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Experimenta-Chef im Interview "Das klassische Pauken wird unwichtiger"

Wolfgang Hansch
"Jeder Mensch muss an seinen Stärken gemessen werden", sagt Wolfgang Hansch, "denn das ist es, was er in die Gesellschaft einbringen kann"​. Der Geologe leitet das Science Center in Heilbronn
© Terzo Algeri / Experimenta
Mit der neuen Experimenta steht in Heilbronn seit diesem Jahr das größte Science Center Deutschlands. Wir haben mit Geschäftsführer Wolfgang Hansch über Wissensvermittlung im 21. Jahrhundert und Nachwuchssorgen im MINT-Bereich gesprochen

Interview: Jan Henne

GEO.de: Jüngst war zu lesen, dass Deutschland mehr als 300.000 Arbeitskräfte im sogenannten MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) fehlen. Was läuft da schief?

Wolfgang Hansch: Es gibt mehrere Tausend MINT-Initiativen in Deutschland. Der Effekt scheint aber bescheiden. Woran das liegt? Ich glaube, für Mathematik, Technik oder Naturwissenschaften im Generellen benötigt man eine große Begeisterung. Sie ist die Voraussetzung für ein Studium oder auch eine Ausbildung. Die Begeisterung muss aber bei sehr vielen Menschen erst einmal geweckt werden, und das muss früh beginnen. Viele MINT-Initiativen fördern aber meisten Einzelprojekte – mal in der Realschule, mal im Kindergarten. Es fehlt die Kontinuität, und so flacht das Interesse häufig wieder ab. Wir brauchen eine Förderung, die aufeinander aufbaut, und eine bessere deutschlandweite Vernetzung. Zurzeit macht jeder punktuell etwas. Da spielt natürlich auch der Föderalismus eine Rolle.

Experimenta
Futuristisch spiegelt sich der Experimenta-Neubau (r.) auf der Heilbronner Forscherinsel im Neckar
© Roland Halbe

Sie haben zusammen mit der Agentur für Arbeit und der Universität Ulm eine Talentsuche eingerichtet. Was steckt dahinter?

Junge Leute möchten auf der einen Seite einen Beruf ergreifen, der ihnen möglichst ein Leben lang Spaß macht. Auf der anderen Seite muss ich aber wissen, ob ich überhaupt für meinen Wunschberuf geeignet bin. Ich muss also die Möglichkeit haben, mich auszuprobieren. Die gesamte Experimenta ist ein Ort, an dem ich das kann. Anders als vielleicht in der Schule habe ich hier keinerlei Drucksituation. Ganz konkret auf die Berufsorientierung abzielend haben wir zudem 24 Talentstationen, an denen bestimmte Fertigkeiten abgefragt werden. Spiele ich diese Exponate, bekomme ich eine direkte Rückkopplung, wie gut ich im Vergleich zu anderen Besuchern in meiner Altersgruppe abgeschnitten habe.

Ich war eher schlecht in Mathe und Physik. Wäre ich aus so einer Talentsuche nicht frustriert herausgegangen?

Nein, das wären Sie nicht. Weil bei uns jeder seine Stärken zurückgemeldet bekommt. Kinder und Jugendliche scheitern oft daran, dass man ihnen ständig ihre Schwächen vorhält. Dabei muss jeder Mensch an seinen Stärken gemessen werden – denn das ist es, was er in die Gesellschaft einbringen kann. Außerdem fragen wir nicht nur naturwissenschaftliche Fertigkeiten ab. Die Talentsuche basiert auf dem RIASEC-Modell des amerikanischen Psychologen John L. Holland. Dieses Modell bildet Fähigkeiten im technischen Bereich ab, aber auch im künstlerischen, sozialen oder unternehmerischen.

Experimenta
Was läuft denn da? Das "Strandbeest“ des niederländischen Künstlers Theo Jansen vereint Kunst und Wissenschaft
© Matthias Stark

Beschäftig man sich mit der Experimenta, stößt man erstaunlich oft auf den Begriff „humanistische Wertvorstellungen“. Das klingt ungewöhnlich für ein Science Center ...

Bei allem Fortschritt, den wir haben – ob das Künstliche Intelligenz ist oder Robotik oder Gentechnik – muss ich mich doch fragen, wie die Gesellschaft der Zukunft aussehen soll. Wollen wir alles, was technisch oder medizinisch möglich ist? Natürlich ist es toll, wenn wir eine Krankheit heilen können, die durch einen Gendefekt hervorgerufen wird. Das wird keiner in Frage stellen. Aber sollten wir auch einen Menschen designen? Solche Dinge müssen wir hinterfragen. Wir erleben eine Wissensexplosion auf allen Feldern. Vieles wird sich nicht in den nächsten Jahrzehnten, sondern bereits in den nächsten Jahren gravierend ändern. Umso mehr braucht es einen ethisch-moralischen Wertekompass. Die Experimenta möchte ein Ort sein, der Menschen dabei hilft, diesen für sich zu finden.

