Atombombenabwurf vor 75 Jahren Angriff auf Nagasaki: Als die "Fat Man" Zehntausenden das Leben nahm

Am 9. August 1945 streiten Japans mächtigste Politiker und Militärführer im von Brandbomben zerstörten Tokyo, ob der aussichtslos gewordene Kampf gegen die Alliierten fortgesetzt werden soll. Dann kommt die Nachricht, dass die Amerikaner eine weitere ihrer neuartigen Bomben abgeworfen haben - über Nagasaki
Die Bombardierung von Nagasaki

Als die Plutoniumbombe Fat Man 500 Meter über Nagasaki explodiert, wird die Luft darunter so heiß, dass Menschen auf der Stelle verdampfen. Noch in zwei Kilometer Entfernung entzündet sich die Kleidung der Opfer auf ihrer Haut. In den zer störten Krankenhäusern können die zahllosen Verwundeten nur notdürftig behandelt werden

Der 9. August 1945 scheint in Nagasaki ebenso schwül zu werden wie die Tage zuvor. Der Himmel ist blau, die Zikaden schrillen. Doch auf den Fluren des Dai-Ichi-Hospitals im Norden der Stadt ist es angenehm kühl. Tatsuichiro Akizuki, ein 29-jähriger Arzt, untersucht gegen 8.30 Uhr seinen ersten Patienten - obwohl Fliegeralarm ertönt.

Er hat sich daran gewöhnt: In den vergangenen Monaten haben US-Bomber Nagasaki bereits fünf Mal angegriffen; doch noch ist die Stadt kaum zerstört.

Während der Arzt seine Patienten behandelt, sitzt die 59-jährige Matsu Moriuchi ein paar Hundert Meter entfernt im Luftschutzraum der Yamasato- Grundschule. Bei ihr sind die drei Kinder ihrer Nichte: der achtjährige Isamu, der fünfjährige Fujio, die zweijährige Kimiyo. Deren schwangere Mutter ist daheim geblieben, um das Haus zu bewachen, der Vater macht als Luftschutzwart seine Runde. Um zehn Uhr hören sie die Entwarnung. Nur ein amerikanisches Flugzeug hat Nagasaki überflogen.

Erleichtert verlassen die Menschen den Keller

GEO EPOCHE Nr. 44 - 08/10 - Der Zweite Weltkrieg - Teil 2
GEO EPOCHE Nr. 44
Der Zweite Weltkrieg - Teil 2
Von der Ostfront bis Nagasaki: Wie die Katastrophe endete (1943-45)

Zur gleichen Zeit unterrichtet der kaiserliche Siegelbewahrer im 1000 Kilometer entfernten Tokyo Premierminister Kantaro Suzuki, dass Kaiser Hirohito wünsche, mit den Alliierten Frieden zu schließen.

Suzuki beruft daraufhin den Obersten Kriegsrat ein. Offiziell steht zwar dem Kaiser die Entscheidung über Krieg und Frieden zu. Tatsächlich aber bestimmen die "Großen Sechs", eine Kamarilla aus Offizieren und Politikern, die Geschicke des Landes. Der von der Öffentlichkeit weitgehend abgeschirmte Hirohito hat bislang lediglich all dem, was andere in seinem Namen bestimmt haben, die Legitimität verliehen.

Gegen 10.30 Uhr versammeln sich die sechs Männer im Untergeschoss des kaiserlichen Palastes: der Premier, die Außen-, Marine- und Kriegsminister, die Stabschefs der Armee und der Flotte.

Mit den Worten "Es ist fast unmöglich geworden, den Krieg fortzusetzen", eröffnet der Premier das Treffen. Darauf Stille. Die Männer müssen über etwas ihnen völlig Fremdes nachdenken: über die Besetzung ihres Landes.

Noch nie in der fast 1500 Jahre währenden Geschichte des japanischen Kaisertums ist es dazu gekommen.

500 Meter über Nagasaki explodiert die Atombombe

Kriegsminister Korechika Anami will weiterkämpfen, die anderen aber sind sich einig: Japan wird kapitulieren müssen. Doch bedingungslos, wie die Alliierten es fordern? Oder können sie Zugeständnisse herausschlagen?

