Großmeister der Impfstoffe Warum Millionen Menschen Maurice Hilleman ihr Leben verdanken

Seinen Namen kennen hierzulande nur wenige. Dabei bewahrt seine Arbeit bis heute viele Menschen vor dem Tod. Maurice Hilleman entwickelte rund 40 Impfstoffe - und musste sich dennoch gegen Beschimpfungen und Morddrohungen wehren
Maurice Hillemann

Maurice Hilleman (1919 - 2005) bespricht im Walter Reed Army Institute of Research eine Studie zum Grippevirus. Für die rechtzeitige Entwicklung eines Impfstoffs gegen einen Grippeausbruch in Hongkong 1957 erhielt der Mikrobiologe die Distinguished Service Medal der US Army.

Das Leben des Mannes, der unzählige Menschenleben retten sollte, begann mit einer Tragödie: Als Maurice Ralph Hilleman am 30. August 1919 im US-Bundesstaat Montana geboren wurde, starben seine Zwillingsschwester und seine Mutter.

Als Hilleman 85 Jahre später selbst aus dem Leben schied, nahm das die Weltöffentlichkeit kaum wahr. Die medizinische Fachwelt jedoch wusste, welch bedeutenden Menschen sie verloren hatte: Hilleman habe vermutlich mehr Leben gerettet als jeder andere Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts, sagte Anthony Fauci, Leiter der Behörde, die Donald Trumps erratische Politik in der Corona-Pandemie wissenschaftlich zu beeinflussen sucht: der National Institute of Allergy and Infectious Dieseases (NIAID).

Hilleman entwickelte zahlreiche Standard-Impfungen

Weltbekannte Mikrobiologen, das sind Robert Koch oder Louis Pasteur. Doch war es auch Maurice Hilleman, der dafür sorgte, dass viele Krankheiten, die noch vor wenigen Jahrzehnten Kinderleben gefährdeten, heute kaum noch gekannt werden. In den USA basieren 8 von 14 Standardimpfungen für Kinder auf seiner Arbeit. Insgesamt entwickelte der Amerikaner rund 40 Impfstoffe für Menschen und Tiere.

Nach seiner Promotion in Mikrobiologie an der Universität von Chicago forschte er für das Wissenschafts- und Technologieunternehmen Merck - und stellte seine außergewöhnliche Gabe, Fachwissen mit praktischen Versuchen zu verknüpfen, unter Beweis. So auch, als 1963 seine fünfjährige Tochter an Mumps erkrankte. Er entnahm Proben aus ihrem Rachen, fror sie im Labor ein und nutze sie für seine Forschung - um vier Jahre später einen Impfstoff gegen Mumps zu entwickeln.

Bahnbrechend sind Impfstoffe, die gegen mehrere Krankheiten helfen

In den 1960er Jahren war Mumps eine weit verbreitete Kinderkrankheit, der einzige Heilungsansatz der Mediziner: Bettruhe. Dabei kann die Krankheit einen schweren Verlauf nehmen, Hirnhaut oder das Gehirn selbst, Hörnerven oder Hoden sich entzünden. Bis heute können, wie bei fast allen Viruserkrankungen, nur die Symptome, nicht aber die Erkrankung selbst behandelt werden.

Aber: Wer sich gegen Mumps impfen lässt, ist - bis auf sehr wenige Ausnahmen - immun gegen das Virus. Laut RKI werden in Deutschland heute jährlich nur noch rund 700 Mumpserkrankungen pro Jahr gemeldet.

Hilleman entwickelte Impfstoffe, die gegen mehrere Krankheiten schützen - wie zum Beispiel bei der gegen Mumps, Masern und Röteln, eines seiner größten Vermächtnisse.

Falsche Studien bringen Hillemans Lebenswerk in Gefahr

Gegen Ende des 20. Jahrhundert wurde eben jenes von einem Wissenschaftskollegen in Gefahr gebracht. Das renommierte medizinische Fachjournal The Lancet veröffentlichte 1998 einen Artikel, in dem eine Studie zeigen sollte, dass die MMR-Impfung zu einer Autismus-Epidemie führen könne.

Verschiedene unabhängige Studien zeigten letztendlich, dass es keine Verbindung zwischen MRR-Impfungen und Autismus gibt. Einmal in die Welt gesetzt, verschwindet eine solche „Wahrheit“ jedoch nicht so einfach: Eltern zögerten, ihre Kinder impfen zu lassen, Hilleman erhielt Hassbriefe und Morddrohungen.

2010 entzogen die britischen Behörden dem führenden Autor der Autismus-Studie Andrew Wakefield seine ärztliche Zulassung. The Lancet zog den Artikel zurück - fünf Jahre nach dem Tod Hillemans. Wakefield hatte von Anwälten Geld erhalten, die die Impfstoffhersteller verklagen wollten.

Windpocken
Gesundheit
Impfen!? Alle Antworten für die richtige Entscheidung
Eine lautstarke Minderheit macht gegen das Impfen mobil und verunsichert viele Menschen. Was ist dran an den Argumenten der Impfgegner?

Nichtsdestotrotz ist das Lebenswerk Hillemans bis heute in Gefahr. Die Weltgesundheitsorganisation strebt eine Ausrottung der Masern an; in manchen Fällen kann die vor allem Kinder betreffende, hoch ansteckende Infektionskrankheit tödlich verlaufen. Um alle gegen die Masern zu schützen, auch diejenigen, die nicht gegen das Virus geimpft sind, bräuchte es eine Impfquote von 95 Prozent der Bevölkerung.

Zwar verzeichnet die WHO seit den 1980er Jahren große Erfolge und stark zurückgehende Opferzahlen. Jedoch warnte sie zuletzt: Die Krankheit sei wieder auf dem Vormarsch, die Zahl der Erkrankten steige. Der Grund seien zu niedrige Impfraten, vor allem die zweite Impfung werde oft nicht verabreicht. Angesichts der scheinbar einfachen Lösungen des Problems bezeichnete WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus den Tod vieler Kinder als ungeheuerlich.

Der deutsche Bundestag im November 2019 eine Impflicht gegen Masern beschlossen - womit die Zahl der Menschen, die Maurice Ralph Hilleman post mortem vor dem Tod bewahrt, weiter steigt.