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JFKs Amtseinführung Die Kennedy-Show: So lief der Kampf ums Weiße Haus vor 60 Jahren

John F. Kennedy und Jackie
John F. Kennedy und seine glamouröse Frau Jacqueline bei einem Wahlkampfauftritt in New York. "Jackie zieht mehr Leute an als ich", raunt der Kandidat Helfern zu
© NY Daily News via Getty Images
Mit Joe Biden wird am heutigen Mittwoch erst zum zweiten Mal in der Geschichte ein Katholik als Präsident ins Weiße Haus einziehen. Der erste war John F. Kennedy – der auf den Tag genau vor 60 Jahren im Amt vereidigt wurde. Ein Rückblick

Richard Nixon trifft als Erster ein. Noch vor John F. Kennedy. Schwungvoll steigt er aus seiner Limousine - und schlägt sich das Knie an der Wagentür an. Ausgerechnet sein verletztes Knie, das ihn Ende August, mitten im heißen Wahlkampf, für zwölf Tage ins Krankenhaus gezwungen hat. Es schmerzt, ganz offensichtlich. Ohnehin sieht Nixon blass aus und abgemagert seit dem Klinikaufenthalt. Er hat Fieber. Nun weicht für einen Moment jede Farbe aus seinem Gesicht.

Was für ein Auftakt zu einer Premiere, einem Ereignis, wie es das Land noch nicht erlebt hat. Eine TV-Revolution steht bevor: das erste direkte Rededuell zweier Präsidentschaftskandidaten - live übertragen. Im Studio Eins des Fernsehsenders CBS in Chicago trifft Richard Nixon, der Vizepräsident der USA und Kandidat der Republikaner, am 26. September 1960 auf den jungen Senator John F. Kennedy. In sechs Wochen werden die Amerikaner ihren neuen Präsidenten wählen.

Nixon bewahrt Haltung. Sieht sich das Studio an, eine umgebaute Eislaufhalle. Setzt sich für eine Probeaufnahme auf die Bühne. Er plaudert ein wenig mit Don Hewitt, dem Produzenten der Sendung, und scherzt mit den Fotografen, die ihn umtänzeln. Small Talk eben. So vergeht eine Viertelstunde.

Dann kommt Kennedy. Groß und schlank ist er, sein Gesicht wie immer sonnengebräunt. Wenn er lacht, und das tut er gern, schimmern seine Zähne hell. Er trägt einen perfekt sitzenden dunklen Anzug. An den Ärmeln sind die Manschetten seines weißen Hemdes ein Stück weit zu sehen, genau so, wie es sein muss. Aus der Brusttasche blitzt ein weißes Ziertuch hervor.

Don Hewitt wird später sagen: "Er sah aus wie ein junger Adonis." Die Fotografen stürmen auf ihn zu, Nixon lassen sie einfach stehen. Den Vizepräsidenten. Das ist der Moment, so erinnert sich der genaue Beobachter Hewitt später, an dem der immer wieder von Launen geplagte Nixon vermutlich sein Selbstvertrauen verliert für diesen Abend.

Im Studio fragt Hewitt die Kontrahenten, ob sie Make-up brauchen. Kennedy winkt lässig ab. Nixon will sich offenbar keine Blöße geben und verneint ebenfalls, obwohl er es nach Einschätzung des Fernsehprofis Hewitt dringend nötig hätte; nicht nur wegen seiner ungesund fahlen Gesichtsfarbe.

Nixon hat einen starken Bartwuchs, stets liegt ein grauer Schatten auf Wangen und Kinn. Das sehen seine Mitarbeiter natürlich auch und tragen ihrem Chef hastig noch hellen Puder auf, "Lazy Shave", um die Bartstoppeln zumindest etwas abzudecken.

Kennedy aber lässt sich in seiner Garderobe hinter verschlossenen Türen professionell schminken - von eigenen Leuten und unbemerkt von seinem Rivalen. Rasch wechselt er auch noch das Hemd, streift ein hellblaues über. Eilends hatte er es aus seinem Hotel kommen lassen, weil sein weißes Hemd im Scheinwerferlicht zu sehr glänzt. Kein Fehler soll ihm unterlaufen. Nicht bei dieser ersten von vier Debatten, die er seinem Kontrahenten abgetrotzt hat.

Die TV-Debatte ist für Kennedy eine einmalige Gelegenheit - Höhepunkt des Wahlkampfs 1960

Nixon hatte dem Duell nicht sofort zugestimmt, weil er Kennedys Kalkül durchschaute. Ihn kennen die Amerikaner schließlich. Fast acht Jahre hat er unter Dwight D. Eisenhower gedient.

Kennedy dagegen, den Junior-Senator aus Massachusetts, werden viele erst an diesem Abend bewusst erleben. Jeder gemeinsame TV-Auftritt macht nicht Nixon bekannter, den zweiten Mann im Staat, sondern Kennedy, den 43-jährigen Newcomer. Selbst Eisenhower rät seinem Stellvertreter: "Bau Kennedy nicht auf." Aber Nixon fürchtet, als Drückeberger dazustehen, sollte er das TV-Duell ablehnen.

Kennedy weiß, dass diese Debatte eine einmalige Gelegenheit ist. Denn noch ist für viele Amerikaner eine Frage unbeantwortet, die entscheidende: Hat der junge Mann das Zeug zum Präsidenten? An diesem Abend soll er es beweisen, 60 Minuten lang. Kennedy sitzt links auf der Bühne, die Beine lässig übereinandergeschlagen.

TV Duell zwischen Kennedy und Nixon
Es ist eine TV-Revolution: Am 26. September 1960 verfolgen 70 Millionen Zuschauer das erste Rededuell zwischen Kennedy und seinem Konkurrenten Richard Nixon. Ein Triumph für den Mann aus Massachusetts: Während Nixon bisweilen abgespannt und ängstlich wirkt, tritt Kennedy dynamisch und souverän auf, seine Umfragewerte steigen merklich an
© CBS Photo Archive/Getty Images

Sein dunkler Anzug hebt sich auf dem Fernsehbild deutlich vom grauen Hintergrund des Studios ab. In der Mitte hat der CBS-Moderator Howard Smith hinter einem schmalen Pult seinen Platz eingenommen. Nixon sitzt rechts.

