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Diamantene Königin Wie Queen Elisabeth II. die englische Monarchie am Leben erhält

Auch im 21. Jahrhundert ist die mehr als 1000 Jahre alte englische Monarchie am Leben. Dass es das Königtum auf der Insel trotz aller Krisen und Skandale noch gibt, ist vor allem das Verdienst einer Frau: Queen Elisabeth II.
Queen Elisabeth II.

Elisabeth II. in meditativer Pose: Je länger die Königin herrscht, desto beliebter wird sie bei ihren Landsleuten. Laut jüngsten Umfragen gilt sie als die bedeutendste Monarchin der englischen Geschichte  

Die Erbmonarchie ist im Zeitalter der Demokratie ein Anachronismus, das Relikt einer weit zurückliegenden Vergangenheit. Doch ausgerechnet in England, dem Mutterland parlamentarischer Regierung, hält sich das Königtum – obwohl ihm wieder und wieder der Untergang vorhergesagt worden ist: Bereits 1792, angesichts des Ausbruchs der Französischen Revolution und der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika kurz zuvor, prophezeite der Philosoph Thomas Paine, in England geborener Gründervater der USA, der Monarchie blieben noch sieben Jahre. Joseph Chamberlain, führender Politiker der britischen Liberalen um 1900, verkündete ihr bevorstehendes Ende ebenso wie 50 Jahre später der Dramatiker John Osborne.

Aber alle irrten: Auch im 21. Jahrhundert existiert das englische Königtum weiter, mittlerweile seit mehr als einem Jahrtausend. Es hat eine Revolution ebenso überstanden wie zwei Weltkriege und den Niedergang des Empire – sowie die Skandale, in die Mitglieder der Windsor-Dynastie immer wieder verstrickt waren. Während Großbritannien im Streit um die Zugehörigkeit zu Europa auseinanderzubrechen droht, ist die Monarchie populärer denn je. Und das ist vor allem das Verdienst ihres derzeitigen Oberhaupts: Königin Elisabeth II. Denn ihr ist es gelungen, die in ihren Grundsätzen mittelalterliche Institution in die Moderne hinüberzuretten – freilich zu einem hohen Preis.

Ohne Ausbildung auf den Thron

Dabei war Elisabeth für die Rolle einer Modernisiererin der Monarchie eigentlich denkbar ungeeignet. Als sie 1926 zur Welt kam, schien unwahrscheinlich, dass sie einmal den Thron besteigen würde. Ihr Vater war der jüngere Bruder des Kronprinzen und späteren Königs Eduard VIII. Und dessen ehelichen Kinder würden vor Elisabeth in der Thronfolge stehen. Daher wurde die Prinzessin auch nicht wie ein zukünftiges Staatsoberhaupt ausgebildet, sondern auf ein Leben als typische Vertreterin des Hochadels vorbereitet – und zwar nach den Regeln des 19. Jahrhunderts: Elisabeth besuchte nie eine Schule, die Erziehung übernahmen Gouvernanten; der Unterricht beschränkte sich auf Tanzen, Malen, Religion, Literatur und Reiten. Ihr Vater legte besonderen Wert auf das Lernen einer schönen Handschrift. Dazu kam später ein wenig Unterricht in Geschichte, vor allem der der eigenen Nation.

Kontakte außerhalb des Hofes gab es so gut wie nicht: Belegt ist nur eine Fahrt mit der Londoner U-Bahn, die Elisabeth mit ihrer Schwester (und natürlich bewacht) unternahm. Die Ausbildung änderte sich auch nicht, als Elisabeth einen Sprung nach vorn in der Thronfolge machte: Eduard VIII. wollte 1936 eine zweimal geschiedene, bürgerliche Amerikanerin heiraten – wegen des christlichen Scheidungsverbots unmöglich für den Monarchen, der ja auch das Oberhaupt der anglikanischen Kirche ist. Ein ungeheurer Skandal wallte auf, die Regierung verbot die Hochzeit, und Eduard, der auf die Heirat nicht verzichten wollte, dankte zugunsten seines Bruders Georg VI. ab – dem Vater Elisabeths, die als Erstgeborene nun zur heir presumptive aufrückte, zur vermutlichen Thronerbin.

Der Moment, den Thron zu besteigen, kam für die 25-jährige Kronprinzessin viel zu früh: Georg VI. starb bereits Anfang 1952 an Lungenkrebs. „In mancher Hinsicht hatte ich keine Lehrzeit“, sagte die Königin später einmal. Die Nachricht vom Tod des Monarchen erreichte Elisabeth auf einer Reise in Kenia. Die Kunde nahm ihr Ehemann Prinz Philip entgegen; der habe, erinnerte sich sein Sekretär später, ein Gesicht gemacht, „als habe man die ganze Welt auf seine Schultern fallen lassen“.