Die Männer im Palast debattieren noch, als Matsu Moriuchi in Nagasaki erneut ein Flugzeug hört. Sie und die Kinder rennen zurück in den Schutzraum, sie dreht sich noch einmal um - und sieht einen gleißend-blauen Blitz. In dessen Licht erstrahlt am Eingang ein Mann "einem wunderschönen Standbild" gleich, wie sie sich später erinnert. Im selben Moment wird sie durch eine Druckwelle zu Boden geschleudert, verliert das Bewusstsein.

Im Hospital geht Doktor Akizuki gerade noch rechtzeitig hinter dem Bett seines Patienten in Deckung. Es ist 11.02 Uhr. In 500 Meter Höhe über Nagasaki ist die amerikanische Atombombe "Fat Man" explodiert. Etwa 240 000 Menschen leben in der Hafenstadt. Nagasaki liegt im Südwesten der Insel Kyushu an einer Bucht.

Die Stadt zieht sich an zwei Flüssen entlang, nach denen auch die beiden großen Bezirke benannt sind: das Verwaltungs- und Handelszentrum Nakashima im Osten und Urakami im Norden. Dort konzentrieren sich die Fabriken, darunter Munitions- und Waffenbetriebe.

In der Nähe der Rüstungswerke liegen das Dai-Ichi-Hospital, die medizinische Hochschule, das Universitätskrankenhaus und mehrere Schulen. Die beiden Flusstäler sind durch einen 200 Meter hohen Hügelkamm getrennt. Er wird das Schicksal Zehntausender entscheiden.

In der Umgebung der Stadt sind insgesamt 900 000 Soldaten stationiert - die Führung in Tokyo vermutet, die USA könnten vom Süden der Insel aus die Invasion Japans beginnen.

Seit April schon bereiten die kaiserlichen Generäle ketsu-go vor, die "Entscheidende Operation" zur Verteidigung Japans. Denn längst sind weite Teile des Imperiums, das die Streitkräfte des Tenno einst erobert haben, von den Alliierten besetzt oder bedroht; zwei kleinere ja panische Inseln haben die Amerikaner bereits eingenommen.

Die erste schwere Niederlage erlebt die kaiserliche Marine Mitte 1942 vor den Midway-Inseln, 2000 Kilometer nordwestlich von Hawaii: Die von den Alliierten überraschten Japaner verlieren unter anderem vier Flugzeugträger sowie einen Großteil ihrer Bomberbesatzungen - und büßen damit ihre Überlegenheit zur See und in der Luft ein.

"Fat Man", Nagasaki

US-Präsident Truman will mit den Atombombenabwürfen vor allem Soldaten treffen - doch in Nagasaki sind unter den 70 000 Opfern, die bis Ende 1945 sterben, kaum mehr als 300 Soldaten und Angestellte des Militärs. Und die Verletzten leiden häufig an so schweren Verbrennungen, dass sie durch Narben ihr Leben lang als »Hibakusha« gezeichnet sind - als Überlebende der Atombomben

Wenige Wochen später gehen die US-Streitkräfte endgültig in die Offensive: Sie landen auf der Salomon-Insel Guadalcanal, erobern danach Eiland um Eiland - im August 1944 die Marianen. Dort richten sie eine Basis für Langstreckenbomber ein, die Rüstungsbetriebe, aber auch Wohnbezirke im 2000 Kilometer entfernten Japan angreifen.

Die bedrängten kaiserlichen Streitkräfte kämpfen immer verbissener: Als die USA im Oktober ihre Landung auf den japanisch besetzten Philippinen vorbereiten, stürzen sich erstmals Selbstmordpiloten auf die Schiffe. Doch die Amerikaner fügen ihren Gegnern weit größere Verluste zu: Sie versenken fast 100 Kampf- und Versorgungsschiffe, darunter vier Flugzeugträger. Spätestens jetzt hat Japan keine Chance mehr.

