Mein Leben im Lockdown Corona-Krise in Vietnam: "Siehst du jemanden, der hustet, kannst du die Polizei informieren"

In der Serie "Mein Leben im Lockdown" telefoniert GEO mit Menschen von Alaska bis Zimbabwe: 7,752 Milliarden Weltbürger sind von Corona betroffen. Wie gehen sie damit um? Unseren Fragebogen beantwortet heute Ha Le Nguyen aus Hanoi, Vietnam. Die meisten Restaurants, Bars und Hotels haben geschlossen. Die Polizei kontrolliert die Betriebe und verteilt auf der Straße Atemschutzmasken.
Ha Le aus Vietnam

Ha Le Nguyen, 21, IT-Student in Hanoi. GEO begleitet seinen Werdegang seit seiner Geburt: Alle fünf Jahre haben wir ihn und seine Familie für das Langzeitprojekt „Menschenkinder“ besucht. Im Januar 2020 hat er ein Praktikum in unserer Redaktion gemacht. Seit drei Wochen ist er zurück in Vietnam

Corona-Situation in Vietnam am 30.03.2020: 194 bekannte Fälle, 52 Genesene. Schulen und Universitäten sind schon seit Februar geschlossen, viele Ausbildungsstätten bleiben bis Mitte April oder sogar bis Mai zu. Die Bevölkerung ist aufgefordert, nur für wichtige Arbeit und zum Einkauf rauszugehen. Viele Restaurants, Bars und Kinos sind zu; in Hoh Chi Minh wurde eine Ausgangssperre verhängt.  

Wie arbeitest du jetzt?  

Ich hocke zuhause, wir leben mit sechs Leuten in eineinhalb Zimmern. Eigentlich kann ich nicht viel tun. Ein IT-Praktikum, über das ich meine Abschlussarbeit schreiben wollte, ist wegen Corona geplatzt.    

Wie beschäftigst du dich?  

Ich langweile mich, mache Computerspiele mit Freunden, streichle die Katze. Ich wollte eigentlich ins Kino, mit einem Mädchen, das ich sehr mag. Aber Mai, meine Mutter, hat gesagt, das sei keine gute Idee. Jetzt bleibt uns wohl bis zum Monatsende nur das Chatten.    

Was ist die größte Herausforderung für Deine Nachbarschaft?

In Hanois Altstadt leben viele Menschen auf sehr wenig Raum. Es ist schwer, bei Infizierten zu rekonstruieren, wer zu wem Kontakt hatte. Als ich aus Deutschland wiederkam, war hier noch alles voller Touristen.  


Wie sieht die gesundheitliche Versorgung aus?  

Wir haben wenig Krankenhausbetten, deshalb gelten sehr strenge Regeln. Wer aus dem Ausland kommt, muss 14 Tage in Quarantäne. Damit es keine Neuinfektionen gibt, sollen wir bis zum Monatsende soweit wie möglich zuhause bleiben. Außerdem müssen wir alle ein Formular für einen Gesundheitscheck ausfüllen.  

Wie informierst du dich?  

Die Regierung hat sehr gute Seiten auf Facebook, Instagram und den vietnamesischen sozialen Medien eingerichtet. Sie hat sogar Corona-Lieder komponieren lassen, die sehr populär sind. Über die sozialen Medien kontaktiert uns das Gesundheitsministerium auch direkt. Und es veröffentlicht, wer in Quarantäne ist. Wenn du jemanden siehst, der hustet, kannst du die Polizei informieren. Wir haben ein paar neue Fälle, weil Leute ihre Symptome versteckt haben.   

Habt Ihr Vorräte zu Hause?  

Ja, aber nicht viele. Nur für ein, zwei Monate. Sonst verderben sie nachher.  

Was isst deine Familie heute Abend?  

Meine Mutter kocht gerade eine Fischsuppe. Dazu essen wir Reis.  

Gibt es etwas Gutes, was in deiner Nachbarschaft aus der Corona-Krise entstanden ist?  

Die Straßen sind leerer und sauberer als früher. Und ich beobachte, dass sich alle an die Regeln halten: Sie tragen Masken, haben eigenes Desinfektionsmittel dabei.    

Wovor hast Du Angst?  

Vor Kranken, die die Quarantäne nicht einhalten.  

Was macht Dir Hoffnung?  

Vietnam hat einen Corona-Test entwickelt, mit dem sich das Virus innerhalb von zwei Stunden nachweisen lässt. Das wird jetzt in andere Länder verkauft, auch nach Deutschland. Ich hoffe, dass Vietnam damit der Welt einen guten Dienst erweist.  

Wenn du an der Macht wärst: Was würdest du jetzt tun?  

Dazu fehlt mir die Expertise.    

Wie lautet dein Rat: Wie kann jeder dazu beitragen, diese Krise zu überwinden?  

Geht nicht mehr raus! Es sei denn, es geht um Leben oder Tod.    

Wie, glaubst du, sieht die Welt nach Corona aus?  

Wir werden vorsichtiger im Kontakt mit anderen werden. Ihr Europäer umarmt Euch gerne zur Begrüßung, in Vietnam machen wir das selbst in der Familie allenfalls bei besonderen Anlässen. Und die Hand schütteln wir nur bei offiziellen Terminen.    

Wann hast du das letzte Mal herzhaft gelacht?  

Lacht. Gestern, nein, jetzt. Was für eine komische Frage. Selbst im Krieg lachen die Menschen doch noch. In der Corona-Krise sind wir zuversichtlich, aber vorsichtig. Wir leben im Hier und Jetzt.  

Interview: Ines Possemeyer