erfolgsquoten und Risiken einer Behandlung nicht beantworten kann oder will, sollte ich mir dann einen anderen suchen?

Das kommt darauf an, wie er sich verhält. Wenn er sagt, er mache sich kundig, dann wäre das eine gute Reaktion. Tut er aber die Frage ab – nach dem Motto: „Lassen Sie die Behandlung meine Sorge sein, ich weiß, was das Beste für Sie ist“ –, wird es problematisch.

Gibt es noch andere Faktoren, die mich als Patienten skep­ tisch machen sollten?

Wenn ein Arzt, während er mit Ihnen spricht, ständig auf den Computerbildschirm schaut und etwas eintippt. Wenn er sich nicht die Mühe macht, den Sinn und den Ablauf von Diagnose- und Behandlungsmethoden zu erklären. Wenn er Sie nicht zu Wort kommen lässt und ungeduldig wirkt.

Gibt es eine Mindestlänge für ein gutes Gespräch?

Nein, es geht nicht um die absolute Länge in Minuten, sondern darum, ob alles ausreichend besprochen wurde.

Was kann ein Patient falsch machen?

Er sollte den Arzt nicht mit jeder abwegigen Behandlungsmöglichkeit konfrontieren, über die er womöglich im Internet etwas gelesen hat. Manchmal wiederum willigen Patienten zu schnell in Therapien ein. Man darf jedoch eine Zustimmung jederzeit widerrufen und eine Klärung offener Fragen verlangen. Grundsätzlich hat ein gut informierter Patient, der Entscheidungen gemeinsam mit dem Arzt treffen möchte, beste Chancen, die für ihn richtige Behandlung zu erhalten. Er sollte allerdings wissen, dass seine Persönlichkeit für sein Handeln eine wichtige Rolle spielt.

Inwiefern?

Es gibt Menschen, die getrauen sich nicht nachzuhaken. Andere sind zu impulsiv und möchten jede neue Therapie, die mit unrealistischen Heilsversprechen angeboten wird. Man kann jedoch lernen, auch unter Druck hochwertige Informationen einzufordern. Eines erscheint mir sicher: Wenn es in einem Arzt-Patienten-Gespräch gelingt, das aktuelle Wissen verständlich und objektiv zu besprechen, ist in vielen Fällen die Nichtbehandlung etwa eines leicht erhöhten Blutdrucks eine vernünftige Option. Gute Medizin bedeutet auch, manche Wege aus guten Gründen nicht einzuschlagen.

Verraten wir nicht
Wissenstest
Anatomie-Quiz: Erkennen Sie die Organe des Menschen?
Wo liegt eigentlich die Bauchspeicheldrüse? Und wie sieht die Milz aus? Testen Sie Ihr Wissen im Anatomie-Quiz!
Zur Startseite
GEO Wissen Gesundheit Nr. 11 - Das Herz
GEO Wissen Gesundheit Nr. 11
Das Herz
Mehr zu dieser Ausgabe