Er trägt einen hellgrauen Anzug, eine unglückliche Wahl. Seine Mitarbeiter haben die ebenfalls graue Studiowand tagsüber mehrmals überpinseln lassen. Dennoch ist Nixons Anzug auf den Schwarz-Weiß-Bildschirmen vom Hintergrund kaum zu unterscheiden. Aber nun gibt es kein Zurück mehr. Es ist 20.30 Uhr. Das Duell beginnt. Und 70 Millionen Menschen schauen zu. Es ist der Höhepunkt des Präsidentschaftswahlkampfs 1960.

Im Wahlkampf wird Kennedy zum Polit-Star

Gehofft auf einen solchen Moment hat John F. Kennedy spätestens seit 1956. Damals hatte er sich dem demokratischen Präsidentschaftsbewerber Adlai Stevenson als Kandidat für die Vizepräsidentschaft angedient. Stevenson war von dem Mann aus Massachusetts nicht überzeugt, und der Nominierungsparteitag entschied sich für Senator Estes Kefauver; in der Kampfabstimmung unterlag Kennedy aber nur knapp.

Im Nachhinein war der Misserfolg ein Gück: Denn so konnte er für Stevensons Niederlage nicht mitverantwortlich gemacht werden, als Dwight D. Eisenhower in einem Erdrutschsieg wiedergewählt wurde. Vier Jahre später wird Eisenhower nicht wieder antreten können - der Kongress hat die Amtszeit eines US-Präsidenten schon 1947 auf zwei Wahlperioden begrenzt.

Kennedy sieht seine Chance. Und er nutzt sie. Minutiös bereitet er den Wahlkampf vor. Er bereist alle 50 US-Bundesstaaten, kauft Mitte 1959 ein Flugzeug, eine 44-sitzige Convair, und tauft es "Caroline", seiner kleinen Tochter zu Ehren. Sein Vater Joseph spendet 385.000 Dollar dafür. Mit der Turboprop-Maschine ist Kennedy unabhängig und schnell. Nie mehr muss er in den Lounges der Fluggesellschaften warten.

In den Umfragen liegt er bald vor allen denkbaren Konkurrenten unter den Demokraten. Sein jugendlicher Charme und seine Schlagfertigkeit machen ihn zum gefragtesten Redner der Partei. Allein 1959 erhält er 10.000 Einladungen.

Rastlos ist er unterwegs. Im Herbst 1959 besucht er in knapp neun Wochen die US-Staaten Indiana, West Virginia, Nebraska, Louisiana, Oregon, Illinois, Kalifornien, Wisconsin, Oklahoma, Delaware, Kansas, Iowa und Colorado. Am Ende hat er in seinem Register 29.000 Namen von einflussreichen Parteigängern.

Im TV stellt er sich Fragen wie: "Glauben Sie, dass ein Katholik zum Präsidenten gewählt werden kann?" Der Kandidat schart einen Kreis junger und alerter Berater um sich, mietet in Washington eine Bürosuite in der Nähe des Kapitols. Die Telefonistinnen melden sich mit den Worten: "Kennedy for President". Eine unglaubliche Wahlkampf-Maschinerie entsteht - modern, effizient, strukturiert.

Kennedy wird zum Polit-Star. Im Senat rückt er in den Auswärtigen Ausschuss auf, ein klarer Prestigegewinn. Für seinen Bestseller "Zivilcourage", in dem er den politischen Mut von acht Senatskollegen preist, erhält er den Pulitzer-Preis. Er ist erst der zweite US-Senator, dem diese renommierte Buchauszeichnung verliehen wird. Sie trägt ihm die Aura eines intellektuellen Politikers ein - eines Mannes, der etwas anders ist als der Durchschnitt in Washington.

Er kommt auf den Titel des Nachrichtenmagazins "Time" - angeblich hat die Zeitschrift dafür von Vater Kennedy 75.000 Dollar erhalten. Auch beim Pulitzer- Preis soll der alte Joseph P. Kennedy die Finger im Spiel gehabt haben. JFK ist jetzt eine Größe in der US-Politik: jugendlich frisch, dynamisch, erfolgreich.

In der eigenen Partei trifft Kennedy auch auf harte Widersacher

Geliebt und verehrt, besonders von jungen Menschen. Verachtet, gehasst aber von vielen der alten Garde, gerade in seiner eigenen Partei, den Demokraten. Kennedy macht sich keine Illusionen: Etliche Parteiobere wollen ihn nicht, den Aufsteiger. Der alte Sam Rayburn, mächtiger Vormann des Repräsentantenhauses, lehnt ihn vehement ab, nennt ihn eine "Pisser-Ameise".

Und für Rayburns texanischen Landsmann Lyndon B. Johnson, den Fraktions- Chef der Demokraten im Senat, der selbst auf die Präsidentschaftskandidatur spekuliert, ist Kennedy ein "Leichtgewicht" , das "Jungchen".

Einen starken Landesverband hat der Mann aus Massachusetts ebenfalls nicht im Rücken - eine Hausmacht also, die ihm ein Polster an Delegiertenstimmen verschaffen würde beim Parteitag im Sommer 1960 in Los Angeles, auf dem die Demokraten ihren Präsidentschaftskandidaten bestimmen. Massachusetts hat da nicht so viel Einfluss wie etwa New York oder Kalifornien.

Ihm und seinen Beratern ist klar: Er muss im Frühjahr 1960 bei den wichtigsten der 16 Vorwahlen antreten. Und wo immer er sich zur Wahl stellt, muss er gewinnen, um der Partei zu beweisen, dass es ohne ihn nicht geht. Am 2. Januar 1960 verkündet John F. Kennedy, dass er sich ums Weiße Haus bemüht.

Kurz darauf reist er nach Wisconsin, den Bundesstaat nordwestlich von Chicago. Dort findet die erste wirklich wichtige Vorwahl für ihn statt. In New Hampshire in Neuengland, dem Ort der ersten Vorwahl, hat er als Senator aus dem Nachbarstaat Massachusetts ohnehin eine sehr gute Chance.

