Höhlendrama Interview: Das Drama in der Höhle

Vor fünf Jahren kletterte GEO-Expeditionsredakteur Lars Abromeit mit dem nun verunglückten Forscher Johann Westhauser in der Riesending-Schachthöhle. Hier erzählt er im Interview über die schwierigen Bedingungen in Deutschlands tiefster Höhle

GEO.de: Lars, du hast Johann Westhauser vor fünf Jahren auf einer Expedition in das Riesending kennen gelernt. Was für ein Typ ist er?

Lars Abromeit: So, wie ich Johann erlebt habe, ist er ein sehr besonnener, sehr erfahrener, zuverlässiger und konditionell sehr starker Höhlenforscher. Er überlegt immer genau, was er tut und wie er sich am besten in dem System bewegt.

Wie ist der aktuelle Stand der Rettungsaktion?

So weit ich weiß, geht es ihm etwas besser, als man zunächst befürchtet hatte. Er ist ansprechbar und kann wohl zumindest mit Hilfe stehen und sich ein paar Schritte bewegen. Der nächste Schritt ist jetzt, zu überlegen, ob er selbst Teile dieser doch sehr weiten Strecke zurück zum Ausgang bestreiten kann. Das würde die Situation extrem verbessern. Mit einem Verletzen, der bewegungsunfähig ist, sind manche Passagen nahezu unmöglich zu bewältigen. Ich denke, das Wichtigste ist jetzt, dass ein Arzt zu ihm vordringt. Einer der Ärzte musste aufgeben, und nun läuft wohl gerade der zweite Versuch. Es gibt eben nicht viele Ärzte, die so etwas können.

Wie groß ist die Gefahr einer Unterkühlung? Dort unten sollen 1,5 Grad Celsius herrschen ...

Ja, die Kälte ist auf jeden Fall eines der Hauptprobleme, zumal über längere Zeit. Auch wenn Westhauser mit Schlafsäcken und anderen Mitteln versorgt ist.

In der Riesending-Höhle lauern zahlreiche Gefahren. Einige davon hast du selbst kennengelernt ...

Das Riesending ist sehr verzweigt und weit über tausend Meter tief. Es gibt viele lange, steile, komplett finstere Schächte, in denen man sich abseilen muss. Die größten Gefahren hier sind Steinschläge und Wassereinbrüche nach plötzlichen Regenfällen oder Gewitter. Als wir damals für GEO dort unten unterwegs waren, trat jemand aus dem Team über uns einen Stein los, der wie ein Geschoss auf uns zukam. Er hat uns nur um wenige Meter verfehlt. Das ist einer dieser Schreckmomente, die man nicht erleben will. Aber jetzt scheint so etwas Ähnliches passiert zu sein.

Wie tief warst du selbst in der Höhle?

Wir waren damals im Lager 1, das liegt etwa in 350 Meter Tiefe. Wir bekamen einen guten Eindruck von den Dimensionen der Höhle, aber es ist natürlich nochmal etwas ganz anderes, bis ganz unten vorzudringen. Der Höhlenforscher Johann Westhauser liegt momentan in rund 1000 Metern Tiefe.

Was ist der Unterschied zu anderen Höhlen, in denen du schon geklettert bist?

Jede hat ihren ganz eigenen Charakter. Wir waren zum Beispiel in den Unterwasser-Höhlen auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán, wo Archäologen jahrhundertealte Skelette erforschen, die sich dort erhalten haben. Hier ist das Problem, dass man nicht so schnell auftauchen kann, wenn etwas passiert. In China wiederum ging es um die Erforschung unterirdischer Wassersysteme in sehr großen Höhlen. Dort hat man das Problem, dass die Infrastruktur wesentlich schlechter ist als in Europa. Rettungsteams müssten aus Europa oder den USA eingeflogen werden. Zumindest das ist ja bei der Rettungsaktion im Riesending nicht das Problem.

Nach dem, was jetzt passiert ist: Würdest du noch einmal in das Riesending klettern?

Ich werde auf jeden Fall für GEO weiterhin in Höhlensysteme gehen. Ich glaube, dass dort noch fantastische Welten zu entdecken sind, und dass auch wissenschaftlich noch eine Menge spannende Fragen dort zu erforschen sind. Der Riesending-Schacht ist allerdings eine der extremsten Höhlen, die ich bisher kennengelernt habe, und da wäre ich persönlich jetzt vorsichtig. Der Unfall hat gezeigt, dass man die Gefahren unter- und die eigenen Kräfte überschätzen kann. Ich würde nochmal reingehen, mir aber vorher ganz genau überlegen, was ich guten Gewissens meistern kann.

 

Interview: Das Drama in der Höhle

Lars Abromeit auf dem mühsamen Weg in die Tiefe des weit verzweigten Höhlensystems

"An diesen geschundenen Strick soll ich mein Leben hängen?"
Höhlenforschung
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Lesen Sie hier die Reportage von Lars Abromeit aus GEO Nr. 1/2010 über seine Expedition in das Riesending bei Berchtesgaden

Lars Abromeit als Gast in der ZDF-Talkrunde "Markus Lanz" (Sendung vom 10.6.2014)

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