Im März 1945 bombardiert die US Air Force Tokyo, 80 000 Menschen sterben in einem Feuersturm. Etwa gleichzeitig erobern US-Marines die Inseln Iwojima und Okinawa. Damit haben die US-Streitkräfte eine strategisch günstig gelegene Basis für die Besetzung Japans.

Ketsu-Go ist die letzte, verzweifelte Aktion von Generälen und Politikern, die wissen, dass der Krieg verloren ist. Sie hoffen jedoch, den USA in der "Entscheidenden Operation" so große Verluste zuzufügen, dass der US-Präsident dem Kaiser einen "ehrenvollen" Frieden anbietet.

Deshalb wirbt das Militär massenhaft Zivilisten an: Männer zwischen 15 und 60 Jahren sowie Frauen zwischen 17 und 45, die in Freiwilligenverbänden zusammengefasst werden. Sie erhalten den gleichen Auftrag wie die Soldaten: Tötet so viele Amerikaner wie möglich, brecht ihre Kampfmoral. Aber es fehlen Waffen und Munition. Einer Schülerin gibt ihr Ausbilder eine Ahle für den Nahkampf: "Es reicht schon, einen Amerikaner zu töten. Ziele auf den Bauch." Schüler ab der 6. Klasse und deren Lehrer müssen in den Rüstungsfabriken arbeiten. Den Mangel aber können sie nicht beheben. Das wissen die Politiker und Offiziere. Gleichwohl ignorieren sie Ende Juli die Drohung der Alliierten, Japan völlig zu verwüsten, falls die kaiserliche Armee nicht kapituliere.

Am 6. August 1945 aber verändert eine einzige Bombe alles. In Hiroshima sterben Zehntausende Menschen in einer Explosion, für deren Zerstörungskraft die Amerikaner sonst 2500 Flugzeuge mit gewöhnlichem Sprengstoff benötigt hätten. US-Präsident Harry S.Truman hat sich zuvor von seinen Militärberatern überzeugen lassen: Bei einer Invasion Japans würden wohl eine Million amerikanische Soldaten getötet oder verletzt werden; die neuartige Bombe werde dagegen einige Zehntausend Opfer fordern. Die Atombombe als Waffe, um Menschenleben zu schonen - so argumentiert Truman. Sicher ist aber auch dies: Die US-Militärs wollen die Bombe auf unzerstörtem Gebiet testen. Deshalb haben sie Hiroshima gewählt.

Am 9. August diskutieren die Großen Sechs im kaiserlichen Palast

Erst am Tag nach dem Abwurf erfahren einige Englisch sprechende Japaner durch eine Rundfunkansprache Trumans, was geschehen ist. Aus den Lautsprechern ihrer Kurzwellenradios hören sie auch dessen Drohung: Wenn Japans Führung nicht sofort kapituliere, müsse das Land "einen Regen des Verderbens aus der Luft erwarten, wie er noch nie auf dieser Erde gesehen wurde".

Doch Politiker und Befehlshaber in Tokyo zögern: Solange ungewiss ist, ob die US Air Force tatsächlich eine Atombombe abgeworfen hat, will die Mehrheit nichts unternehmen.

In der Nacht zum 9. August greifen Sowjettruppen den japanischen Satellitenstaat Mandschukuo auf dem Gebiet der Mandschurei an - obwohl Tokyo und Moskau ein Neutralitätsabkommen geschlossen haben. Damit hat sich Japans aussichtslose Lage weiter zugespitzt.

Trotzdem diskutieren die Großen Sechs im kaiserlichen Palast am Morgen des 9. August vier Bedingungen, die sie stellen wollen: Das Kaisertum muss erhalten bleiben, die Japaner werden selbst über Kriegsverbrecher urteilen und sich selbst entwaffnen, eine alliierte Besatzung muss vermieden werden.

Doch nur die erste Bedingung wird von fast allen Mitgliedern des Kriegsrats unterstützt. Einige der Politiker wollen den Alliierten weitere Konzessionen abringen - und Kriegsminister Anami lehnt die Kapitulation nach wie vor grundsätzlich ab: Die Situation in der Mandschurei sei noch unklar, und ob die USA weitere Nuklearsprengkörper abwerfen würden, könne niemand sagen.