Experimenta
"Star Trek“ lässt grüßen: Besucher können ein 3D-Hologramm von sich erstellen
© Matthias Stark

Aufhalten lassen wird sich der Fortschritt jedoch nicht.

Richtig. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass jeder Wissenschaftler, der forscht, weiterforschen wird. Das war schon bei Leonardo da Vinci so. Es wird nicht funktionieren, Schranken zu ziehen und zu sagen, an dieser Stelle wird jetzt nichts mehr erforscht oder erfunden. Was legitim ist und was nicht, was wir anwenden wollen und was nicht, das muss dann in einem Diskurs in der Gesellschaft entschieden werden. In einer zunehmend komplexeren Welt ist das eine riesige Herausforderung, der wir uns auch als Science Center stellen und versuchen müssen, eine Plattform zu bilden für die Wissenschaft auf der einen und die gesellschaftliche Diskussion auf der anderen Seite.

Obwohl wir heute so viel wissen wie nie zuvor, scheint bei vielen Menschen zugleich die Verunsicherung so groß wie nie zuvor. Wie passt das zusammen?

Weil ein einzelner Mensch den enormen Wissenszuwachs gar nicht mehr erfassen kann. Wir werden in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten möglicherweise so viel Wissen anhäufen wie in den vergangenen 2000 Jahren. Das führt zwangsläufig dazu, dass ich unsicher werde. Man merkt das selbst bei großen Wissenschaftlern oder Führungspersönlichkeiten, bei denen ständig ein ‚sowohl als auch‘ als Antwort kommt.

Und was hilft dagegen?

Wir müssen die Menschen befähigen, die Wissensflut zu beherrschen. Dazu gehört, zu wissen, woher man Informationen schnell und zuverlässig bekommt. Aber auch zu lernen, Dinge zu verknüpfen und Zusammenhänge herzustellen – auch unter Nutzung moderner Technik. Das klassische Pauken wird hingegen unwichtiger.

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Die Experimenta Heilbronn ist mit 25.000 Quadratmetern Fläche das größte Science Center Deutschlands. Auf vier Etagen finden sich 275 interaktive Mitmachstationen
© Matthias Stark

Hat jemand, der Innovationen eher ängstlich gegenübersteht, einen anderen Blick auf die Welt, nachdem er die Experimenta besucht hat?

Es wäre sicherlich vermessen zu sagen, dass sich nach einem Besuch in der experimenta das Leben ändert. Doch es gibt sicherlich Aha-Effekte, die dadurch entstehen, dass man plötzlich Dinge versteht. Ich will nicht dafür plädieren, alles aufs ganz Simple herunterzubrechen. Aber jeder Wissenschaftler weiß, dass es manchmal viel einfacher ist, vor einem Fachpublikum zu referieren als etwas so zu erklären, dass es der normale Bürger versteht. Aber genau darum müssen wir uns bemühen. Denn wenn ich das nicht hinbekomme, koppelt sich Wissenschaft ab.

Wie viel Spaß darf lernen denn machen?

Mein Eindruck ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Spaß oft im Vordergrund steht und man für jede noch so kleine Anstrengung gelobt wird. Loben ist natürlich nicht falsch, weil damit auch Motivation geschaffen wird. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass gerade die MINT-Fächer auch Mühe und Anstrengung bedeuten. Der beste Weg ist, diese Mühe mit der Neugier, die jeder in sich trägt, zu verbinden. Klar ist: Spaß alleine reicht nicht aus. Leben heißt sich Mühe geben.

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Planetarium und Hightech-Theater: Die Vorführungen im Science Dome paaren Wow-Effekte mit Wissenschaft
© Experimenta

Meinem Chemie-Lehrer ist es nicht wirklich geglückt, meine innere Neugier zu entfachen...

Man muss ehrlicherweise sagen, dass die Lehrer in früheren Jahren nicht so viele Möglichkeiten hatten. Aber zumindest heute sollten wir anfangen, das Lernen neu zu definieren. Sie lernen ja nicht nur in der Schule, sondern viel mehr außerhalb der Schule, sogar im Schlaf. Lernen ist ein fortwährender Prozess, zu dem außerschulische Lernorte wie Science Center einen wesentlichen Beitrag leisten können. Ich würde mir wünschen, dass noch sehr viel mehr Lehrer mit ihren Klassen Schultage in einer Umgebung wie der unseren verbringen. Schüler lernen hier interaktiv mit den Exponaten, forschend in den Laborkursen und audio-visuell im Science Dome. Wenn man diese Angebote mit den Schulstoff verknüpft, ist der Lernerfolg definitiv größer. Bei vielen Lehrern müssen wir hier aber noch Überzeugungsarbeit leisten.


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