Mein Leben im Lockdown Corona-Krise in Norwegen: "Wenn König Harald sagt, wie wichtig Zusammenhalt ist, nehmen das alle ernst"

In der Serie "Mein Leben im Lockdown" telefoniert GEO mit Menschen von Alaska bis Zimbabwe: 7,752 Milliarden Weltbürger sind von Corona betroffen. Wie gehen sie damit um? Unseren Fragebogen beantwortet heute Sandra Rock aus Norwegen.
Sandra Rock aus Norwegen

Die Krankenschwester Sandra Rock, 42, ist mit einem Norweger verheiratet und arbeitet seit fünf Jahren in der Kleinstadt Nome in einem Alten- und Pflegeheim. Das Paar hat einen vierjährigen Sohn

Corona-Situation in Norwegen am 26.03.2020: Rund 60 000 Bürger wurden bisher getestet, 3380 sind infiziert, etwa 200 davon liegen im Krankenhaus. Norwegen hat bereits am 12. März alle Schulen und Kindergärten geschlossen und die Menschen aufgefordert, möglichst zu Hause zu bleiben: Es sind die einschneidendsten Maßnahmen, die das Land in Friedenszeiten erlebt hat. Seit einigen Tagen darf die Regierung auch ohne Mehrheit im Parlament Vorschriften erlassen. 

Wie arbeitest Du jetzt?

Wir sind nicht mehr ganz so herzlich miteinander, halten Abstand, keiner trifft sich mehr im Pausenraum. Ich bin trotzdem froh, dass ich einen Job habe, wo ich noch hingehen und andere Leute sehen kann. Aber die Alten kriegen keinen Besuch mehr, das Heim ist komplett abgeriegelt. Für die, die noch klar im Kopf sind, ist das ein Riesenthema. Nachmittags und abends rufen zwar Angehörige an. Aber viele Patienten sind in einem so schlechten gesundheitlichen Zustand, dass telefonieren zu anstrengend ist. Für die wäre es leichter, wenn da jemand am Bett sitzen und die Hand halten könnte. 

Was ist die größte Herausforderung für Deine Umgebung?

Alle wollen jetzt eigentlich zu ihrem Ferienhaus. Aber die Regierung hat klar gemacht: Die Gemeinden, in denen Eure Hütte steht, können Euch nicht aus den Bergen holen, bleibt bitte zu Hause. Das ist für die Norweger schwierig, jetzt ist Frühling, die schönste Zeit. Alle halten sich dran und sind sehr diszipliniert. Aber ganz viele Leute sitzen eben zu Hause und denken darüber nach, dass sie vielleicht ihren Job verlieren. Diese soziale Isolation gerade in einer Krisensituation ist eigentlich unmenschlich und macht das Ganze schwer erträglich. 


Was machst Du, um das Virus zu vergessen?

Weil ich meinen Vierjährigen zu Hause habe, spiele ich viel. Die Playmobilmännchen werden allerdings nicht mehr gefangen und ins Gefängnis gesperrt - die kommen jetzt in Quarantäne. 

Wie beschäftigst Du Dein Kind sonst noch?

Mein Mann arbeitet nur noch die Hälfte der Tage im Büro. Wenn ich von meiner Nachtschicht komme, dann geht er mit unserem Sohn raus. Hinterm Haus haben wir Berge, die über 1000 Meter hoch sind, da können die beiden gut auf eine kleine Skitour gehen. 

Gibt es etwas Gutes, was aus der Corona-Krise entstanden ist? 

Für Oma und Opa schreiben wir wieder ganz altmodisch Briefe, malen Bilder und schicken die nach Deutschland. Dazu haben wir normalerweise keine Zeit und denken: „Ach, wir sehen uns sowieso bald wieder.“

Wovor hast Du Angst?

Es ist ein ganz ekliges Gefühl, dass die Grenzen zu sind. Dass Du nicht eben kurz zu Deiner Familie nach Deutschland kannst. Und nicht zu wissen, wie lange das Ganze dauern wird. 

Was macht Dir Hoffnung?

Was ich toll fand, gerade als Deutsche, die einer Monarchie eher kritisch gegenübersteht: So ein König hat genau in einer solchen Situation eine geniale Rolle. Der ist im Fernsehen aufgetreten. Und wenn König Harald sagt, wie wichtig Zusammenhalt in dieser Zeit ist: Da hören alle zu, das nehmen alle ernst. 

Wann hast Du das letzte Mal herzhaft gelacht?

Heute morgen. Über meinen Sohn. Er hat mich dabei erwischt, wie ich eine Spinne erschlagen habe. Normalerweise setze ich die immer raus. Und ich habe versucht, das zu rechtfertigen: "Hier drinnen sind ja wir zu Hause, da wollen wir die nicht haben." Und als wir später vor die Tür gegangen sind, hat mein Sohn gesagt: "Mama, jetzt müssen wir aber aufpassen, hier sind die Spinnen zu Hause!"

Interview: Gesa Gottschalk

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