Wisconsin also ist der erste wahre Test. Geld spielt für Kennedy keine Rolle. Er gibt vermutlich allein für Büromieten und Broschüren mehr aus als sein Konkurrent Hubert Humphrey, der populäre linke Senator, für den ganzen Wahlkampf dort.

Kennedys Meinungsforscher um Louis Harris messen mitunter täglich den Puls der Wähler. Überprüfen die Daten auf kleinste Stimmungsumschwünge. Kennedy gründet Büros in acht von zehn Wahlbezirken, alle mit bezahltem Personal besetzt. Sein Rivale dagegen hat gerade einmal zwei Büros, die meist Freiwillige mühsam offen halten.

Beim Wahlkampf unterstützt die ganze Familie - vor allem Bruder Robert

Kennedy ist allgegenwärtig. Noch ehe der Vorwahlkampf im Januar 1960 überhaupt beginnt, hat er Wisconsin bereits 16-mal besucht. Humphrey rumpelt mit einem klapprigen Bus durch die winterliche Landschaft. Zu allem Überfluss ist in dem Gefährt auch noch die Heizung defekt. Kennedy schwebt dagegen mit seiner Convair von Termin zu Termin.

Humphrey reiht sich in Streikposten ein und singt: "Auf ewig Solidarität". Kennedy lässt singen. Sein Freund Frank Sinatra nimmt eigens für ihn eine swingende Wahlkampfhymne auf: "High Hopes" - "Große Hoffnungen".

Doch es ist nicht allein die Macht des Geldes und die kühle Präzision von Kennedys Organisation. Der Kandidat fordert sich selbst bis zum Äußersten. Stapft bei Eis und Schnee durch die Dörfer Wisconsins. Einmal stellt er sich einem Fremden mit den Worten vor: "Ich bin John Kennedy, und ich möchte Präsident werden." Der Mann antwortet nur barsch: "Präsident von was?"

Kennedy bleibt unverdrossen. Nichts kommt ihm zu unsinnig vor, für nichts ist er sich zu schade. Und seien es Schläge unter die Gürtellinie: In Wisconsin jedenfalls kommen Gerüchte auf, der dubiose Gewerkschaftsboss Jimmy Hoffa gewähre Humphreys finanzschwacher Kampagne Geldspritzen - Kennedys Truppe verbreitet das üble Gerede nach Kräften.

Alles ist Teil eines großes Plans, der zum Wahlsieg in Wisconsin führen soll, zum Gewinn der Kandidatur auf dem Parteitag in Los Angeles und schließlich zum Einzug ins Weiße Haus.

Wie in all seinen Wahlkämpfen seit 1946 hilft die ganze Familie - vor allem Robert, sein acht Jahre jüngerer Bruder. Er ist der Wahlkampfmanager, ihm vertraut Jack blind. Bobby ist sein engster Berater und organisiert alles, damit der Bruder den Kopf frei hat für seine Auftritte. Vier Jahre zuvor hat er Adlai Stevenson im Wahlkampf begleitet. Sich Hefte voller Notizen gemacht - um zu lernen, wie man es nicht machen sollte.

Auch Kennedys Schwestern werben. Bitten Damen zum Tee und laden zu Hauspartys ein. Der jüngste Kennedy, Edward, ist in den Rocky-Mountains-Staaten unterwegs. Gewinnt Stimmen für seinen Bruder, weil er sich beim Rodeo fünf Sekunden auf einem Pferd hält. Einmal landet er mit seiner kleinen Maschine mitten auf einer Landstraße, weil der örtliche Flughafen im Nebel liegt. So etwas kommt gut an im Westen.

Selbst die Schwager sind fest eingeplant. Stephen Smith, der Mann von Jacks Schwester Jean, überwacht die Finanzen der Wahlkampagne. Auch Sargent Shriver, der Gatte von Eunice, hilft aus, ebenso der Hollywood- Schauspieler Peter Lawford, der Patricia Kennedy geheiratet hat und zu den Freunden Frank Sinatras gehört.

Vor allem aber ist Jacqueline in Wisconsin dabei, JFKs Frau. Immer lächelnd, begeistert sie die Menschen. Gemeinsam mit ihrem Mann verschickt sie aufwendig gedruckte Einladungen zu Empfängen in den Ballsälen der örtlichen Hotels. Beeindruckt mit ihrer modischen, aber schlichten Garderobe. Spricht mit Eisenbahnern in der Mittagspause, plaudert mit Hausfrauen, verteilt Autoaufkleber.

Sie bezaubert selbst Hubert Humphrey. "Mit ihrer fragilen Schönheit", notiert JFKs Konkurrent, "betört und umgarnt sie Männer und Frauen und Kinder in einer fast mystischen Weise." Oft machen Jack und Jackie gemeinsam Wahlkampf: Jeder geht eine Straßenseite entlang, um Hände zu schütteln. Und genauso oft raunt Kennedy seinen Helfern zu: "Jackie zieht mehr Leute an als ich - mal wieder."

Die Kennedys überlassen nichts dem Zufall

Das alles wird der amerikanischen Öffentlichkeit nicht vorenthalten. Dafür sorgt Kennedy. Er weiß, wie man die Presse füttert. Die mitreisenden Reporter bekommen Drinks und heiße Mahlzeiten serviert - sowie zitierfähige Pressemitteilungen. Mehr braucht es gar nicht, um sicherzugehen, dass berichtet wird. Die Artikel über seine Kampagne sind zumeist überschwänglich.

So wird es den gesamten Wahlkampf über bleiben. Der "New Yorker", das Blatt der intellektuellen Elite, schwärmt: "Er hat eine außerordentliche politische Intelligenz." Im April 1960 siegt John F. Kennedy in Wisconsin. Einen Monat später gewinnt er haushoch die Vorwahl in West Virginia. Im Grunde ist ihm die Kandidatur nicht mehr zu nehmen. Nur hat seine Partei das noch nicht begriffen.