Da reicht um 11.30 Uhr ein Diener einen Zettel herein: Die Amerikaner haben eine zweite Bombe gezündet. Fat Man, gut drei Meter lang, vier Tonnen schwer, explodiert über dem Tennisplatz eines Industriellen im Urakami-Tal, etwa 500 Meter von der Yamasato-Grundschule entfernt. Die Bomberbesatzung hat den Abwurfpunkt - die Stahl- und Rüstungsbetriebe der Stadt - um mehr als einen Kilometer verfehlt.

Fat Man ist eine Plutoniumbombe mit noch größerer Sprengkraft als die Bombe von Hiroshima. Innerhalb von 0,1 Millisekunden verwandelt sie sich in einen Feuerball, 15 Meter breit und 300 000 Grad Celsius heiß.

Eine Druckwelle rast mit einer Geschwindigkeit von anfangs 1500 km/h vom Nullpunkt in alle Richtungen. Im Umkreis von 800 Metern stürzt fast jedes Gebäude ein, in zwei Kilometer Entfernung werden Holzhäuser umgeweht, Steinhäuser schwer beschädigt. Bäume knicken um, ihre Stämme weisen wie die Speichen eines Rades weg vom Explosionsort.

Noch 15 Kilometer entfernt zerbersten die Fensterscheiben. Fast gleichzeitig entfacht die durch die Detonation entstandene Hitze ein gewaltiges Feuer.

Nur die Hügelkette zwischen den beiden Flusstälern verhindert, dass ganz Nagasaki zerstört wird. Zwar brennen auch im Geschäftsviertel Nakashima Häuser, doch allein im Urakami-Tal entfaltet Fat Man seine ganze Macht.

Am Boden unter der Bombe wird die Luft mehr als 3000 Grad heiß. Wer hier steht, verdampft augenblicklich. In zwei Kilometer Entfernung entzündet sich Kleidung, noch in vier Kilometern erleiden Menschen Verbrennungen.

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Der 16-jährige Postbote Sumiteru Taniguchi wird mit seinem Fahrrad durch die Luft gewirbelt. Als er wieder zu sich kommt, hat sich die Haut seines linken Arms bis zu den Fingerspitzen gelöst.

Sein Rücken ist wie zu Brei verbrannt.

Dachziegel glühen rot, Stahlträger schmelzen, hier und da steht noch ein Schlot aufrecht, ein Telegraphenmast, ein Tempeltor. Von manchen Fabrikhallen bleiben nur verbogene Stahlgerippe.

Die Kathedrale von Urakami stürzt ein, 220 Gläubige und ihre Priester sterben während der Beichte. In einer Schule 500 Meter westlich vom Abwurfpunkt tötet die Bombe 1300 Kinder und Lehrer - ebenso viele in der Yamasato-Grundschule.

In der Medizinischen Hochschule und der Universitätsklinik kommen 1000 Ärzte, Studenten, Krankenschwestern und Patienten ums Leben.

Wenige Minuten nach der Explosion sind 30 000 Menschen tot: verdampft, erschlagen, verbrannt. Doch das Sterben geht weiter. Die Hitzestrahlung der Bombe entfacht Brände selbst noch drei Kilometer vom Zentrum der Explosion entfernt. Bald verdunkelt Rauch den Himmel, nur fahl bricht die Sonne rötlich durch die Schwaden. Auch das Dai- Ichi-Hospital, anderthalb Kilometer von der Abwurfstelle entfernt, fängt Feuer.

Die Druckwelle hat die Fenster zerstört, doch das Krankenhaus, ein Ziegelbau, steht noch, und niemand scheint ernsthaft verletzt zu sein. Doktor Akizuki und seine Kollegen bringen die Patienten nach draußen. Sie können alle retten, doch es bleibt keine Zeit mehr, das Medikamentenlager auszuräumen.

