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Kriminalgeschichte Wie mittels DNS erstmals ein Mörder überführt - und ein unschuldiger Junge entlastet wurde

DNS-Analyse
Eine schwarz-weiße Strichsequenz auf Röntgenfilm offenbart das individuelle genetische Profil. So können sogar einzelne Hautschuppen oder Haare einen Schuldigen verraten – oder Unschuldige entlasten
© gopixa / shutterstock
In den 1980 revolutioniert die Erforschung der Gene auch die Arbeit von Kriminalisten. 1987 ermitteln sie den ersten Täter mithilfe der DNS-Analyse - und bewahren einen 17-Jährigen vor dem Gefängnis

Am 31. Juli 1986 verschwindet die 15-jährige Dawn Ashworth. Von einer Freundin macht sie sich auf den Weg nach Hause, kommt dort jedoch nie an. Zwei Tage lang durchkämmen Polizisten die Wiesen und Wälder um das englische Dorf Enderby. Dann entdecken sie das Mädchen abseits eines Feldwegs: entblößt, brutal vergewaltigt und erdrosselt.

Außer einer Spermaprobe finden die Beamten keine brauchbaren Hinweise am Tatort, können auch keine direkten Zeugen aufspüren – es ist einer jener Fälle, an denen Ermittler bislang allzu oft verzweifelt sind. Doch 1986 haben sie seit Kurzem die Möglichkeit, eine Spur zu nutzen, die für das menschliche Auge unsichtbar ist, die aber dennoch fast jeder Täter hinterlässt: die Desoxyribonukleinsäure (DNS, engl. DNA abgekürzt). Schon kleine Mengen an Blut, Speichel oder Sperma, sogar ein Haar oder eine winzige Hautschuppe reichen aus, um sie zu erlangen.

Als Bauplan eines Lebewesens beinhaltet die DNS dessen gesamte biologische Erbinformation. Im September 1984 macht der britische Genetiker Alec Jeffreys bei bestimmten, scheinbar funktionslosen Abschnitten der DNS eine revolutionäre Entdeckung: Der 34-jährige Forscher an der nur wenige Kilometer von Enderby entfernten University of Leicester erkennt durch einen Zufall, dass diese Abschnitte bei jeder Person eine einzigartige Abfolge aufweisen.

Um diese Muster sichtbar zu machen, entwickelt Jeffreys die erste Methode zur Darstellung des sogenannten genetischen Fingerabdrucks. Auf Röntgenfilmen zeigt der Forscher diesen als Sequenz weißer und schwarzer Striche, durch die jeder Mensch zweifelsfrei identifiziert werden kann (zunächst mit Ausnahme eineiiger Zwillinge) – eine Art persönlicher Barcode.

Anfangs ist die Methode noch zu kompliziert, um sie regelmäßig in der Forensik anzuwenden. Drei Jahre später aber wird der genetische Fingerabdruck erstmals zum entscheidenden Beweismittel in einem Mordfall: bei den Ermittlungen um Dawn Ashworth.
Wenige Tage nach der Entdeckung ihrer Leiche gesteht der 17-jährige Richard Buckland den Mord. Zeugen hatten ihn in der Nähe des Tatortes gesehen. Bei der Befragung sagt der psychisch labile Jugendliche, dass er das Mädchen gesehen habe und dann „wahrscheinlich verrückt geworden“ sei.

Die Polizei scheint am Ziel zu sein – sogar in zwei Fällen. Denn rund zweieinhalb Jahre zuvor wurde ein anderes Mädchen, die 15-jährige Lynda Mann, ganz in der Nähe vergewaltigt und erdrosselt – die Ermittler gehen deswegen von demselben Täter aus. Buckland aber bestreitet, auch diesen Mord begangen zu haben, zudem wäre er damals erst 14 Jahre alt gewesen.

Die Beamten schicken Spermaproben beider Tatorte und eine Blutprobe Bucklands in Alec Jeffreys Labor. Das Ergebnis: Die Proben zeigen den identischen DNS-Aufbau, der sich jedoch von Bucklands genetischem Fingerabdruck unterscheidet. Der hatte sich wohl von der Polizei unter Druck gesetzt gefühlt und falsch ausgesagt.

In den nächsten fünf Monaten lassen sich 3653 Männer Blut abnehmen

Die Spermienzahl der Proben deutet auf einen jungen Täter hin. Im Januar 1987 fordert die Polizei daher rund 5000 Männer aus Enderby und zwei benachbarten Dörfern zwischen 17 und 34 Jahren dazu auf, eine Blutprobe abzugeben. Jedes DNS-Profil, das nicht mit dem der Tatorte übereinstimmt, ist unverdächtig. So hoffen die Beamten, den Mörder durch Ausschlussverfahren finden zu können, auch wenn der Täter selbst keine Probe abgibt.

In den nächsten fünf Monaten lassen sich 3653 Männer Blut abnehmen, damit in Jeffreys Labor der genetische Fingerabdruck bestimmt werden kann. Kein Treffer, noch keine Spur. Bis eine Frau ein Gespräch in einem örtlichen Pub mithört. Dort erzählt ein junger Mann im Sommer 1987 Freunden, dass er auf Drängen seines Kollegen Colin Pitchfork unter dessen Namen und mit gefälschtem Pass eine Blutprobe abgegeben hatte. Nach sechs Wochen des Zögerns geht die Frau zur Polizei.

Am 19. September 1987 verhaften Ermittler Pitchfork in seinem Haus, in dem er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern lebt. Eine Blutprobe bestätigt: Sein genetischer Fingerabdruck ist identisch mit dem der Spermaproben. Der 27-Jährige gesteht die beiden Gewalttaten.

Pitchfork wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Der DNS-Nachweis sei bei den Ermittlungen ausschlaggebend gewesen, bemerkt der Richter. Er habe „nicht nur zur Festnahme des richtigen Mörders“ geführt, „sondern auch den Verdacht von einem unschuldigen Mann“ genommen.
Heute gehört die DNS-Analyse zu den wichtigsten forensischen Werkzeugen. Ihren Erfinder Alec Jeffreys schlägt die Queen für seine Verdienste um die Wissenschaft 1994 zum Ritter.

Charlotte Alt

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