Bis dahin haben die obersten Führer der Demokraten während der Nominierungsparteitage oft in Hinterzimmern abgesprochen, wen sie in den Präsidentschaftswahlkampf schicken wollen. Das wird sich nun ändern. 3000 Anhänger begrüßen Kennedy frenetisch, als er am 9. Juli 1960 am Flughafen von Los Angeles eintrifft. Da hat er aus den Vorwahlen bereits 600 Delegiertenstimmen sicher. 761 braucht er.

Tags darauf verkündet Chicagos Bürgermeister Richard Daley, dass 59,5 der 69 Delegiertenstimmen von Illinois an Kennedy gehen. Pennsylvania fällt als Nächstes an ihn - weitere 64 Stimmen. Am Morgen der Abstimmung liegt John F. Kennedy nach Zählung seines Bruders Bobby bei 739,5 Stimmen - nur 21,5 fehlen noch zum Sieg.

Wieder überlassen die Brüder nichts dem Zufall. Damit ihre Delegierten auch alle bei der Stange bleiben, haben sie 40 Betreuer organisiert, "Delegierten-Hirten" genannt. Alle sind mit Karteikarten versorgt, auf denen der Beruf der Abgesandten, die sie im Auge behalten sollen, vermerkt ist, die Konfession, der Name der Ehefrau, die Zahl der Kinder, die Hobbys und - für alle Fälle - persönliche Vorlieben.

Stündlich geben die Stimmenhüter den letzten Stand in die Zentrale durch, manche per Walkie-Talkie. Sobald es Anzeichen gibt, dass ein Delegierter wankelmütig werden könnte, eilt Bobby in die Sportarena, wo die Abgesandten tagen. Es ist ein eingespieltes Ritual: Während er auf den Zweifler einredet, werden beide sofort von einem halben Dutzend seiner Leute umringt, damit niemand mithört.

Kennedys Leute fahren Delegierte nach Las Vegas oder chauffieren sie quer durch Los Angeles zu Bars und Restaurants. Schwager Peter Lawford und dessen Freund Frank Sinatra laden zu Partys, auf denen die Stimmberechtigten sich unter Hollywood-Stars mischen. Norman Mailer, der wilde, junge Romancier, merkt an, dass Kennedy selber auf die Delegierten wie einer "der ganz großen Filmstars" wirke.

Die entscheidende Abstimmung verläuft knapp. Mit den Stimmen der Delegation von Wyoming, dem letzten der in alphabetischer Reihenfolge aufgerufenen Bundesstaaten, erringt Kennedy am 13. Juli 1960 bereits im ersten Wahlgang die Mehrheit.

Er ist der Kandidat der Demokraten.

JFK
John F. Kennedy, hier bei seiner Antrittsrede am 20. Januar 1961, erhält nur knapp 120.000 Stimmen mehr als Nixon
© mauritius images / TopFoto

Die Präzision der Operation überrumpelt selbst die alten Strippenzieher in der Partei. So hatte etwa Lyndon B. Johnson gehofft, den Zuschlag zu bekommen, sollte sich ein Kandidat nicht im ersten Wahlgang durchsetzen. Doch der kühlen Gründlichkeit der Kennedys hatte der Texaner nichts entgegenzusetzen. Ein Junior-Senator hat ihn, den Chef der Senatsfraktion, der alle Tricks im Washingtoner Geschäft beherrscht, die Schmeicheleien, die Drohungen, die Versprechungen, die Bluffs, schlicht ausgespielt.

Aber Johnson ist Realist. Und so rechnet er sich aus, dass Kennedy ihn, den Südstaatler, brauchen wird. Vielleicht schickt er dem gerade gewählten Kandidaten eben deshalb noch in der Nacht ein warmherziges Glückwunschtelegramm. Am Morgen nach der Abstimmung klingelt John F. Kennedy ihn tatsächlich aus dem Bett und bietet ihm die Vizepräsidentschaftskandidatur an.

Es ist ein weiterer, kühl kalkulierter Schachzug: Kennedy sichert sich so die Unterstützung konservativer Demokraten im Süden, die nicht viel mit ihren liberalen Parteifreunden aus dem Norden anfangen können - und schon gar nichts mit dem jungen Senator von der Ostküste.

Die Linken in der Partei heulen auf, als die Nachricht von dem Angebot durchsickert. Doch in Bobbys Hotelsuite gehen Helfer bereits die Bundesstaaten durch: Der Süden und die Ostküste addiert - wie viele Staaten muss man dann noch gewinnen für den Einzug ins Weiße Haus?

Vor 80.000 Menschen nimmt Kennedy am 15. Juli 1960 im Sportstadion von Los Angeles die Nominierung offiziell an. 35 Millionen Amerikaner verfolgen den Auftritt im Fernsehen.

Zum ersten Mal spricht er von der "New Frontier", von den "Hoffnungen und Bedrohungen", von den Herausforderungen der gerade anbrechenden 1960er Jahre. "Die Zeit für eine neue Führungsgeneration ist gekommen - für neue Männer, die sich neuen Problemen und neuen Chancen stellen." Es ist nicht seine beste Rede. Seine Stimme, hoch und heiser, hallt im Oval der Arena wider. Die Scheinwerfer ziehen Insekten an, er verschluckt beim Sprechen ein oder zwei Tiere.

Aber seine Botschaft kommt an: Kennedy verkörpert den Beginn einer neuen Ära. Den Generationenwechsel.

John F. Kennedy inszeniert sich als Mann des Wandels

Aufbruchstimmung umgibt nun den Wahlkampf. Kennedy spricht das optimistische Lebensgefühl seines Landes an. Er trifft den Zeitgeist. Die Eisenhower-Ära waren gute Jahre. Aber eine allgemeine Rastlosigkeit hat viele Amerikaner erfasst.

Sie sind bereit, nach all den Vaterfiguren, die sie ins Weiße Haus gewählt haben - Roosevelt, Truman, Eisenhower -, nun ein Experiment zu wagen.

John F. Kennedy und seine jungen Berater begreifen dies und richten ihre Strategie entsprechend aus. "Es ist an der Zeit, dieses Land wieder in Bewegung zu bringen", wiederholt der Kandidat ohne Unterlass. Es wird das Grundmotiv seines Wahlkampfs. Kennedy, der Mann des Wandels: Darum gruppiert er seine Themen.