Durch das Hoftor wanken erste Verwundete, Vorboten Hunderter Opfer der Bombe, die sich nun den Hügel hinaufschleppen. Arbeiter, Kaufleute, Mädchen, Männer, alle halbnackt oder gänzlich unbekleidet, mit versengten Haaren und verbrannter Haut, die in Fetzen von ihren Körpern hängt.

Manche tragen noch einen Ledergürtel um den Bauch und die Schnüre ihrer Hosen um die Fußgelenke, der Rest ihrer Kleidung ist verbrannt. Sie bewegen sich langsam, als wären sie zu Tode erschöpft.

Und alle stöhnen: "Ich bin verletzt. Ich bin verletzt. Wasser!" Jemand schafft es noch, den jungen Arzt zu fragen "Ist dies ein Krankenhaus?", dann bricht er zusammen. Andere Verletzte bleiben auf der Straße vor der Klinik liegen, in den Süßkartoffelfeldern am Hügel, am Ufer eines Baches.

Den ganzen Tag lang schleppen sich Verwundete in den Hof des kleinen, ausgebrannten Hospitals. Doktor Akizuki hat fast kein Verbandszeug mehr, nichts, um schwere Verbrennungen zu behandeln.

Mit einem Pinsel für Kalligraphie streicht er Zinkoxid und Jod auf verkohlte Rücken, Arme, Beine.

Menschen, die gerettet schienen, erkranken durch radioaktive Strahlen

Ein Medizinstudent trägt ein Kleinkind in den Armen. Er hat es in der Nähe einer Hausruine aufgelesen. Unter den Trümmern hervor hatte ihn die Mutter angefleht, sich um ihren Sohn zu kümmern.

Der Student erzählt von seinem Weg durch Urakami, einem Weg durch die Hölle: Im seichten Wasser eines Flusses nahe der zerstörten Kathedrale lägen nackte Leichen übereinander. Die brennenden Menschen hatten instinktiv das Wasser gesucht. Eine Mutter und ihr Kind, die sich im Tod fest in den Armen halten. Eine Frau, die sterbend geboren haben muss, sie ist mit dem Baby noch durch die Nabelschnur verbunden.

Matsu Moriuchi sitzt am Nachmittag noch immer im Schutzraum. Sie hat sich bei ihrem Sturz die linke Schulter verletzt. Die Kinder ihrer Nichte sind unversehrt, und auch deren schwangere Mutter hat es aus dem brennenden Haus heraus zu ihrer Familie geschafft. Nur der Vater, der Luftschutzwart, fehlt.

Der Spielplatz liegt voller Leichen.

Verwundete haben sich bis in den Eingang des Schutzraums geschleppt. Sie verlangen stöhnend nach Wasser.

Auch die kleine Kimiyo bettelt um Trinken. Ihre Mutter gibt ihr die Brust, doch das Kind wendet den Kopf ab. Matsu Moriuchi lässt die Perlen ihres Rosenkranzes durch die Finger gleiten und betet - für die Lebenden und die Toten.

Plötzlich schreit ihre Nichte Hatsue: "Was ist mit Kimiyo?" Die Zweijährige zuckt heftig. Dann stirbt sie.

In den folgenden Tagen hören die Menschen in Nagasaki immer wieder, wie Flugzeuge über sie hinwegziehen. Bei jedem Motorengeräusch fliehen sie in Panik, ducken sich in Ruinen, in Höhlen, werfen sich auf den Boden.

Matsu Moriuchi wagt sich zurück in ihre zerstörte Nachbarschaft. Sieht die Überlebenden, die inmitten der weißen Asche ihrer Häuser die schwarzen Überreste ihrer Schwestern, Väter, Kinder suchen. Hört die Geschichte eines Bekannten, der seine Frau auf halbem Weg zum Nachbarhaus findet, bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, der Ehering geschmolzen. Doch auch sein Nachbar glaubt, dies sei seine Ehefrau, beide streiten erbittert um den Leichnam.

Und immer mehr jener Menschen, die gerettet schienen, erkranken durch die unsichtbare Kraft der Atombombe. Sie ist ebenso tödlich wie der Feuerball und die Druckwelle: Radioaktive Strahlen zerstören die Körperzellen.

