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Kolonialismus in der Karibik Kampf um St. Kitts: Das Massaker auf der Tabakinsel

Auf St. Kitts leben Engländer, Franzosen und Kariben friedlich zusammen – dann kommt es 1626 zu einem grausamen Massaker
St. Kitts

Rund 175 Quadratkilometer misst St. Kitts, wo 1624 die erste englische Kolonie in der Karibik entsteht

Ausgerechnet auf demselben Eiland gründen Engländer und Franzosen ihre ersten Kolonien in der Karibik: auf St. Christopher, kurz St. Kitts genannt, das östlich von Puerto Rico liegt. Doch leben dort bereits einheimische Kariben. Und so treffen auf der Insel im frühen 17. Jahrhundert drei Mächte aufeinander – eine Koexistenz, die nicht lange friedlich bleibt.

Zwar beanspruchen die Spanier die ganze Region als Teil ihres Imperiums. Dennoch siedeln sie sich auf St. Kitts nie dauerhaft an, weil dort kein Gold zu finden ist.

Als aber der englische Kapitän Thomas Warner 1622 während einer Expedition auf die rund 175 Quadratkilometer große Insel stößt, begreift er deren Wert: Der fruchtbare Boden und das warme Klima scheinen ihm ideal für den Anbau von Tabak. Zudem liegt St. Kitts in sicherer Entfernung von den spanischen Schifffahrtsrouten. 1624 kehrt Warner zurück – mit der Erlaubnis seines Königs, auf St. Kitts eine Kolonie zu gründen.

Die Kariben begrüßen die Fremden zunächst freundlich. Ungestört errichten die Engländer im Südwesten der Insel eine Siedlung und roden Land für eine Plantage.

Doch bereits im Jahr darauf legen erneut Seeleute an der Küste von St. Kitts an: Der französische Kapitän Pierre Belain d’Esnambuc und seine Mannschaft sind einem spanischen Schlachtschiff entronnen und wollen eigentlich nur vor­übergehend haltmachen. Aber auch d’Esnambuc erkennt das Potenzial des Eilands – und lässt im Norden den ersten Stützpunkt Frankreichs in der Karibik errichten.

Gemeinsam bewohnen nun Kariben, Engländer und Franzosen die Insel, die 37 Kilometer lang ist und bis zu acht Kilometer breit. Drei erloschene Vulkane erheben sich über dichte Wälder, durch die sich etliche kleine Flüsse schlängeln; den Sand der Strände hat ihre Asche schwarz gefärbt.

Die Kolonisten beider Nationen pflanzen auf dem Eiland Tabak, um die Ernte in die Heimatländer zu schicken. Sie lassen einander gewähren, sichern sich sogar gegenseitige Hilfe zu – wohl aus Sorge, die Spanier könnten ihren Anspruch auf St. Kitts geltend machen.

Der Karibenhäuptling Tegremond wird jedoch zunehmend unruhig. Auf Schiffen kommen immer mehr Fremde an, und er fürchtet, sie könnten schon bald die ganze Insel übernehmen. Im Herbst 1626 fasst er daher angeblich den Plan, die Siedler im Schlaf zu überfallen.

Kolonisten metzeln die Kariben nieder

Doch der Überlieferung nach warnt eine Indianerin Warner und d’Esnambuc – die daraufhin beschließen, den Einheimischen zuvorzukommen. Gemeinsam laden Engländer und Franzosen den Häuptling mit anderen offenbar nichts ahnenden Kariben zu einem Fest: Sie schenken reichlich Alkohol aus und feiern wohl bis spät in die Nacht. Betrunken kehren die Gäste zu ihren Hütten zurück.

Im Schutz der Dunkelheit greifen die Europäer an. Sie er­stechen Tegremond, massakrieren rund 100 seiner Untertanen im Schlaf oder auf der Flucht.

Doch bereits am nächsten Tag sammeln sich die übrigen Kariben der Insel und schlagen zurück. Die Krieger töten Dutzende Europäer mit Giftpfeilen. Dann aber gelingt es Engländern und Franzosen dank ihrer Feuerwaffen, die Angreifer in einer Schlucht zusammenzudrängen. Als sich die Kariben ergeben, metzeln die Kolonisten sie nieder – und stoßen die Leichen in den Strom, der die Klamm durchfließt. Bis heute trägt das Gewässer den Namen „Blutiger Fluss“.

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St. Kitts wird zur britischen Kolonie

Nur wenige Monate später, im Mai 1627, legen die Engländer und Franzosen Grenzlinien fest, um das Eiland untereinander aufzuteilen. Für beide Mächte ist St. Kitts nur ein Anfang: Nach und nach gründen sie weitere Stützpunkte in der Karibik. Jahrelang leben die Kolonisten auf der Insel friedlich bei­ein­ander, obwohl ihre Heimatländer Rivalen sind, zuweilen sogar offene Feinde – wie in jenem europäischen Krieg, der sich 1701 an einem Streit um die spanische Thronfolge entzündet.

Der Friedensvertrag, der diesen Konflikt beendet, vertreibt die Franzosen schließlich von St. Kitts. Das Abkommen zwingt Paris 1713 dazu, seinen Teil des Eilands an London abzutreten. Die nunmehr einzige der ursprünglichen drei Mächte gebietet über die gesamte Insel: Ganz St. Kitts wird eine britische Kolonie – und bleibt es bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1983.