Die Gesundheitsversorgung der Senioren im Land zum Beispiel. Immer mehr ältere Amerikaner verlieren zu jener Zeit ihr Haus und ihre Ersparnisse, weil sie Arzt- und Krankenhausrechnungen nicht bezahlen können. Warum also nicht eine staatliche Krankenversicherung für Rentner schaffen? Kennedys Vorschlag ist hochpopulär.

Oder seine Bildungsinitiative: Die Schulen ächzen unter dem Ansturm der Babyboom-Generation. Und viele junge Leute können sich die College-Gebühren nicht leisten. Kennedy schlägt Bundeshilfen für Schulen und staatliche Kredite für Studenten vor. Das kommt an, gerade in den Vororten der Städte, wo die Familien mit Kindern wohnen.

Und die Bürgerrechte. Kennedy macht Front gegen die Rassendiskriminierung, gegen die Eisenhower nur halbherzig vorgegangen ist. Damit will sich der Kandidat die Stimmen der Afroamerikaner und der liberalen Demokraten vor allem im Norden der USA sichern. Überall sieht Kennedy Stagnation.

Auch in der Wirtschaft: Zwei Rezessionen musste Amerika unter Eisenhower verkraften. Und nun, seit April 1960, befindet sich die Wirtschaft schon wieder auf Talfahrt.

Geradezu lebensgefährliche Untätigkeit macht er auch in der Außen- und Sicherheitspolitik aus: Laut beklagt Kennedy das Tempo der sowjetischen Nuklearaufrüstung bei gleichzeitigen Einschnitten im US-Verteidigungshaushalt. Hat auch eine griffige Formel für den angeblichen Rückstand: die "Raketen- Lücke".

Es ist die hohe Zeit des Kalten Krieges. Im Herbst wird der Sowjetführer Nikita Chruschtschow in der UN-Vollversammlung mit dem Schuh auf sein Pult schlagen und kurz darauf dem Westen zurufen: "Wir werden euch beerdigen." Und so sind Kennedys Parolen wahltaktisch raffiniert, denn er präsentiert sich als Vertreter einer knallharten Sicherheitspolitik, stählerner noch als der Weltkriegsheld Eisenhower.

Kennedy begeistert die Menschen. In Scharen pilgern sie zu seinen Kundgebungen. Doch in Umfragen liegen Richard Nixon und er abwechselnd vorn. Zu Beginn der heißen Phase des Wahlkampfs Anfang August 1960 fällt er sogar hinter den Republikaner zurück.

Die Umfragen offenbaren zwei Schwächen: Auf viele wirkt er zu jung, einfach unreif. Und er ist katholisch, was in den protestantisch geprägten USA noch immer ein Hindernis ist.

Die "verdammte Religionsfrage", wie Kennedy sie nennt, hat ihn schon den ganzen Wahlkampf über geplagt. Sie spaltet Amerika - und ist ein Trauma für seine Partei. Drei Jahrzehnte zuvor haben es die Demokraten schon einmal gewagt, einen Katholiken als Bewerber für das Weiße Haus zu nominieren.

Das Experiment endete im Desaster: Al Smith ging bei der Wahl 1928 unter. Und jetzt zieht Norman Peale, ein prominenter evangelischer Prediger, öffentlich Kennedys Befähigung für das höchste Amt in Zweifel: Er würde als Präsident "Amerikas Außenpolitik in Übereinstimmung mit den Interessen des Vatikans bringen", sagt der Pastor.

Kennedy schlägt zurück. Am 12. September 1960 stellt er sich in Houston einer Befragung von nicht weniger als 300 Geistlichen. Geschickt appelliert er an den Sinn seiner Landsleute für Toleranz: "Wenn diese Wahl auf der Grundlage entschieden werden sollte, dass 40 Millionen Amerikaner ihre Chance, Präsident zu werden, an dem Tag verloren haben, an dem sie getauft wurden, dann wird die ganze Nation verlieren." Selbst die skeptischen Baptisten-Prediger klatschen nach seiner Rede Beifall.

Es ist ein Prestige-Erfolg erster Güte. Das Murren aber nimmt kein Ende. 360 verschiedene antikatholische Traktate werden an mehr als 20 Millionen Haushalte quer durch die USA verteilt. Noch ist offen, ob Kennedys Glaube ihm am Ende nicht doch den Weg ins Weiße Haus versperrt.

Die andere Schwäche begleitet ihn schon, solange er Politik macht: Er gilt als Playboy, der lieber mit schönen Frauen ausgeht, statt Akten zu studieren. Und tatsächlich hat er sich in fast 14 Jahren im Kongress nicht als Initiator wichtiger Gesetze hervorgetan. Sein Kontrahent Nixon wirkt ungleich reifer und erfahrener. Vielleicht hilft auch der Amtsbonus des Vizepräsidenten. Dabei trennen Kennedy von Nixon nur vier Jahre.

Wie auch immer: Der Neue muss beweisen, dass er für das Amt genauso tauglich ist wie der Republikaner. Das Fernsehen soll ihm helfen, die Zweifel aus der Welt zu schaffen - mit einem direkten Vergleich der Kontrahenten.

Als die großen TV-Sender eine Reihe live übertragener Debatten vorschlagen, nimmt Kennedy sofort an. Er weiß, dass er so ungleich mehr Menschen erreichen kann als mit jeder Wahlkampfveranstaltung. Denn inzwischen besitzen 88 Prozent aller Haushalte in den USA ein TV-Gerät. Vier Debatten vereinbaren die Kandidaten. Die erste findet bei CBS in Chicago am 26. September statt.

Im TV entscheiden die Bilder - das hat Kennedy besser begriffen als Nixon

Es ist drückend in Studio Eins, als die Kameras auf Sendung gehen. Kennedy geht sofort in die Offensive. Statt in seinem Eingangsstatement wie vereinbart vor allem über die Innenpolitik zu reden, spricht er von der äußeren Bedrohung durch die Sowjetunion und davon, dass die USA darauf nicht richtig reagieren.