Julius Robert Oppenheimer

1943 wird der Physiker Julius Robert Oppenheimer wissenschaftlicher Direktor des Atombomben-Programms. 1945 sagt er: »Ich bin der Tod geworden, der Zerstörer der Welten«

Im Dai-Ichi-Hospital entwickeln viele Patienten Symptome, die der junge Arzt nicht einordnen kann. Zunächst wird ihnen schlecht. Später bekommen sie Durchfall, ihr Zahnfleisch fängt an zu bluten, purpurne Flecken breiten sich unter ihrer Haut aus, und auch die Innenseite ihres Mundes verfärbt sich.

Doktor Akizuki kann ihnen nicht helfen.

Auch Matsu Moriuchis Verwandte, die schwangere Hatsue und deren ältester Sohn Isamu werden zusehends schwächer. Sie leiden unter Durchfall.

Die Diskussion des Kriegsrats im kaiserlichen Palast wird von der Nachricht aus Nagasaki scheinbar kaum beeinflusst.

Zwei der Beteiligten werden in ihren Erinnerungen nicht einmal erwähnen, dass sie während der Sitzung über die Explosion der zweiten Atombombe informiert worden sind.

Nur Kriegsminister Anami lenkt ein: Auch er muss nun fürchten, dass die USA mit ihrer neuen Waffe weitere Städte zerstören werden. Deshalb schließt sich Anami jener Fraktion an, die den Alliierten vier Friedensbedingungen stellen will. Doch darauf kann sich der Rat nicht verständigen.

In der Nacht suchen die Politiker Kaiser Hirohito in dessen Bunker tief unter dem Palast auf. Statt dem Tenno - wie für Beschlüsse des Kriegsrats erforderlich - eine einstimmige Entscheidung vorzutragen, informiert Premierminister Suzuki ihn über den Streit der Großen Sechs. "Der Wunsch Eurer Majestät", beendet Suzuki seinen Vortrag, "soll die Angelegenheit entscheiden." Hirohito genügt eine einzige Kapitulationsbedingung: Japan muss Kaiserreich bleiben. Anami ist empört. Doch er widerspricht dem Tenno nicht. Bald darauf übermittelt ein Funker das Friedensangebot an die Alliierten.

Am 2. September 1945 ist der Zweite Weltkrieg endgültig vorüber

Am 12. August trifft die Antwort des amerikanischen Außenministers in Tokyo ein: Nachdem die Waffen ruhen, werde Japan von einem alliierten Oberbefehlshaber regiert, später könne das Volk darüber abstimmen, ob der Tenno wieder an der Spitze des Staates stehen solle. Damit bauen die Siegermächte der japanischen Staatsführung eine Brücke - denn die Bevölkerung steht bedingungslos zum Kaisertum.

Doch die Kriegstreiber in der Staatsführung nehmen die Botschaft zum Anlass, die Entscheidung des Kaisers infrage zu stellen. Einen Tag später stimmt der Oberste Kriegsrat erneut ab: Drei Männer sind für die bedingungslose Kapitulation, drei dagegen.

Unterdessen bereiten einige, vor allem jüngere Offiziere einen Putsch vor.

Sie wollen die friedenswilligen Minister ausschalten, Kriegsminister Anami zum Diktator proklamieren und den Kampf gegen die Alliierten fortsetzen.

Am Vormittag des 14. August hält der Kaiser erneut eine Konferenz ab. Er wiederholt seinen Wunsch, den Krieg augenblicklich zu beenden. Mehr noch:

Er will im Radio zu seinem Volk sprechen, das die Stimme des Tennos noch nie gehört hat. Nun gibt auch Anami seinen Widerstand auf - und die Putschisten können nicht mehr mit seiner Unterstützung rechnen. (Als die Offiziere den Staatsstreich in der folgenden Nacht dennoch wagen, scheitern sie innerhalb weniger Stunden.)

Während am Nachmittag dieses 14. August das Kabinett in Tokyo die Ansprache des Kaisers ausarbeitet, beginnt Hatsue in den Ruinen von Urakami plötzlich zu stöhnen: Das Baby kommt.

