World Press Photo verliehen Was dieses Foto zum Pressebild des Jahres macht

Während eines Stromausfalls im Sudan rezitiert ein junger Mann Gedichte, nur Handylichter der Umstehenden erhellen die Szene. Mit diesem Foto gewann der Japaner Yasuyoshi Chiba den World Press Photo Award. Im Interview erklärt Lars Lindemann, GEO-Fotochef und diesjähriges Jury-Mitglied, was die Aufnahme preiswürdig macht
Was dieses Foto zum Pressebild des Jahres macht

Der sudanesische Diktator Omar al-Bashir ist zurückgetreten. Die jungen Demonstranten fordern nun mehr Mitbestimmung. 

Was macht das Bild von Yasuyoshi Chiba zu einem Pressebild des Jahres?

Das Bild der Jugendlichen, die in Khartoum friedlich gegen den sudanesischen Diktator Omar El-Bashir demonstrieren, steht stellvertretend für den Protest der jungen Generation in vielen Ländern der Welt gegen ihre autoritären Regierungen. Wie beispielsweise auch in Chile oder Hongkong. Damit löst es eines der wichtigsten Kriterien für das World Press Photo des Jahres ein. Es repräsentiert ein global bedeutendes Thema des vergangenen Jahres: Den Auftstand der Jugend.

Welche Rolle spielt die Ästhetik eines Bildes bei der Preisvergabe?

Ein ausgezeichnetes Bild sollte immer den Dreiklang von großartiger Komposition, einem relevanten Thema und starker Emotion erfüllen. Doch gab es in der Vergangenheit durchaus Bilder, die man als ästhetisch unperfekt bezeichnen könnte, die sich aber dennoch in das kollektive Gedächtnis eingebrannt, die Menschen bewegt und auch Dinge verändert haben. Ein schönes Bild bleibt aber eben nur ein schönes Bild. So geben am Ende Motiv und Thema den Ausschlag.

Ist bei den Gewinnerbildern der vergangenen Jahre ein Trend zu erkennen?

Der World Press Photo Wettbewerb hat sich sehr verändert und sich auch neuen Bildsprachen und Herangehensweise geöffnet. Eine wichtige Änderung war auch, nun alljährlich zwei Hauptpreise zu vergeben. Einen für das Pressebild des Jahres und einen für die Geschichte des Jahres. Die Wiederholung stereotyper Bilder aus Konflikt-, Katastrophen und Kriegsgebieten allein wird niemand mehr den Wettbewerb gewinnen lassen. Und das ist auch gut so. Vielleicht ist das der wichtigste Trend der letzten Jahre.

Was dieses Foto zum Pressebild des Jahres macht

Seit vergangenem Jahr gibt es einen zweiten Hauptpreis beim World Press Photo Award: Diese Auszeichnung für die beste Fotostrecke geht an den Franzosen Romain Laurendeau für seine Langzeitbeobachtung der Protestbewegung in Algerien.

Du warst in der Jury für die Kategorien „Natur“ und „Umwelt“. Gewinnen diese im Zuge der Nachhaltigkeitsdebatte an Bedeutung?

Auf jeden Fall. Das zeigt sich nicht nur an der Vielzahl der Einreichungen aus aller Welt in dieser Wettbewerbs-Kategorie. Themen wie die Klimakrise und das Artensterben gehören zu den größten Bedrohungen unser Zeit und so beschäftigen sich auch immer mehr Fotojournalist*innen damit. Diese Themen mit ihren tragischen Ikonen werden den World Press Photo Award zukünftig noch stärker bestimmen.

Üblicherweise werden die Gewinner im Rahmen einer großen Preisverleihung gekürt. Wie war es in diesem Jahr?

Die große Preisverleihung in Amsterdam wurde aufgrund der Pandemie-Krise selbstverständlich abgesagt, was mir ganz besonders für die Preisträger*innen sehr leidtut. Der World Press Photo Award ist ja sozusagen der Oscar für den Fotojournalismus. Diese besondere Würdigung und Aufmerksamkeit - nach meist harter und mitunter lebensgefährlicher Arbeit - fiel nun deutlich reduzierter aus. Die World Press Stiftung hat sich aber viel Mühe gegeben, eine virtuelle Entsprechung zu finden. Es gab eine Videokonferenz mit allen Nominierten, dem Team von World Press Photo, den Juroren und einigen wichtigen Partnern. Schirmherr Prinz Constantijn von Oranien-Nassau war auch per Interview-Aufzeichnung dabei. Ich hoffe nun sehr, dass die Ausstellungen, die sonst Millionen von Besuchern in über 50 Ländern sehen, zumindest teilweise noch statt finden können. Die für Anfang Mai geplante Eröffnung der World Press Photo-Ausstellung hier im Verlagsgebäude von Gruner + Jahr in Hamburg muss aber leider ausfallen. 

Was dieses Foto zum Pressebild des Jahres macht

Preisverleihung per Videokonferenz. Oben rechts im Bild: Lars Lindemann

Die meisten Pressefotografen arbeiten international. Aktuell aber ist das Reisen stark eingeschränkt. Wie sehr trifft die Corona-Krise die Branche?

Die Branche ist, wie so viele andere auch, hart getroffen. Etliche Kolleg*innen lebten eh schon am Rande des Existenzminimums. Deren Situation verändert sich nun gerade dramatisch. Doch auch der Corona-Virus wird nicht das Ende des - schon mehrfach für scheintot erklärten - Fotojournalimus bedeuten. Es wird sich ganz gewiss einiges ändern. Ich bin mir allerdings sicher, dass wir auch in den kommenden Jahren noch viele relevante und preisverdächtige Arbeiten zu den großen Themen unser Zeit sehen werden.