Sklaverei in der Karibik Victor Hugues brachte Guadeloupe die Freiheit - und den Tod

Der Pariser Revolutionär Victor Hugues soll den Unterjochten auf Guadeloupe 1794 Erlösung bringen – doch dann errichtet er ein Terrorregime
Victor Hugues brachte Guadeloupe die Freiheit - und den Tod

Guadeloupe besteht aus mehreren in der östlichen Karibik gelegenen Eilanden. Die zwei größten sind nur durch eine Meerenge getrennt: Nach Süden erstreckt sich, feucht und gebirgig, Basse-Terre, wo die Franzosen Zuckerrohr anbauen. Zu den größten Plantagen gehörte die "L'habitation Murât"

Anfang Juni 1794 erscheinen neun Segel­schiffe südlich von Guadeloupe, einer Inselgruppe in der östlichen Karibik. An Bord befinden sich mehr als 1000 Kämpfer und der ehemalige Kaufmann Victor Hugues, nun Gesandter der franzö­sischen Regierung. Er bringt Freiheit in die Kolonie – und er bringt den Tod.

Denn mit der Segelflotte erreicht der Terror der Französischen Revolution die Karibik. Rebellen haben sich 1789 in Paris gegen die Monarchie erhoben und inzwischen ein neues Regime errichtet, das im Namen der Freiheit Tausende Menschen exekutiert. Auch auf Guadeloupe will Hugues nun mutmaßliche Feinde der Revolution vernichten. Das Werkzeug dazu hat er mitgebracht: eine Guillotine.

Für die meisten Insulaner aber kommt der Gesandte als Befreier. Der Archipel, seit 1635 eine Kolonie Frankreichs, hat gut 100000 Einwohner, rund 85 Prozent von ihnen sind schwarze Sklaven. Sie sollen, wie alle Unterdrückten im französischen Imperium, fortan freie Bürger sein, das hat die Revolutionsregierung in Paris im Fe­bruar 1794 verfügt.

Mit seinen Schiffen geht Victor Hugues bei Grande-Terre vor Anker, einer der beiden Haupt­inseln, die sich wie zwei Flügel eines Schmetterlings aus dem Wasser erheben. Grande-Terre ist eher sandig, von Gestrüpp bedeckt; auf dem westlich gelegenen Basse-­Terre dagegen wächst dichter Tropenwald, durchzogen von Wasserläufen, die die Ureinwohner einst den Namen „Insel der schönen Wasser“ schöpfen ließen. Auf Hunderten Plantagen gedeiht Zuckerrohr, das jetzt, im Juni, die Sklaven ernten. Der Franzose braucht nun deren Hilfe.

Denn erst nach seiner Ankunft erfährt Hugues, dass die Briten Guadeloupe besetzt halten. Das Ver­einigte Königreich steht zusammen mit anderen euro­päischen Monarchien im Krieg gegen das revolutionäre Frankreich und ficht den Konflikt auch in den Kolonien aus. Um die Konkurrenten zu vertreiben, nutzt Hugues kurzerhand das Befreiungsdekret als Waffe: Er ruft die nun offiziell erlösten Sklaven auf, sich dem Kampf gegen die Briten anzuschließen. Im Dezember sind die Feinde besiegt.

Hugues schickt seine transpor­table Guillotine

Victor Hugues ist nun der alleinige Herrscher auf Guadeloupe – und er errichtet ein Schreckensregime. Schon während der Rückeroberung hat er königstreue Franzosen, die sich mit den Briten verbündet hatten, hinrichten lassen. Jetzt spüren Spitzel in seinem Auftrag weitere dieser von ihm als Verräter Gebrandmarkten auf. Um sie zu strafen, schickt Hugues seine transpor­table Guillotine auf eine makabre Tour durch Guadeloupe. Überall saust ihr Fallbeil auf die Hälse von Ro­yalisten nieder. Hunderte sterben, darunter zahlreiche Plan­ta­genbesitzer.

Und das wird Hugues beinahe zum Verhängnis: Schon seit der Verkündung des Befreiungsdekrets waren viele ehemalige Sklaven, trotz fortan versprochener Bezahlung, nicht mehr gewillt, auf den Feldern zu arbeiten. Jetzt, da Hunderte Pflanzungen ohne Aufsicht sind, legen noch mehr Schwarze die Arbeit nieder.

Die lukrative Plantagenwirtschaft droht zu kollabieren. Hugues zwingt die Arbeiter zurück auf die Pflanzungen, indem er auch ihnen mit Hinrichtung droht. Zugleich verwehrt er den Schwarzen die politische Teilhabe. Der Franzose, der einst selbst Sklaven besaß, hält sie seinem rassistischen Urteil nach für zu töricht.

1799 verlässt Hugues Guadeloupe wieder

Die verheißene Freiheit, sie erscheint vielen Schwarzen nun als Lüge. Im Jahr 1797 eskaliert ihre Wut, plündernd und mordend fallen viele von ihnen über Weiße her. Der französische Gesandte muss Truppen einsetzen, um die Aufstände niederzuschlagen.

Doch längst haben sich in Frankreich moderatere Kräfte durchgesetzt und die dortige Terrorherrschaft beendet. Die neuen Machthaber erhalten Beschwerden über die karibische Tyrannei von Hugues; ein Vertreter der weißen Kolonisten nennt den französischen Gesandten in einem Bericht ein „abscheuliches Monster“. Die Regierung entscheidet schließlich, Hugues abzulösen

Am 2. Januar 1799 verlässt er die Kolonie wieder. Viele – Weiße wie Schwarze – feiern den Machtwech-sel als Befreiung. Für einige aber bleibt Victor Hugues ein Held: jener Mann, der Guadeloupe vom Übel der Sklaverei erlöste.