Doch in der Nacht hört das Kind in Hatsues Leib auf, sich zu bewegen. Einige Stunden später wird es tot geboren.

Am Morgen sterben auch Hatsue und ihr achtjähriger Sohn. Es ist der 15. August. Vor sechs Tagen ist Fat Man über Nagasaki explodiert. Seit drei Tagen sterben immer mehr Menschen, die den Luftangriff scheinbar nur leicht verletzt oder vollkommen unversehrt überlebt haben.

Noch über Jahrzehnte werden Tausende Menschen, die am Vormittag des 9. August der Radioaktivität ausgesetzt waren, der Strahlenkrankheit erliegen.

Am Morgen nach dem Tod ihrer Nichte und deren Kinder sucht Matsu Moriuchi verkohlte Holzstücke in den Ruinen der Stadt und errichtet damit einen Scheiterhaufen, auf dem sie die drei Körper verbrennt. Als das Feuer verlischt, hört sie ein Geräusch von der Grundschule her. Es klingt, als würden viele Menschen schluchzen. Ihr Nachbar geht hinüber, um nachzusehen, was geschehen ist. Er kommt weinend zurück: Japan hat kapituliert. Bedingungslos.

Seit das Land im Dezember 1941 mit dem Überfall auf Pearl Harbor den Krieg mit den USA begonnen hat, sind 3,1 Millionen Japaner umgekommen, darunter 800 000 Zivilisten.

Am 2. September 1945 unterschreiben Vertreter der japanischen Regierung die Kapitulationsurkunde an Bord der "USS Missouri" in der Bucht von Tokyo.

Sechs Jahre nach dem deutschen Angriff auf Polen ist der Zweite Weltkrieg endgültig vorüber.

Fat Man

Gut drei Meter lang, vier Tonnen schwer - die mit 6,2 Kilogramm Plutonium gefüllte Bombe »Fat Man« ist die zweite und zugleich letzte Atomwaffe, die jemals in einem Krieg eingesetzt wurde

Nachdem er im Juli 1945 den Befehl zum Einsatz der Atombombe gegeben hatte, schrieb US-Präsident Harry Truman in sein Tagebuch: "Ich habe dem Kriegsminister gesagt, er solle sie so einsetzen, dass militärische Ziele und Soldaten und Matrosen getroffen werden und nicht Frauen und Kinder." In Nagasaki sterben mehr als 70 000 Menschen innerhalb der ersten fünf Monate nach der Explosion, doch nur etwa 330 sind Soldaten oder Angestellte des Militärs.

Und die Wirkung der Bombe hält weiter an. Viele Babys kommen mit zu kleinen Köpfen und geistig behindert zur Welt. Kinder und Säuglinge entwickeln sich langsamer und sterben häufiger als ihre Altersgenossen.

Einige Jahre nach Kriegsende erkranken ungewöhnlich viele Menschen an Leukämie, später auch an anderen Krebsarten. Wer seine Verbrennungen und die Verletzungen auskurieren konnte, trägt bis ans Ende seines Lebens entstellende Narbenwülste auf dem Körper, oft im Gesicht.

Matsu Moriuchi und ihr Großneffe Fujio überleben - als Einzige der Familie (der Vater des Fünfjährigen war wohl schon unter den ersten Opfern der Atombombe). Sie lassen sich im Süden der Stadt an der Mündung des Urakami- Flusses nieder, wo Matsu ihren Lebensunterhalt als Muschelsucherin verdient, obwohl sie seit jenem 9. August ihren linken Arm nicht mehr ohne Schmerzen bewegen kann.

Einige Kilometer weiter nördlich arbeitet Doktor Akizuki bald wieder in seinem Hospital. Er fühle keine Bitterkeit gegenüber den USA, wird der Arzt später einem britischen Publizisten erklären; die Staatsführung in Tokyo sei für die Zerstörung seiner Heimatstadt verantwortlich. Denn sie habe gewusst, dass Japan den Krieg verlieren würde.

Dennoch habe sie nichts getan, um ihn zu beenden.