Viele Befugnisse aber wenig Redefreiheit

Das Spektakel ihrer Krönung offenbarte die Paradoxien, die die Monarchie umgeben: Da waren einerseits die goldene Kutsche, die pelzverbrämten Roben und edelsteinbesetzten Kronen; die prachtvollen Uniformen der 30 000 paradierenden Soldaten, die 8251 Gäste der Zeremonie in der Westminster Abbey, die 129 Staaten und Territorien repräsentierten – das Gepränge eines reichen Landes, mobilisiert von einem in Wirklichkeit armen Staat, der acht Jahre nach dem Ende des Weltkriegs dessen Folgen bei Weitem noch nicht überwunden hatte; in dem Lebensmittel wie Fleisch rationiert waren (die Rationierungen für Schokolade wurden eigens für die Krönungsfeier aufgehoben). Da war, das zweite Paradox, der Titel einer „Königin von Gottes Gnaden“; während der Krönung überreichte ihr der Erzbischof ein Schwert, „zum Schutz des Guten und zur Bestrafung des Bösen“ – als habe Elisabeth die Befehlsgewalt eines mittelalterlichen Fürsten.

In der Tat scheint es, als sei die Macht der Königin noch immer gewaltig: Sie ist nach wie vor Oberkommandierende der Armee, beruft den Premierminister und die Bischöfe der anglikanischen Staatskirche, erhebt Bürgerliche in den Adelsstand, ohne ihre Zustimmung erlangt kein Gesetz Gültigkeit. Doch alle diese Befugnisse übt sie nur aus, wenn Kabinett und Parlament es ihr gebieten. In ihren öffentlichen Reden darf die Königin keine eigenen Gedanken äußern; sie muss sich an den von der Regierung diktierten Text halten (die einzige Ausnahme ist die Weihnachtsbotschaft). Nicht mehr als schöner Schein waren auch die Symbole imperialer Größe, die Elisabeth am Tag ihrer Krönung trug: etwa das Zepter, das an der Spitze geschmückt ist mit einem Teilstück des größten je gefundenen Diamanten. Ein Geschenk, 1907 von den südafrikanischen Untertanen König Eduard VII. dargebracht – damals der Herr eines weltumspannenden Imperiums, das ein Viertel der Erdoberfläche umfasste und bewohnt wurde von mehr als 400 Millionen Menschen.

Großbritannien am Rande der Bedeutungslosigkeit

Seine Urenkelin Elisabeth herrscht dagegen seit 1952 über Großbritanniens Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. Nie wurde das so deutlich wie in der Suezkrise: 1956 wollte London (im Verbund mit Frankreich und Israel) seine Macht im Nahen Osten demonstrieren – und scheiterte kläglich. Der Angriff auf Ägypten, das den Suezkanal gegen die Proteste der britischen Regierung verstaatlicht hatte, wurde von Washington zurückgepfiffen. England als Befehlsempfänger der einstigen Kolonie USA: Das war eine zutiefst demütigende Erkenntnis. 27 Millionen Bürger des Vereinigten Königreichs (bei einer Gesamtbevölkerung von 36 Millionen) sahen Elisabeths Krönung an den Bildschirmen, weltweit waren es mehr als 300 Millionen: das erste Megaevent der TV-Geschichte. Es veränderte die Monarchie vielleicht stärker als je ein Ereignis seit der Hinrichtung Karls I. durch das Puritaner-Parlament 1649.

Walter Bagehot, Autor des wohl bedeutendsten Werkes über die englische Verfassung, hatte bereits im 19. Jahrhundert vor allzu viel royaler Publicity gewarnt: „Das Königshaus soll Verehrung genießen. Wenn man damit beginnt, in ihm herumzuschnüffeln, kann man es nicht mehr verehren. Es lebt von seinem Mysterium. Wir dürfen nicht zulassen, dass der Zauber vom Tageslicht zerstört wird.“ Die Live-Übertragung ihrer Krönung hatte Elisabeth eigentlich nicht gewollt. Doch Proteste der Presse ließen sie nachgeben. Und in ihrem Bestreben, die Monarchie zu modernisieren (und wohl auch, um ihre Popularität zu bewahren), erlaubte sie in den folgenden Jahrzehnten immer mehr Öffentlichkeit; die Mitglieder der Royal Family wurden, wie ein US-Magazin spottete, zu Darstellern in einer soap opera.