Und endet mit dem Grundmotiv seines Wahlkampfs: "Es ist an der Zeit, dass Amerika wieder in Bewegung kommt." Nixon reagiert irritiert. Ist sogleich in der Defensive. Er gibt seinem Kontrahenten sogar recht: "Ich stimme voll und ganz der Haltung zu, die Senator Kennedy heute Abend zum Ausdruck bringt, der Haltung, dass die Vereinigten Staaten vorankommen müssen." Besser kann es für Kennedy kaum beginnen.

Nixon verteidigt die Eisenhower-Jahre. Er kann Zahlen vorweisen, hat Statistiken parat. Unter dem republikanischen Präsidenten wurden mehr Schulen, Krankenhäuser und Wasserkraftwerke gebaut als zuvor in der Präsidentschaft des Demokraten Truman. Das Bruttosozialprodukt ist um 19 Prozent gestiegen, die Inflation aber gesunken.

Im Studio sitzen keine Zuschauer, nur vier TV-Reporter, die Fragen stellen. Und so wendet sich Nixon an die Männer im Fernsehstudio oder an seinen Kontrahenten. Redet, als müsse er sie - wie einst die Jury beim Debattierwettbewerb im College - mit seiner kunstvollen Argumentation beeindrucken. Die eigentliche Jury aber sitzt in den Wohnzimmern Amerikas. Und dort haben die Zuschauer das Gefühl, dass Nixon über ihre Köpfe hinwegredet.

Auch Kennedy gibt sich keine Blöße bei den Fakten. Seine Leute haben umfangreiche Dossiers zusammengestellt (das über seinen Kontrahenten nennen sie "Nixopedia"). Drei Vertraute haben tagsüber im Hotel Karteikarten mit allen nur denkbaren Fragen und Antworten vorbereitet. Kennedy hat, in T-Shirt und Boxershorts auf dem Bett liegend, die Formulierungen in einem schnellen Schlagabtausch einstudiert. Jetzt redet er völlig frei - und entspannt.

Worte sind zweifellos wichtig in einer Debatte, doch im TV entscheiden letztlich die Bilder. Das hat John F. Kennedy längst begriffen: Es geht um die Wirkung auf dem TV-Schirm. Darum, wer von beiden wie ein Präsident auftritt. Kennedy hat stets Gestik und Mimik unter Kontrolle, erscheint ruhig, locker, souverän. Selbst in den Momenten, in denen seine Reaktionen auf die Äußerungen des Gegners eingefangen werden, gibt er sich keine Blöße.

Ganz anders Nixon. Seine Körpersprache ist verheerend. Unruhig rutscht er in seinem Stuhl hin und her, weiß nicht, wo er seine Hände lassen soll. Aus jeder Pore atmet er Anspannung. Wirkt mitunter fast furchtsam. Während Kennedy ihn meist genau fixiert, schaut Nixon häufig ausweichend zur Seite. Seine buschigen Brauen werfen im Licht der Scheinwerfer Schatten auf die Augen.

Ausgezehrt sieht er aus, abgespannt. Das ist kein Mann, der Herr der Lage ist. Es kommt noch schlimmer: Nixon beginnt in der Hitze der Studiolichter heftig zu schwitzen. Das "Lazy Shave" hat den Bartschatten nicht beseitigen können. Nun ziehen Schweißtropfen Bahnen durch die helle Puderschicht.

Nixon leckt sich nervös Schweiß von seiner Oberlippe. Er wischt sich die Stirn - ausgerechnet in dem Moment, als Kennedy mit Argumenten punktet.

Chicagos Bürgermeister Daley, der die Debatte verfolgt, höhnt: "Mein Gott, sie haben ihn schon einbalsamiert, noch ehe er tot ist." Selbst Nixons Mutter ruft nach der Show an und erkundigt sich voller Sorge, ob ihr Sohn krank sei. Der Effekt der Bilder ist bemerkenswert.

Während viele Radiozuhörer die Debatte für Nixon entscheiden, sehen die TV-Zuschauer eindeutig einen anderen Sieger: Kennedy. Er hat es geschafft. Er ist auf Augenhöhe mit seinem Konkurrenten. Immerhin.

In den Umfragen liegt er bald wieder vor Nixon, 49 zu 45 Prozent. Kennedys Lager verbreitet Optimismus. Doch der Kandidat weiß, dass eine so knappe Führung trügt. In den letzten Wochen vor der Wahl kann viel passieren. Alles ist möglich.

Am 19. Oktober 1960 dann geschieht etwas, was die Berechnungen der Wahlarithmetiker noch einmal durcheinanderbringt.

Martin Luther King jr., der bekannte afroamerikanische Bürgerrechtler, wird in Atlanta bei einer friedlichen Demonstration für das Ende der Rassentrennung in einem Kaufhausrestaurant verhaftet. Ein weißer Richter macht kurzen Prozess, verurteilt den Bürgerrechtler am 25. Oktober zu vier Wochen Zwangsarbeit.

Die großen Zeitungen nehmen davon kaum Notiz. Zu sehr nimmt sie der Wahlkampf in Anspruch. Kings Frau Coretta aber befürchtet das Schlimmste - und ruft einen Helfer Kennedys an: "Sie werden ihn umbringen", schluchzt sie, "ich weiß, sie werden ihn umbringen." Auch Kennedy hat den Vorfall nicht weiter beachtet. Im Gegensatz zu Nixon hat er King bisher nicht einmal persönlich kennengelernt. Doch nun drängt ihn sein Schwager Sargent Shriver, über den verzweifelten Hilferuf von Kings Frau informiert, sie in Atlanta anzurufen: "Du wirst ihre Herzen erobern."

Gerüchte vom Stimmenkauf machen die Runde

Tatsächlich ist nicht klar, wie die Afroamerikaner - falls sie überhaupt wählen gehen - abstimmen werden. Umfragen ergeben immer wieder, dass sie durchaus für Nixon stimmen könnten. Schließlich ist er der Vize jenes Präsidenten, der vor drei Jahren Soldaten nach Little Rock geschickt und durchgesetzt hat, dass schwarze Kinder dort eine High School besuchen konnten, die zuvor Weißen vorbehalten war.

Kennedy erkennt die Gelegenheit und ruft Coretta King spontan an: "Ich werde tun, was ich kann", verspricht er. Das Gespräch dauert nur wenige Minuten. Richard Nixon meldet sich nicht.

Bobby Kennedy, Jacks Wahlkampfmanager, fürchtet indes, dass das Telefonat die Konservativen in den Südstaaten gegen seinen Bruder aufbringen könnte. Doch nun, da das Gespräch nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist, telefoniert auch er und verlangt vom zuständigen Richter die sofortige Entlassung des Bürgerrechtlers - mit Erfolg: King kommt am nächsten Tag frei.

Dessen Vater, ebenfalls ein einflussreicher Prediger und bis dahin ein bekennender Nixon-Mann, sagt über John F. Kennedy: "Er hat den Mut, für das einzustehen, was richtig ist. Ich habe einen Koffer voller Stimmen. Und ich werde ihn zu Mr. Kennedy tragen." Selbst die "Atlanta Daily World", eine republikanisch gesinnte Zeitung, die meist von Afroamerikanern gelesen wird, würdigt Kennedys Engagement.

Damit die Botschaft von der guten Tat auch überall ankommt, lässt Kennedys Stab zwei Millionen Flugblätter drucken. Vater Kennedy bezahlt die Rechnung. Am Sonntag vor der Wahl werden sie vor den Kirchen der Schwarzen verteilt.

Zugleich halten sich hartnäckig Gerüchte, dass der alte Kennedy auch seine Chicagoer Kontakte spielen lässt, um Stimmen für seinen Sohn zu kaufen. Er habe den Mafia-Boss Sam Giancana getroffen. Der wiederum sei mitten im Wahlkampf bei einem Hotel-Casino geschäftlich eingestiegen, das kurz zuvor noch einem Strohmann Joseph P. Kennedys gehört habe. Auch Giancana habe jemanden vorgeschickt: JFKs guten Freund Frank Sinatra.

Der Kandidat versucht, das Gerede um die Mafia-Kontakte mit der üblichen Kombination von Charme und Chuzpe beiseitezuwischen. Er habe gerade ein Telegramm von seinem Vater bekommen, scherzt er auf Wahlveranstaltungen: "Kauf nicht eine Stimme mehr als nötig", laute es, "ich möchte nicht für einen Erdrutschsieg zahlen müssen." Erst viel später werden konkrete Vorwürfe laut. So hat angeblich einer der Köpfe des Gangster-Syndikats korrupte Staatsmänner und Gewerkschaftsleute im ganzen Land unter Druck gesetzt, damit sie Wählerstimmen für Kennedy organisieren.

Und FBI-Unterlagen (die jedoch nie veröffentlicht wurden) legen nach Auskunft zweier Informanten nahe, dass die Gangster als Gegenleistung für den Stimmenkauf in Chicago von Kennedy erwarteten, er werde als Präsident den Ermittlungseifer des FBI gegen die Chicagoer Mafia dämpfen. Aber bewiesen wird davon nichts.

Drei von vier Meinungsforschern sehen Kennedy kurz vor der Wahl vorn

Am Wahltag jedenfalls kann John F. Kennedy jede Stimme brauchen. Seine Familie und seine engsten Berater schart er an diesem 8. November 1960 im Sommerhaus seines Bruders Robert in Hyannis Port um sich. 30 Telefonleitungen sind dort gelegt worden. Im Erdgeschoss nehmen zehn Telefonistinnen die Ergebnisse entgegen, die Kennedy-Anhänger aus den Stimmbezirken im ganzen Land durchsagen.

Im Kinderzimmer im ersten Stock sind die Betten abgebaut. Ein Demoskop sitzt hier, analysiert rastlos die einlaufenden Daten und rechnet Wähleranteile hoch - mit dem Rechenschieber. Nebenan im Schlafzimmer klappern vier Fernschreiber.

Drei von vier Meinungsforschern sehen Kennedy kurz vor der Wahl vorn, und tatsächlich fängt der Abend gut an. Bei CBS sagen Computer der modernsten Generation einen Sieg Kennedys mit einer Wahrscheinlichkeit von sieben zu eins voraus. Gegen 22.30 Uhr kommen TV-Reporter auf einen Vorsprung von vier, fünf Millionen Stimmen.

Jacks drei Schwestern hüpfen aufgeregt kichernd durchs Wohnzimmer. Seine Frau Jackie, schwanger im neunten Monat, flüstert ihm zu: "Oh, Bunny, du bist jetzt Präsident." Aber der wehrt leise ab: "Nein, nein, dafür ist es zu früh." Dann geschieht, was Kennedy die ganze Zeit befürchtet hat.

Ein Bundesstaat nach dem anderen fällt an seinen Konkurrenten. JFKs Vorsprung schmilzt. Nixon gewinnt Staaten im Mittleren Westen, dann Washington, Wyoming, Colorado. Jetzt hängt alles an vier Bundesstaaten: Kalifornien, Michigan, Minnesota und Illinois.

Hyannis Port, Kennedys, 1960
Mit seiner Familie und Freunden verfolgt Kennedy in Hyannis Port am Wahltag die ersten Hochrechnungen
© Bill Chaplis/picture alliance / AP Images

Schließlich tritt Richard Nixon im "Ambassador Hotel" in Los Angeles vor die Kameras. Das Fernsehen überträgt live. Nixon sieht zwar seine Siegchancen schwinden, gibt aber nichts verloren.

"Warum sollte er aufgeben? Würde ich auch nicht tun", kommentiert Kennedy vor dem Fernsehgerät im Wohnzimmer seines Bruders kühl Nixons Ausharren. Dann verkündet er, dass er jetzt ins Bett gehen werde. Es ist 3.40 Uhr morgens in Hyannis Port. Noch immer ist nicht klar, ob John F. Kennedy als Verlierer erwachen wird oder als künftiger Präsident.