Die Windsors: Eine ganz normale Familie

1969 konnten die Briten ihrer Monarchin und deren Familie dann so nahe kommen wie nie zuvor: Eine 110-minütige BBC-Dokumentation zeigte Prinz Philip beim Grillen, Elisabeth beim Small Talk, die Söhne Charles und Edward beim Musizieren – insgesamt die Royals als eine (fast) ganz normale Familie. Er ermorde die Monarchie, warf der Regisseur David Attenborough dem Macher des Films damals vor – womöglich zu Recht. Denn es war, als habe diese Nähe einen Geist aus der Flasche gelassen: Immer mehr wurde das Privatleben der Windsors nun zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion, die ja von der Königin selbst legitimiert zu sein schien und schon bald keine Grenzen mehr kannte.

Ob es um Liebesaffären ging, zerbrochene Ehen, wilde Partys pubertierender Prinzen; ob um Privilegien der Königin, Kosten der Monarchie, die charakterliche Eignung des Thronfolgers: Alles wurde (und wird bis heute) ausgiebig berichtet, erörtert. Und kritisiert – zumal in der vergifteten Atmosphäre der 1980er Jahre, als die neoliberalen Anhänger der Premierministerin Margaret Thatcher alle Traditionen des alten England attackierten. So nannte etwa die (konservative!) „Sunday Times“ die Monarchie 1984 „ein Beruhigungsmittel, phlegmatisch, fatalistisch“, angeführt von Menschen, die „mit zu wenig Bildung ausgestattet und durch Inzucht entstanden“ seien.

Mit taktischer Klugheit modernisiert Queen Elisabeth II. das Königshaus

Wahrscheinlich war die Öffnung der Monarchie im Zeitalter der Demokratie unumgänglich – schließlich sind es die ganz normalen Steuerzahler, die sie finanzieren. Doch durch ihre Entmystifizierung ist sie angreifbar geworden. Und es ist die große Leistung Elisabeths II., dass sie mit taktischer Klugheit jeden Angriff parieren konnte – auch wenn das bedeutete, mancher Vorrechte zu entsagen und etwa freiwillig Einkommensteuern zu zahlen. Oder auf ihre geliebte (und teure) Staatsyacht „Britannia“ zu verzichten. Oder beim Tod Prinzessin Dianas 1997 (mit etwas Verspätung) sämtliche Traditionen dreinzugeben, zum ersten Mal überhaupt den Union Jack über dem Buckingham-Palast auf halbmast hissen zu lassen und in einer emotionalen Fernsehansprache die Verstorbene als eine Art Heilige zu preisen.

Was Elisabeth wirklich dabei dachte, ist nicht bekannt. Nur ganz selten einmal meint man hinter der dicken Schicht royaler Dezenz einen persönlichen Standpunkt der Monarchin zu erkennen. Etwa in der Diskussion, die Großbritannien im Moment zu zerreißen droht: 2016 stimmte eine knappe Mehrheit der Briten für den Austritt aus der Europäischen Union. Seither wird die Auseinandersetzung zwischen den Lagern der remainers, die für den Verbleib sind, und der Brexiteers mit immer wütenderer Schärfe geführt.

Politische Zeichen der Monarchin in Zeiten des Brexit

In der Konservativen Partei ist der Hass auf die EU inzwischen derart erbittert, dass eine überwältigende Mehrheit der Mitglieder lieber den Verlust von Schottland und Nordirland und damit das Zerbrechen des Vereinigten Königreichs in Kauf nehmen würde, als auf den Brexit zu verzichten. Die Queen äußert sich grundsätzlich nicht zur Politik. Umso tieferen Eindruck machten die Andeutungen in einer Rede, die sie Anfang 2019 hielt: Sie bevorzuge „bewährte Rezepte“ auf der Suche nach neuen Antworten in der modernen Zeit. Es gehe darum, „gut übereinander zu reden, unterschiedliche Standpunkte zu respektieren, Gemeinsamkeiten auszuloten“. In aller gebotener Diskretion, so waren sich manche Beobachter sicher, habe die Königin damit erkennen lassen, dass sie für einen Verbleib Großbritanniens in der EU sei.

Die oft überscharfe Kritik an ihr ist mittlerweile wieder jener Wertschätzung gewichen, die Elisabeth schon zu Anfang ihrer Regierungszeit entgegengebracht wurde. War die junge Königin damals das Symbol der Hoffnung auf eine neue Zeit, wird sie nun dafür verehrt, mehr als 65 Jahre lang amtiert zu haben, länger als jeder ihrer Vorgänger auf dem Thron – und dabei vollkommen skandalfrei geblieben zu sein. Nicht zuletzt aber ist es wohl gerade die unzeitgemäße Grandiosität der englischen Monarchie, die deren Popularität begründet: als Erinnerung an die einstige Bedeutung des Königreichs – und die Größe des Empire.

GEO EPOCHE Kollektion Nr. 16 - England
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