John F. Kennedy verschläft den Moment seines Triumphs

Erst um 5.35 Uhr melden TV-Reporter, dass Michigan definitiv an Kennedy geht. Nun ist ihm der Sieg nicht mehr zu nehmen, gleichgültig, wer in den anderen Bundesstaaten gewinnt.

John F. Kennedy verschläft den Moment seines Triumphs. Erst zehn Minuten nach der Meldung, um 5.45 Uhr, erhält ein Mitarbeiter des Secret Service Order, 16 Agenten loszuschicken, um die Kennedy-Residenz abzuriegeln. Ab sieben Uhr steht John F. Kennedy unter dem Schutz des Geheimdienstes - nunmehr als gewählter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.

Kennedy hat im Osten bis auf Ohio alle wichtigen Staaten gewonnen, darunter New York und Pennsylvania. Im Mittleren Westen holte er die großen Staaten Michigan und Illinois. Er gewinnt die meisten großen Städte und ist in den Vororten stark. Er hat die katholischen Wähler zu 78 Prozent hinter sich, die Afroamerikaner zu 80 Prozent.

Ohne die Südstaaten aber - ohne Georgia, die Carolinas und Louisiana, vor allem ohne Texas - hätte er die Wahl nie gewonnen. Sie hat er sich mit der Berufung Lyndon B. Johnsons gesichert. Doch noch ist das Drama nicht vorbei: Weniger als 120.000 Stimmen trennen Kennedy und Nixon - bei rund 70 Millionen Wählern. Das ist gerade mal ein Zehntelprozentpunkt: 49,7 für Kennedy, 49,6 für seinen Kontrahenten. In Illinois entscheiden ganze 8858 Stimmen.

Sofort werden Gerüchte über Wahlmanipulationen laut. Vor allem in Texas und in Illinois. Würden die Mehrheiten in diesen beiden Bundesstaaten kippen, wäre Nixon Präsident.

In Texas soll Kennedys Kompagnon Johnson die Wahl dadurch gesichert haben, dass in einigen Bezirken mehr Stimmen ausgezählt wurden, als es Wähler gibt - und stets mit großer Mehrheit für Kennedy und Johnson. 100 000 Voten sollen auf diese Weise registriert worden sein. Doch überprüfen lässt sich nichts: In Texas ist eine Nachzählung nicht vorgesehen.

Anders in Illinois. Da können die Stimmen geprüft werden, denn auch hier weiß jedermann, dass es bei Wahlen nie mit rechten Dingen zugeht. Die Demokraten werfen den im Süden des Bundesstaates starken Republikanern vor, stets zu ihren Gunsten zu manipulieren. Umgekehrt richtet sich der Vorwurf des häufigen Wahlbetrugs auch gegen die Metropole Chicago, die seit Jahrzehnten den Demokraten gehört. Doch diese "Arbeitsteilung" wollen die Republikaner diesmal nicht durchgehen lassen.

Tatsächlich berichten Reporter der republikanisch eingestellten Tageszeitungen Chicagos von haarsträubenden Details. Unter anderem sollen auch Tote abgestimmt haben. In den Wählerlisten eines Bezirks tauchten mehr als 100 frei erfundene Namen auf.

In einem anderen habe eine Wahlmaschine vormittags bereits 121 abgegebene Stimmen gezählt, doch seien bis dahin erst 43 Wähler erschienen. Und Nixon-Stimmen seien schlicht für ungültig erklärt worden.

Die Republikaner klagen Anfang Dezember vor Gericht in Chicago. Eine erste Nachzählung ausgewählter Bezirke hat bis dahin zwar Korrekturen, für das Gesamtergebnis aber keine Veränderung ergeben. Weitere Nachzählungen würden sich über Monate hinziehen und womöglich auch keine Klarheit bringen.

Und so pfeift Richard Nixon seine Parteifreunde zurück: Er weiß, dass er auch mit Illinois nicht mehr gewinnen kann. Diese Wahl jedenfalls nicht.

Das Präsidentenpaar bezaubert die Nation

Der 20. Januar 1961 ist ein strahlender, sonnenerfüllter Tag. Am Nachmittag und Abend zuvor ist ein Blizzard über Washington hinweggezogen. Nun aber sind die Wolken fort, der Schnee flirrt im Licht. Auf den Stufen des Kapitols, gegenüber dem Säulenportal des Obersten Gerichtshofs, legt John F. Kennedy in Cut und grauer Nadelstreifenhose (darunter trägt er Thermounterwäsche gegen die Kälte) um kurz vor 13 Uhr seinen Amtseid ab.

105 geladene Gäste befinden sich auf dem Podium. Und kein anderes Bild veranschaulicht besser den Generationenwechsel, der sich nun in Washington vollzieht: Zwei Ex-Präsidenten haben in der ersten Reihe hinter der Marmorbalustrade des Kapitols Platz genommen, Dwight Eisenhower und Harry Truman, und hinter ihnen die Witwen von Woodrow Wilson und Franklin Delano Roosevelt.

Links vom Podium jedoch sitzt eine junge Frau, deren heller Designer-Mantel mit dem dazu passenden Pillbox-Hut hervorsticht und eine Modewelle auslösen wird: Jackie Kennedy, die neue First Lady. Sie bezaubert die Nation.

Der junge Präsident aber ergreift eine ganze Generation mit seinem wohl berühmtesten Satz: "Fragt nicht, was euer Land für euch tun kann - fragt, was ihr für euer Land tun könnt." John Fitzgerald Kennedy, der 35. Präsident der USA, weiß, dass er nur knapp gewonnen hat. Wie zu einer Mahnung daran soll er fortan oft einen Zettel mit einer sechsstelligen Ziffernfolge bei sich getragen haben: 118 574. Die Zahl seines hauchdünnen Stimmen-Vorsprungs.

Und niemand wird jemals mit Sicherheit sagen können, ob ihn tatsächlich gekaufte Voten, die Stimmen von Toten oder das Geistervotum frei erfundener Wähler haben siegen lassen. Die ganze Wahrheit über John F. Kennedys Aufstieg ins höchste Amt wird wohl keiner je in Erfahrung bringen.


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